Eine haarige Angelegenheit

Von 
Franz Anton Bankuti
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Zugegeben, es mag mitunter eher etwas unfair sein, wenn man den Kopf des Gegenübers begutachtet und sich die Frage stellt: „Was ist denn eigentlich sein Friseur von Beruf?“ Aber wir leben gerade jetzt in einer coronistischen Zeit, in der manches ausufert – auch der Haarwuchs. Und da überschreitet der beste Haarschnitt seine Grenzen.

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„Ihr seht ja aus wie viele Reilinger vor 20 Jahren“, wird vielleicht mancher zu hören bekommen. Damals wurden zum Jubiläum des evangelischen Kirchenchors der Nachbargemeinde erstmals „Passionsspiele“ aufgeführt. Und da „wallte“ natürlich so manches Haupt- und Barthaar. Schließlich kann man sich ja Pontius Pilatus kaum mit einer Glatze vorstellen. Und Jesus mit akkuratem Kurzhaarschnitt . . . na ja.

Wenn jetzt die Haare wachsen, bei Herren und Damen natürlich gleichermaßen, liegt das daran, dass die Friseure erst wieder Anfang Mai öffnen dürfen. Und die Haare wachsen kontinuierlich etwa 0,3 bis 0,5 Millimeter pro Tag.

Kein Haarschnitt, keine Stadtneuigkeiten – die kleine Informationsdrehscheibe steht still. Schließlich hat jeder seinen Stammfriseur. Das ist seit Generationen so. Da ging man zum Friseur Lohnert in der Ottostraße oder zum Friseur Schenk in der Heidelberger Straße. Der Salon Holler in der Karlsruher Straße war über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und der Salon von Walter Krämer in der Rathausstraße hatte viele Stammkunden.

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Ältere Hockenheimer erinnern sich vielleicht noch an Michael Heimberger in der Schulstraße, dort gehörte auch das Rasieren der Kunden noch zum Alltag. War der den Herren vorbehalten, so freuten sich viele Damen über neue Frisurkreationen bei Anny Löffler am Ende der Karlsruher Straße ebenso wie im Salon Richter in der Parkstraße.

Friseurmeister Hans Weber, der zuerst in der Oberen Hauptstraße und dann in der Hubertusstraße schnitt, konnte augenzwinkernd auch erklären, warum das männliche Haupt manchmal auf der einen Seite viel mehr „geschoren“ war als auf der anderen: „Ganz einfach, der Frisierstuhl war meist am Fenster und wenn der Friseur auf der Seite stand, von der er rausschauen konnte, blieb er dort manchmal länger als auf der anderen . . .“

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Natürlich hat sich auch in der Friseurszene Hockenheims vieles geändert, alte Salons sind nur noch Erinnerung, Coiffeure, Hairstylisten und Barbershops haben ihre Stelle eingenommen. Hauptsache, sie verstehen ihr flinkes Schneidehandwerk mit der scharfen Schere. Ab Anfang Mai geht es wieder los. Hoffentlich.

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An den Ausweg „Perücke“ hat sicherlich kaum jemand gedacht. Verständlich, denn schon Nestroy meinte ja: „Eine Perücke ist eine falsche Behauptung.“