Stadthalle - Jahreskonzert der Stadtkapelle mit Dirigent Dominik M. Koch / Youngsters eröffnen den Abend mit Adaption zu amerikanischer Fernsehserie „Game of Thrones“ Die Seele der Zuhörer streicheln

Von 
Matthias H. Werner
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Das Jugendorchester der Hockenheimer Stadtkapelle sorgt für eine mystisch-geheimnisvolle Atmosphäre und begeistert das Publikum, das die jungen Musiker mit Applaus belohnt. © Lenhardt

Im Sommer 2007 spielte die Stadtkapelle ein Konzert mit „klanglichem Sex-Appeal“ und erstmals unter der Leitung eines Studenten mit Namen Dominik M. Koch. Zwölf Jahre später hat sich die Anzahl der Instrumentalisten im Orchester glatt verdoppelt, aus dem damals mit Verlaub etwas zotteligen jungen Mann am Pult ist ein grandioser, gefeierter und erfolgreicher Dirigent geworden, dessen Aura und höchst gepflegtes Dirigat aus einem Orchester einen perfekten Klangkörper formt und der gerade zum Zweiten Musikoffizier und stellvertretenden Leiter des Heeresmusikkorps Ulm berufen wurde – dazwischen liegt ein weiterer Niveausprung einer guten Stadtkapelle zu einem erstklassigen Sinfonischen Blasorchester.

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Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Dirigent und Orchester gegenseitig nach oben gebracht haben, war am Sonntagabend beim traditionellen Jahreskonzert des Orchestervereins zu erleben: Ein durchweg begeistertes, zwischendurch auch völlig ausgelassenes Publikum, das die gute Stube der Rennstadt bis auf den letzten Platz und darüber hinaus füllte, lauschte gebannt einer Mischung aus Musikwerken, von der selbst ein sehr guter durchschnittlicher Musikverein nicht einmal zu träumen wagt.

Das gilt nicht nur für das Hauptorchester, sondern auch für die Youngsters, die wie gehabt die Eröffnung gaben: Die 38 jungen Musiker um ihren Leiter Alexander Six gaben mit einer Bocook-Adaptation zur Musik der bekannten amerikanischen Fantasy-Fernsesehrie „Games of Thrones“ einen Vorgeschmack auf das, was den restlichen Abend kommen wird im Spannungsbogen zwischen zarten Tönen und massiver Klanggewalt. Dabei verfügt das Jugendorchester bereits über einen bemerkenswert reifen Genius in Technik und Dynamik, der vielen Musikensembles abgeht. Unter Six hat die Jugend an Format und Qualität derart gewonnen, dass sie spielend mit vielen Hauptorchestern mithalten kann – fein in den Nuancen, mit einem ausgeprägten Gespür für die dramatische Spannung der Musik, interpretatorischer Tiefe und großer Kohäsionskraft.

Mystische Atmosphäre

So auch mit dem Highlight des Jugendorchesters, Steven Reinekes programmatisches Konzertwerk „The Witch amd the Saint“, aus dem das Jugendorchester (als Solisten Saskia Krämer an der Oboe, Noah Mitsch am Saxophon und Julia Martens am Horn mit ganz besonders reinem, anrührendem Ton) die mystisch-geheimnisvolle Atmosphäre in stark verdichteten Motiven destillierte und so Musik zum Ansehen schuf. Kein Wunder, dass nach den stehenden Ovationen für die jungen Musiker bereits vor der Pause eine Zugabe fällig war, bei der auch der „wahre Nachwuchs“ mit den Orchester-Minis und den Junioren zum Zug kam.

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Dominik M. Koch brannte gleich vier musikalische Feuerwerke ab, mit denen er – wie immer abwechslungsreich, mutig und selbstbewusst – zum einen der zeitgenössischen Musik viel Raum bot, aber auch die Seele der Zuhörer streichelte. Das Highlight aus der Feder des 35-jährigen spanischen Komponisten und Dirigenten José Alberto Pina: „The Ghost Ship“, das erst vor zwei Jahren uraufgeführt wurde. Über den zarten Einstieg im tiefen Blech findet man sich schnell in der reich ausgestalteten dramatischen Situation und einem Fortissimo, in dessen überreicher klanglicher Farbenpracht die Nuancen dafür sorgen, dass der Zuhörer gebannt lauscht, bevor es in einem Rundgang durch die Kabinen zu einer genialen Explosion motivischer Kniffe, dynamischer Abenteuer und stilistischer Variationen kommt – genüsslich ausgespielt von einem Orchester, das sich ausleben will und das technisch und interpretatorisch auch vermag und die vielschichtige, eloquente Musiksprache so gut versteht, dass seine intonierten Erzählungen dem Zuhörer punktuell den Atem rauben.

All das galt auch für David Mas-lankas kurze, zweisätzige Sinfonie „Give us this day“, in der sich der Komponist weit von der gängigen Tonsprache entfernt und das Gewollte in reinen Klang auflöst und für Guido Rennerts „Große Suite über Winnetou“, mit dem der deutsche ausgewiesene Blasmusikkomponist den Geist und die Emotion des kultigen Indianerhäuptlings – übrigens aus der Feder von Karl May, der in der Hockenheimer Partnerstadt Hohenstein-Ernstthal geboren wurde und nie die Gegenden gesehen hat, über die er so exzellent und fesselnd schrieb – einschließlich der herausragenden Mundharmonika-Soli von Tobias Haak und zarter Flötentöne von Julia Berger in Töne gießt.

Orchester auf hohem Niveau

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Das Jahreskonzert hat einmal mehr bewiesen: Dominik M. Koch ist ein Glücksfall für die Stadtkapelle, weil er bei Werkauswahl und Orchesterführung eine schlafwandlerische gute Hand hat und auch die kleinsten Details, die erst die große Klasse eröffnen, zum erklingen bringt. Umgekehrt ist auch die Stadtkapelle ein Glück für den aufstrebenden Dirigenten: Ein lernwilliges, technisch hochpräzises Orchester, das auch auf höchstem Niveau immer noch motiviert ist, die Perfektion am Saum zu berühren und sich in diesem Enthusiasmus gleich den ganzen Rock überwirft.

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Stehende Ovationen, laute Zugaberufe, ein beseeltes Auditorium und musikalische Erinnerungen, die nicht so schnell vergehen werden – die Stadtkapelle war einmal mehr ein Stern am Musikfirmament.

Freie Autorenschaft Seit Mitte der 1990er Jahre als freier Journalist vorrangig für die Region Hockenheim/Schwetzingen tätig - Fachbereich: Kultur.