Sommerinterview - Fraktionsvorsitzende Marina Nottbohm und die Vorsitzende des Ortsvereins Ingrid von Trümbach-Zofka zu den Erwartungen an den neuen OB und die Ringführung Die Konsolidierung des Rings vorantreiben

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Sascha Balduf
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Das Jahr war bisher besonders vom Wandel geprägt: Neue Mitglieder im Gemeinderat, die Wahl eines neuen Oberbürgermeisters und ein Führungswechsel am Hockenheimring. Klimawandel und Digitalisierung werfen drängende Fragen auf. Wie gehen die Parteien mit dem Wandel um und welche Pläne haben sie? Im Interview stellen sich für die Hockenheimer SPD Marina Nottbohm und Ingrid von Trümbach-Zofka unseren Fragen.

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Die Sitzverteilung im Gemeinderat ist seit der Kommunalwahl eine andere. Was bedeutet die Veränderung für Sie?

Marina Nottbohm: Dass wir einen Sitz verloren haben, ist hart für uns. Jetzt müssen wir im Gemeinderat noch engagierter Präsenz zeigen und uns für unsere Themen immer wieder Verbündete suchen. Politik „links von der CDU“ zu machen, ist nicht einfach, auch durch die Nähe der Hockenheimer Grünen zur CDU.

Ingrid von Trümbach-Zofka: Es ist sehr schade, dass der SPD-Ortsverein, der in der Vergangenheit gute Arbeit im Gemeinderat geleistet hat und immer in der Bevölkerung präsent war, von der schlechten Stimmung im Bund angesteckt wurde und einen Sitz verloren hat. Dadurch wird es natürlich umso schwerer, in Hockenheim sozialdemokratisch geprägte Ideen zu verfechten. Ich betrachte meine Partei auch immer noch als Partei „der kleinen Leute“, für die es wichtig ist, eine eigene Interessensvertretung zu haben.

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Welche Impulse wünschen Sie sich vom neuen Oberbürgermeister Marcus Zeitler?

Nottbohm: Ich bin gespannt auf die Impulse des neuen OB. Sozialer Wohnungsbau, Zukunft des Hockenheimrings oder auch unser andauerndes Problemkind Aquadrom ... es gab und gibt viel zu tun.

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Von Trümbach-Zofka: Herr Zeitler ist ein sehr aktives CDU-Mitglied, was im Wahlkampf deutlich zu sehen und zu hören war. Trotzdem erwarten wir von ihm, auch mit allen anderen Parteien vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, so wie wir es von Herrn Gummer gewohnt sind. Ich persönlich bin gespannt, wie Herr Zeitler, im Übrigen ein großer Verfechter der Nachhaltigkeitssatzung, viele seiner Ideen verwirklichen will, ohne zusätzliche Gelder aufzunehmen.

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Glasfaser und 5G: hinkt Hockenheim in Sachen Infrastruktur hinterher?

Nottbohm: Leider ja. Hier hoffe ich mal, dass sich der neue OB energischer für den Ausbau (Glasfaserausbau innerstädtisch) einsetzt als seine eigene Partei.

Von Trümbach-Zofka: Ja, leider! Zwar sind wir im Industrie- und Gewerbegebiet Talhaus inzwischen auf einem guten Weg, aber in den Wohngebieten liegt vieles im Argen. Zum Beispiel sind Menschen, die zuhause arbeiten und große Datenmengen senden und erhalten, auf eine bessere digitale Infrastruktur angewiesen. Leider wurde aber schon vor geraumer Zeit von der Mehrheit des Gemeinderates eine Verlegung von Lehrrohren für Glasfaserkabel in der Oberen Hauptstraße abgelehnt.

Klimawandel und Umweltschutz sind auch auf Kommunalebene heiß diskutierte Themen. Was kann dabei in Hockenheim besser gemacht werden?

Nottbohm: Global denken und lokal handeln! Hockenheims Agendagruppen machen es vor (zum Beispiel auf dem kürzlich begangenen „Tag der Umwelt“). Ich setze auf eine nachhaltige Mobilität in unserer Stadt. Der Radverkehr sollte deutlich gestärkt werden, der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden (zum Beispiel Richtung Walldorf/Wiesloch) und insgesamt muss es unser Ziel sein, die Anzahl der Autos zu verringern.

Von Trümbach-Zofka: Mit dem Bau des zweiten Blockheizkraftwerkes sind wir in Hockenheim bereits jetzt besser aufgestellt als andere Kommunen. Die zukünftigen Bewohner des Messplatzes und des neuen Pflegeheims St. Elisabeth werden damit in Zukunft mit Fernwärme versorgt. Des Weiteren müssen das innerstädtische Radwegenetz und die Versorgungsinfrastruktur für Elektrofahrzeuge ausgebaut werden. Auch ist jeder Bürger gefragt, im persönlichen Umfeld auf Umweltschutz zu achten, Müll zu vermeiden und diesen auf keinen Fall wild zu entsorgen; dafür sollten auch Bußgelder wie zum Beispiel in Mannheim eingeführt werden. Und natürlich darf unser Wald nicht für Lkw-Stellplätze geopfert werden!

Am Hockenheimring folgen auf Georg Seiler zwei neue Geschäftsführer. Was erwarten Sie von Jorn Teske und Jochen Nerpel?

Nottbohm: Mit dem Ingenieur Nerpel und dem Marketingmann Teske wurde ein sehr kompetentes Team gefunden, dass den Hockenheimring in eine gute Zukunft führen kann. Unsere Fraktion wünscht sich für die Verantwortlichen am Ring eine weitergehende vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Emodrom group. Ja, der Ring gehört zu Hockenheim, aber wir brauchen kräftige Unterstützung, die Stadt alleine wird die erforderlichen Kosten nicht stemmen können.

Von Trümbach-Zofka: Ich erwarte, dass der bereits eingeschlagene Weg der Konsolidierung des Rings weiterbetrieben wird; Schulden müssen weiterhin abgebaut werden. Da die Zukunft des Motorsports ungewiss ist, müssen gemeinsam mit unserem Partner Emodrom andere Geschäftsfelder erschlossen und der Ring weiterentwickelt werden. Attraktive Veranstaltungen sowie Angebote für Hockenheimer Bürgerinnen und Bürger werden auch in Zukunft zum guten Image des Hockenheimrings beitragen.

Wie könnte das Thema Sozialer Wohnraum beschleunigt werden?

Nottbohm: Als Allererstes müssen wir uns (erneut!) auf die Suche nach Grundstücken machen! Wir in der SPD konnten uns – als einzige Fraktion – auf fast allen für den sozialen Wohnungsbau vorgeschlagenen Grundstücken eine kleinteilige Bebauung vorstellen. Keiner will große Klötze, aber wir sollten im Gemeinderat jetzt mal mutig voranschreiten und bitte gleich mehrere Gebiete benennen, in denen neuer Wohnraum geschaffen werden kann (zum Beispiel im Sanierungsgebiet an der Oberen Hauptstraße).

Von Trümbach-Zofka: Das können Kommunen alleine nicht schultern, hierzu werden Bundes- und Landesmittel benötigt, die von der Verwaltung frühzeitig abgerufen werden müssen. Um zeitnah bauen zu können, muss sich das Baugelände in städtischer Hand befinden, denn wenn erst noch mit privaten Eigentümern verhandelt werden muss, kann das eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Zum Beispiel ist Hockenheim Eigentümerin eines größeren Geländes in der Oberen Hauptstraße Süd, hier kann sofort mit der Planung für bezahlbaren Wohnraum begonnen werden; der von der CDU geforderte Kindergarten ist an dieser Stelle nicht sinnvoll und kann am Reiterplatz erfolgen, wo keine Wohnbebauung stattfinden darf. In diesem Zusammenhang muss ich auch mal wieder an den Schandfleck Obdachlosenheim im Hofweg erinnern und an die Dringlichkeit, diesen zu entfernen.

Die Verwaltung wird immer wieder wegen fehlender Transparenz kritisiert. Wie könnte der Dialog mit dem Bürger besser gestaltet werden?

Nottbohm: Meiner Meinung nach sind wir da auf einem guten Weg. Aber es wird auch in Zukunft nichtöffentliche Sitzungen geben, in denen Vorberatungen des Gemeinderates stattfinden. Die Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung, die in den letzten Jahren begonnen wurden, machen Sinn und es sollte sie auch in Zukunft geben.

Von Trümbach-Zofka: Es ist nicht fair, der Verwaltung ständig fehlende Transparenz vorzuwerfen. Bürgerinnen und Bürger haben viele Möglichkeiten, an Informationen zu kommen, auch über digitale Medien. Gemeinderats- und Ausschusssitzungen sind zum großen Teil öffentlich, aber meine Erfahrungen zeigen, dass Sitzungen von den meisten nur besucht werden, wenn die Themen persönlich gerade passen. Natürlich sind zu größeren Vorhaben öffentliche Bürgerdialoge sinnvoll.

In welchem Bereich ist Hockenheim besonders gut aufgestellt?

Nottbohm: Hockenheim punktet vor allem durch seine vielen ausgezeichneten Angebote für seine Bürger. Stadthalle, Pumpwerk, Gartenschaupark, Aquadrom und das „HÖP“, das neue Naherholungsgebiet. Welche Stadt von dieser überschaubaren Größe kann Vergleichbares bieten?

Von Trümbach-Zofka: Mit dem Hochwasser- und Ökologieprojekt hat Hockenheim, wenn es einmal fertiggestellt ist, ein Vorzeigeprojekt der besonderen Art. Land und Stadt lassen sich dies auch stolze 14 Millionen Euro kosten, was eine sehr gute Investition in die Zukunft ist. Überhaupt ist Hockenheim eine grüne Stadt; auch auf das Landesgartenschaugelände kann man richtig stolz sein. Ein weiteres großes Plus sind in Hockenheim die Stadtwerke, die zwar ein kleines aber auch ein feines Versorgungsunternehmen in städtischer Hand sind. Mit der Zehntscheune und dem Platz davor hat Hockenheim eine attraktive Begegnungsstätte in der Stadtmitte.

Wo könnte nachgebessert werden?

Nottbohm: Mehr Kita-Betreuungsplätze, auch für die ganz Kleinen. Und eine Fokussierung auf die Hockenheimer Schulen, einschließlich der Nachmittags- und Ferienbetreuung von Grundschülern.

Von Trümbach-Zofka: Da gibt es einiges, was man noch zusätzlich aufzählen muss, es fehlt bezahlbarer Wohnraum, Schulen müssen saniert beziehungsweise gebaut werden, es fehlen Kindergartenplätze und einige Straßen müssen dringend saniert werden.

Wie sieht Ihr Wunsch-Hockenheim in zehn Jahren aus?

Nottbohm: Ich würde gerne angstfrei mit meinem Rad zum Einkaufen in die autofreie Karlsruher Straße fahren. Viele junge Familien, aber auch ältere Leute mit geänderten Lebensumständen, finden endlich wieder finanzierbaren Wohnraum in Hockenheim. Stichwort: „Sozialbelegungsquote“. Die Förderung und Finanzierung von Kindergärten und Schulen muss in Hockenheim erste Priorität haben! Aber das geht nur, wenn wir die Nachhaltigkeitssatzung entweder ergänzen oder zeitweise aussetzen, denn eine Infrastruktur, die ungebremst dahinsiecht, ist alles andere als nachhaltig und bedeutet eine unzumutbare Rechnung, die wir den kommenden Generationen überlassen.

Von Trümbach-Zofka: Ich wünsche mir für alle Altersklassen genügend Plätze: für die Kinderbetreuung, für die Schülerinnen und Schüler an allen Schularten, für alle die Arbeit suchen und für unsere Seniorinnen und Senioren, die gepflegt werden müssen. Es wäre schön, wenn es in der Innenstadt wieder schöne Geschäfte gäbe, die zum Bummeln einladen oder generell zur Versorgung der Bevölkerung beitragen. Und ich wünsche mir auch weiterhin ein reges Vereins- und Kulturleben.

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