Pumpwerk

Die Tristesse im Hinterhaus

Kabarettist Matthias Egersdörfer präsentiert dem Publikum ein Manifest des perfekten Sonntags

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Jakob Roth
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Hockenheim. Der Nürnberger „Krawallkomiker“ Matthias Egersdörfer präsentiert im restlos ausverkauften Pumpwerk, sein beinahe dreistündiges Comedyprogramm „Geschichten aus dem Hinterhof“. Neben Hans-Joachim Heist ist Egersdörfer einer der wohl prominentesten Choleriker der deutschen Kabarettszene, was einige Besucher in Form von humoristischen Standpauken hautnah zu spüren bekommen. Der Komiker lässt, mit mürrischer Miene und Kaffeetasse bewaffnet, sein Publikum lautstark an der Tristesse seines Lebens im „Hinterhaus“ teilhaben.

„Das ist keine Comedy, das hätte man anders ausschreiben müssen!“, klärt Egersdörfer sein Publikum auf. „Ich werde stattdessen ein Manifest verlesen, das Manifest des perfekten Sonntags, um genau zu sein“ fügt er bestimmt hinzu. Doch auf den perfekten Sonntag kann man im sogenannten „Hinterhaus“ wohl lange warten, denn der alltägliche Nachbarschaftsirrsinn treibt den nach eigener Aussage „zart besaiteten“ Nürnberger immer wieder zur Weißglut.

Nebenan hustet die 66 Jahre alte Ostpreußin „Frau Schlitzbier“ aus den tiefsten Untiefen ihres Unterleibs. „Ihr Mann starb nach fünf Jahren Beziehung“, erklärt Egersdörfer. „Wahrscheinlich hat er es akustisch nicht mehr ausgehalten und Linderung im Tod gesucht“ fügt er zynisch hinzu. Im ersten Stock macht der sogenannte „Rumpler“ durch andauernde Poltergeräusche die Nacht zum Tag. Die lärmende Großfamilie samt ihrer „Schmuddelkinder“, veranlasst auch nicht gerade zur Freude.

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zg
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Der Kabarettist erweckt die einzelnen Charaktere seines Spiels jedoch nicht nur durch verbale und zum Teil sehr virtuose Schimpfgewitter zum Leben. Ein Soundboard mit Telefonklingeln, Musik und Hintergrundatmosphären hilft zusätzlich, ein deutliches Bild der Szenerie zu zeichnen. Dadurch entsteht selten eine Stelle im Programm, in der nicht ekstatisch gelacht oder gekichert wird.

Einen Großteil seiner Erzählungen widmet Egersdörfer vor allem einer Person: seiner Mutter. Unter ihrer Überfürsorge habe er sehr gelitten. „’Es ist immer für dich gesorgt’, dieser Satz zog mich in einen tiefen Verlust meines Selbstbewusstseins“, schildert er sein Dilemma. Um die Konversationen mit seiner Mutter bildlich zu machen, unterhält er sich stellvertretend mit einer selbst gebastelten Handpuppe. „Meine Mutter hat mich auf den komplett falschen Lebensweg gebracht“ klagt er. „Ich glaube ja, heute sogar ich wäre lustig“ fügt er hinzu.

Doch nicht nur Nachbarn und Mütter bekommen ihr Fett weg. Egersdörfer lässt seinen verbalen Hammer auch auf Greta Thunberg und „Fridays for Future“ los. „Wenn man das Wappentier Greta sieht, weiß man: Es ist bald wieder Freitag!“, schmunzelt er. Doch damit nicht genug. Klassikradiomoderatoren, Apothekerinnen und nicht zuletzt das „unfähige, intellektuell verarmte“ Publikum bringen Egersdorfer immer wieder auf Betriebstemperatur.

Bei einer derartigen Dichte an Aufregern wirkt das schlussendliche Verlesen des „Manifests des perfekten Sonntags“ fast wie eine kurze Oase der Ruhe. In 20 Geboten schildert der Künstler den Idealablauf des siebten Wochentages mitsamt Kirchenbesuch, Spaziergang, Alkoholgenuss, Beischlaf und Abendessen.

Matthias Egersdörfer fasst sein Programm danach zusammen: „Das waren nun fast drei Stunden konfuses Geschrei ohne Zusammenhang“. Das konfuse Geschrei scheint jedoch gut angekommen zu sein. Jedenfalls klatscht, johlt und pfeift das Publikum nach dem Programm minutenlang. Bild: Lenhardt