Kriegsende 1945 - Gerhard Heidenreich erinnert sich an den Ostersonntag, 1. April, als die Amerikaner einzogen / Weiße Tücher an Kirchtürmen zeigen Wehrmachtsabzug Die Stille war fast schon unheimlich

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Gerhard Heidenreich
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Wohl eher symbolisch als authentisch: Die Szene, in der sich französische (l.) und amerikanische Truppen im Talhaus an der Weggabelung Mörscherweg und Ketscher Landstraße vereinigen und auf die Hockenheimer Innenstadt zumarschieren, erschien am 6. April 1945 in der New Yorker Zeitung „Daily News“. © Verein für Heimatgeschichte

Es ist Sonntagmorgen, 1. April, Ostersonntagmorgen 1945. Eine fast unheimliche Stille liegt in der Luft. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen und Wochen kein Kanonenschuss hörbar. In den letzten Wochen war die näher rückende Front akustisch zu verfolgen. Das Donnergrollen der Artillerie war täglich lauter zu hören, sowohl die der deutschen Wehrmacht als auch die der alliierten Streitkräfte, die aus der Nähe von Speyer Hockenheim beschossen. Vor wenigen Tagen waren viele Granaten in Gebäude, Kirchtürme und sogar in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in den Dachstuhl eines Hauses eingeschlagen. Die Jagdbomber (Jabos) attackierten in den letzten Monaten alles, was sich auf dem Feld und in der Stadt bewegte. Feld- oder Gartenarbeit war bei Tage kaum noch möglich, da die alliierten Flieger alle Landwirte oder Kleingärtner wie die Hasen jagten.

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Gerhard Heidenreich, 1935 in Hockenheim geboren, hat als Neuneinhalbjähriger mit seiner Familie in der Parkstraße die letzten Kriegstage erlebt. Aufgeschrieben hat er seine Erinnerungen erst vor einigen Jahren

Von Tieffliegern im Feld gejagt

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Im Sommer 1944, als wir Kinder wieder einmal im Garten spielten, sahen wir wie vier Jabos im Tiefflug vom Wald her auf uns zukommen. Plötzlich Feuerstöße aus den Bordwaffen in unserer Richtung und gleich darauf zwei Bomben aus einem Flugzeug. In Panik flüchteten wir, der eine unter einen großen Rhabarberstock, der andere in ein betoniertes Wasserbecken und ich in den Keller. Bei dem Angriff gab es einige Tote und Verletzte in der Jahnstraße.

Die letzten Wochen vor Ostern verbrachten wir und unsere Mieterin mit Sohn die meiste Zeit und nicht nur beim täglichen und nächtlichen Fliegeralarm im Keller unseres Hauses, das mein Vater – er war durch seinen Arbeitgeber vom Wehrdienst freigestellt – zu einem Luftschutzraum ausgebaut hatte.

Mit stabilen Balken vom Sägewerk hatte er die Kellerdecke abgesprießt und gesichert. Am Kellereingang standen gefüllte Wassereimer und Lappenschläger zur Bekämpfung kleinerer Brandnester. An der Wand hingen Gasmasken für jede Person, auch für uns Kinder. Den Gummigeruch habe ich noch heute in der Nase, wenn ich daran denke. Auch gekocht und gegessen wurde in diesen Tagen im Keller.

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Und jetzt diese Stille! Ungewohnte Stille. Mit meinem Vater durfte ich aus dem Keller hoch und blickte auf einen wolkenlosen azurblauen Himmel. Als wir auf die menschenleere Straße gingen, sahen wir am Turm der evangelischen Kirche weiße Tücher hängen. Bedeutete das Kapitulation?

Mutige Männer um Ludwig Grein (nach Kriegsende von der amerikanischen Militärregierung kommissarisch als Bürgermeister eingesetzt) hatten sie an beiden Kirchtürmen und am Wasserturm aufgehängt, um den anrückenden Truppen der 7. US-Army zu signalisieren, dass sich die deutsche Wehrmacht aus Hockenheim zurückgezogen hat.

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Plötzlich ein sich näherndes Motorengeräusch. Aus der Karl-Theodor-Straße kam ein amerikanischer Jeep mit dunkelhäutigem Fahrer und hinten ein Soldat im Offiziersrang. Als er uns stehen sah, wies er seinen Fahrer an, zu uns herzufahren. In sehr gutem Deutsch fragte er meinen Vater, ob wir deutsche Soldaten oder Munition im Hause hätten, was mein Vater verneinte.

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Ihre Truppen seien in Hockenheim einmarschiert und würden später alle Häuser durchsuchen. Es gäbe Probleme, wenn sie fündig werden sollten.

Noch während er in freundlichem Ton sprach, hörte er – wie auch wir – ein für uns schon gewohntes Flugzeuggeräusch von einem sich aus Westen nähernden Bomberverband. Als er diesen wahrnahm, sah ich, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Sofort griff er zu seinem Funkgerät und sie fuhren mit hohem Tempo davon.

Bomberverband dreht ab

Kurze Zeit danach fuhren Armeefahrzeuge mit roten Tüchern über der Motorhaube die Straßen auf und ab, während der silberfarben in der Morgensonne glänzende Bomberverband, jetzt fast über uns, in einem großen Bogen abdrehte in Richtung Westen, woher er kam.

Später erfuhren wir, dass die Alliierten Hockenheim als eine Festung ansahen, da einige an den Endsieg glaubende deutsche Soldaten im Talhaus einen oder mehrere amerikanische Panzer abgeschossen hatten. Während sich die Front an Hockenheim vorbei bereits in den Kraichgau verlagerte, hätte man meines Erachtens den Widerstand brechen und Hockenheim dem Erdboden gleich machen wollen.

Stimmt das wirklich oder wollte die US-Air Force nur einen Osterspazierflug unternehmen, um das kleine Städtchen mit seinen damals knapp 10 000 Einwohner von oben zu sehen? Auch heute noch, wenn ich mein damaliges Erlebnis zu Papier bringe, sehe ich die Ereignisse vor meinen Augen. Sie haben sich bei mir eingebrannt.