Standesamt - Christina und Maximilian Reuter heiraten während der Corona-Krise / Familie und Freunde überraschen das Brautpaar – auf der Straße und zu Hause „Die Hochzeit war unser Tag, unser Moment“

Von 
Vanessa Schwierz
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Allein: Christina und Maximilian Reuter mit der Standesbeamtin und der Fotografin – ein intimer Moment für das Brautpaar. © Bühler

Im weißen Kleid schreitet die Braut am Arm ihres Vaters den Flur entlang in das Trauzimmer des Rathauses. Dort warten neben der Familie und Freunden bereits der Bräutigam und die Standesbeamtin auf die Braut. Nach der Trauung gratulieren die Anwesenden, freuen sich mit dem Ehepaar. Hier eine Umarmung da ein Küsschen für die Frischvermählten. Ein Szenario, das während der Corona-Krise nicht vorstellbar ist. Deshalb wurden viele Hochzeiten abgesagt.

Diese Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus müssen eingehalten werden

Besondere Regeln und Maßnahmen müssen umgesetzt werden, um auch in Zeiten der Corona-Krise im Standesamt heiraten zu können. Viele der geplanten Hochzeiten im Hockenheimer Standesamt wurden verschoben, einige sogar abgesagt. Neue Trautermine wurden nicht vergeben, lediglich die durchgeführt, die bereits geplant waren. Von Mitte März bis Ende Mai waren dies nach Angaben der Pressestelle der Stadt knapp zehn Eheschließungen.

Zu Beginn der Corona-Krise waren Trauungen nur mit drei anwesenden Personen erlaubt, das heißt: Brautpaar und Standesbeamtin. Seit dem 4. Mai gelten gelockerte Regelungen, die auch – Stand 2. Juni – weiterhin ihre Gültigkeit haben, wie Judith Böseke, Pressesprecherin der Stadt, auf Nachfrage mitteilt. Seit Anfang Mai dürfen Trauungen mit maximal fünf Personen durchgeführt werden, also neben der Standesbeamtin und dem Brautpaar mit zwei weiteren Personen. „Dabei müssen natürlich die bekannten Hygieneregeln und ein ausreichender Sicherheitsabstand zwischen den anwesenden Personen eingehalten werden – dies gilt mit Ausnahme für das Hochzeitspaar“, erklärt Christian Stalf, Pressesprecher der Stadt.

So wurde auch der gewöhnliche Ablauf durcheinandergeworfen. Durch den Eingang an der Oberen Hauptstraße kommt das Brautpaar normalerweise ins Rathaus. Die Standesbeamtin schließt im Trauzimmer die Ehe – mit der Gesellschaft, die das Paar dabei hat. „Mit dem Beginn der Corona-Zeit haben wir diesen Ablauf umgestellt: Seitdem holen die Mitarbeiter des Standesamts das Brautpaar und die beiden weiteren Personen (seit 4. Mai) am Eingang im Neubau, also Ecke Ottostraße/Rathausstraße, ab. Sie gehen dann gemeinsam durch das Rathaus zum Trauzimmer“, erklärt Stalf. Am eigentlichen Vorgang der Trauung habe sich allerdings nichts geändert. „Die Standesbeamten halten eine Traurede, damit der Tag für das Brautpaar einzigartig ist“, betont Pressesprecher Christian Stalf auf Nachfrage.

Und wie in vielen Bereichen des Lebens werden auch im Trauzimmer die Medien immer wichtiger. Denn viele Eheschließungen wurden mit der Videokamera aufgezeichnet, was vor der Corona-Krise nicht häufig der Fall war. „Damit kann der Rest der Familie die Eheschließung anschließend ebenfalls miterleben“, freut sich Stalf über diese Möglichkeit.

Ein generelles Fazit der Brautleute gebe es nicht, denn viele Ehepaare melden sich nach der Trauung nicht mehr im Standesamt. „Seit dem Ausbruch des Coronavirus gehen nach der Trauung aber vereinzelt E-Mails und Anrufe von Brautpaaren ein, die oft sehr glücklich und dankbar sind, dass sie die Trauung trotz Coronavirus im Rathaus durchführen konnten“, sagt Stalf. vas

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Aber nicht jedes Paar ließ sich davon abhalten. Für Christina und Maximilian Reuter war der 9. Mai ein Tag, den sie in ihrem Leben niemals vergessen werden und vergessen wollen. Das frisch verheiratete Paar ist mehr als glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein und in der Corona-Krise ja zueinander gesagt zu haben.

Seit fünf Jahren ein Paar

Mit dem runden Babybauch sitzt Christina Reuter am Tisch und erzählt, dass die beiden sich das erste Mal an Heiligabend 2012 gesehen haben. „In der Firma, in der Maximilans Onkel Niederlassungsleiter ist, fing ich im Oktober an zu arbeiten“, beginnt sie von den Anfängen zu erzählen, dass der Onkel des 32-Jährigen einen Anstoß gab. Christina und Maximilian waren zu dem Zeitpunkt beide frisch getrennt. „Ich wollte erstmal nichts Neues“, sagt die 29-Jährige.

2014 begann dann auch Maximilan in der Firma zu arbeiten, nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte. Und so war der Weg in Richtung Beziehung geebnet. Christina und Maximilian lernten sich über die Monate besser kennen, trafen sich. Am 2. Oktober 2015 passierte es – die beiden wurden ein Paar. Gemeinsam reisten sie herum in der Welt, entdeckten viele Orte. Sollte es zu einer Hochzeit kommen, dann mit Babybauch, waren sich die Verliebten schon vor einigen Jahren einig.

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Und so war im Oktober 2019 der Moment gekommen. Christina wurde schwanger. Einer Hochzeit im Frühjahr würde demnach nichts im Wege stehen. Noch Anfang Februar war das Paar im gemeinsamen Urlaub in Dubai. „Am 1. Februar habe ich ihr dann einen Heiratsantrag gemacht“, sagt der 32-jährige Reuter und lächelt. Zurück in Deutschland gingen die Planungen los. Corona war schon allgegenwärtig – aber dass es solche Ausmaße, wie es dann im März passierte, annehmen würde, war keinem klar.

Die Trauung der Verliebten sollte in der Eremitage in Waghäusel stattfinden. Die Planungen liefen super. Alles war vorbereitet. Die Fotografin gebucht, das Essen bestellt. Reuters waren optimistisch: „Ach bis dahin passt das schon.“ Doch dann wurde es immer enger. Die Corona-Einschränkungen ließen eine Trauung in der geplanten Form nicht zu. Eine schwere Zeit für das Paar, das vor Familie und Freunden seine Liebe besiegeln wollte. Vor allem für Braut Christina sorgten diese Ungewissheit und die Überlegung einer möglichen Absage der Hochzeit für schlaflose Nächte. Nervosität und Ungewissheit über den Hochzeitstag waren an der Tagesordnung. Dazu kam, dass die geplante dreistöckige Torte von Woche zu Woche niedriger wurde. Tränen flossen bei ihr – nachts und morgens. „Ob die Hormone es noch verstärkt haben, kann ich nicht abstreiten“, sagt die Schwangere und kann mittlerweile auch darüber lachen.

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Zwei Tage vor der Trauung, am Donnerstag, 7. Mai, wollte die 29-Jährige alles absagen. „Ich hatte Angst, dass ich das emotional nicht kann“, erklärt sie ihre Bedenken. Doch diese waren völlig umsonst: Das verliebte Paar hielt zusammen, gab sich gegenseitig Halt in der ungewissen und nicht einfachen Zeit. Wenn die beiden während des Gesprächs auf den Tag zurückblicken, leuchten ihre Augen, beide sind glücklich, strahlen vor Freude und Glück um die Wette. Sie haben es getan, sind diesen Schritt gemeinsam gegangen – und er war richtig, wie sie beide immer wieder betonen.

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Auch auf Kleinigkeiten, die zu einer Hochzeit dazugehören, haben sie geachtet. Die Nacht vor der Hochzeit verbrachten sie getrennt – gesehen haben sie sich das erste Mal im Hockenheimer Standesamt. „Etwas Normalität wollten wir, schließlich mussten wir ja auch unsere Junggesellenabschiede absagen“, sagt Maximilian Reuter und ergänzt: „Die Trauung war ganz individuell. Nur wir beide, die Standesbeamtin und die Fotografin. Nicht nur für uns beide war es ein sehr emotionaler und schöner Moment – auch für die Standesbeamtin.“

Candle-Light-Dinner für zwei

Als das frisch getraute Ehepaar das Hockenheimer Standesamt verließ, hieß es „Überraschung“. Die engsten Familienmitglieder warteten vor der Tür und gratulierten den Reuters – mit Abstand. Doch dann ging es weiter. Eine emotionale Achterbahnfahrt für das Brautpaar, die bis zum Abend anhalten sollte – und ihnen vor Augen führte, dass sie alles richtig gemacht haben. Familie und Freunde hatten etwas ganz Besonderes vorbereitet. Das Brautpaar stieg in ein Cabrio und wurde, „wie eine Faschingsprinzessin“ über eine festgelegte Route gefahren. „An den Straßen standen dann Familie und Freunde, jubelten dem Paar zu und klatschten für sie. „Von den Emotionen hat wirklich nichts gefehlt“, betont Christina Reuter, die am Anfang so sehr zweifelte. „An dem Tag ging es wirklich nur um uns. Wir sind heute noch geplättet“, sagt Maximilian Reuter.

Und da Familie und Freunde an alles gedacht hatten, sollten die Überraschungen nicht so schnell abklingen. Nach der Spritztour wurde das Brautpaar nach Hause gebracht. Dort war alles vorbereitet. Es gab ein Candle-Light-Dinner. „Das Menü, das wir für die Hochzeitsfeier geplant hatten, haben wir dann zu Hause bekommen – nur wir beide“, erzählt der 32-Jährige. Zusätzlich gab es noch eine Videobotschaft. Freunde und Familie hatten Botschaften für die Verliebten aufgenommen: kreativ, lustig und emotional. „Es hat uns gezeigt, wie wertvoll es ist, wenn Freunde und Familie hinter einem stehen. Wir sind ihnen so dankbar, dass sie so viel gemacht haben und diesen Tag zum Schönsten werden ließen“, betont Christina Reuter.

Auch eine After-Wedding-Feier plant das Ehepaar Reuter. Aber ohne Brautkleid und Jawort – einfach eine Feier mit den Menschen, die ihnen am Herzen liegen. Die Trauung im Standesamt wurde zudem aufgenommen und kann noch einmal erlebt werden.

Flitterwochen mit der Tochter

Einen Vergleich hat das glückliche Ehepaar nicht – wie wäre es gewesen, wenn alle dabei gewesen wären? Aber das wollen sie auch gar nicht. „Es gibt so viel Wichtiges im Leben. Wir wollen niemandem etwas zeigen. Es war unser Tag, unser Moment“, sagt Maximilian Reuter selbstbewusst. Im Jahr 2021 will das Ehepaar gemeinsam mit Tochter Emilia, die im Juli zur Welt kommen soll, in die Flitterwochen und diese noch mit der Feier des 30. Geburtstags von Christina Reuter verbinden. Vielleicht schwelgen sie dann in Erinnerungen, lassen den Tag Revue passieren, wenn die Aufnahme des Jaworts über den Bildschirm flimmert.

Autor Redakteurin für Print und Online in Hockenheim, Altlußheim, Neulußheim und Reilingen