Eigenleben von Prognosen

Franz Anton Bankuti hofft, dass Corona vorübergeht – bald

Von 
Franz Anton Bankuti
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Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein. Um Gottes Willen, nicht schon wieder so ein frommer Corona-Wegguck-Spruch, kennen wir doch schon. Moment, das stimmt so ja gar nicht, denn der Gedanke stammt von Christian Morgenstern, dessen Geburtstag sich im Mai dieses Jahres zum 150. Male jährt und der bereits mit 44 Jahren starb.

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Was stellen wir fest? Woran denken wir derzeit zuerst? Leider ja – und natürlich an das Impfen im Warteschleifen-Rhythmus. Dabei wird so viel dafür getan. Jetzt, wenn nur über 80-Jährige hauptsächlich geimpft werden sollen, wird in Heidelberg mitten im Winter ein Radweg ausgeschildert, der direkt in das Impfzentrum führt. Neun Kilometer von der Stadt entfernt.

Kümmern wir uns lieber um die neuesten Verordnungen, dass wir wenigstens auf dem Laufenden bleiben. Also jedenfalls darf man weiter sich selbst treffen, ohne Ärger zu bekommen. Wenn man eine Hausgemeinschaft ist, darf nur noch einer hinzukommen. Immerhin besser, als wenn man aus einer Hausgemeinschaft einen zum Teufel jagen müsste.

Und hören wir lieber denen nicht so genau zu, die ja schon früher immer etwas Ungutes prognostiziert hatten, von Christi Geburt bis mindestens 2200. So etwa ein grober Zeitrahmen.

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Es gibt ja Zeitgenossen, die – bei aller Sachlichkeit – uns darauf hinweisen, was uns bevorstehen könnte. Und lassen dabei natürlich nicht unerwähnt, dass alles auch anders kommen könnte. Dann ist ja noch nicht alles verloren, die Problematik der rückblickenden Vorhersagen entwickeln mitunter ein Eigenleben.

Die Eigenarten unserer ungeliebten Corona-Zeit bringen vieles durcheinander. Auf allen Ebenen. Beispielsweise auch im Sport. Was unterscheidet Fußball-Bundesligaprofis von Formel-1-Fahrern? Letztere tragen Helme, die Kicker zeigen ihr Gesicht und ihre Frisur und schon beschwert sich die Friseur-Innung, dass die Haare der Profis stets gestylt werden dürften, die Haare von Otto-Normal-Mitbürger aber nicht. In einer besonderen Zeit erkennt man erst die tiefe Schürfe. Aber die Formel 1 ist ja erst einmal so weit weg von Hockenheim wie Dubai vom neugestalteten „Kraichbach-Strand“.

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Was ist schuld? Im Zweifel immer Corona. Auswege? Nein, auswandern geht ja nicht. Kurt Tucholsky schrieb einmal: „Da, wo sich die Parallelen schneiden, fliege ich dann hin.“ Fragwürdiger Tipp. Hoffen wir lieber, dass Corona vorübergeht. Mehr noch: Hoffen und glauben wir, dass das möglichst bald geschehen wird. Der israelische Journalist und Politiker David Ben-Gurion hatte recht, als er meinte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“