Auch ihnen fehlt etwas Fanfarenzug Hockenheim vermisst das Gemeinschaftsgefühl

Dirigent Benjamin Wolf und Vorsitzender Dr. Ole Jakubik sprechen über aktuelle Herausforderungen an die Landsknechte.

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zg
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Ein Bild aus dem Jahr 2017, als sich der Fanfarenzug der Rennstadtnoch über einen richtigen Umzug freuen durfte. © Fanfarenzug

Hockenheim. Alle Inthronisationen, Ordensmatineen und Prunksitzungen wären absolviert. Die Faschingsumzüge in Hockenheim und Ketsch wären soeben ebenfalls absolviert, nun könnte der Fanfarenzug Hockenheim bei seinem Heringsessen die Faschingskampagne ausklingen lassen. Doch seit fast einem Jahr stellt das Coronavirus das gewohnte Leben auf den Kopf. Dieses bedauernswerte Jubiläum hat der Fanfarenzug zum Anlass genommen, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Dirigent Benjamin Wolf und Vorsitzender Dr. Ole Jakubik sprechen in einem Interview des Vereins über die aktuellen Herausforderungen für die Landsknechte.

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Was vermissen Sie am meisten in der aktuellen Zeit?

Ole Jakubik: Da gibt es viele Dinge, aber am meisten ist es wohl, etwas gemeinsam zu veranstalten, seien es Proben, Auftritte oder Feste. Denn das macht doch das Menschsein aus: die Gemeinschaft und das Füreinander. Mir fehlt auch sehr die Planbarkeit, denn bei der Leitung eines Vereins benötigt man eine gewisse Vorlaufzeit, um Dinge zu planen, damit die Durchführung auch ein Erfolg wird, sei es in finanzieller oder ideeller Hinsicht. Wir können nicht einfach ins Blaue planen. So mussten wir im vergangenen Jahr eine Fahrt mit der historischen Eisenbahn Mannheim zu einem Auftritt am Bodensee absagen, weil das finanzielle Risiko zu hoch war und wir haben damit recht behalten, denn die Veranstaltung musste letztendlich auch abgesagt werden.

Benjamin Wolf: Mir fehlt ebenfalls in erster Linie die Gemeinschaft des Fanfarenzugs und natürlich ebenso das Musizieren. Das Ausleben von Emotionen und das Loslösen von anderen Gedanken durch die Kunst der Musik sind zwar auch möglich, wenn man für sich alleine probt, doch der Klang eines Orchesters und das Gefühl, gemeinsam diesen Klang erschaffen zu haben, ist einfach unersetzbar.

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Was sind Ihre größten Sorgen für das Vereinswesen, die durch das Coronavirus ausgelöst wurden?

Jakubik: Dass das Vereinsleben nie mehr dasselbe sein wird und es vielleicht schwierig wird, die Mitglieder wieder zu motivieren, nachdem so viel ausgefallen ist. Aber möglicherweise täusche ich mich auch und wir gehen gestärkt aus dieser Krise hervor. Das Vereinswesen an sich hat ja seit Jahren mit zunehmenden Problemen zu kämpfen: Gerade junge Menschen möchten heutzutage spontaner sein und sich nicht an eine sichere und verlässliche Gemeinschaft binden, aus Sorge, etwas Besseres zu verpassen. Aber vielleicht ist es genau das, was nun eine Chance darstellt: Nach der Erfahrung des letzten Jahres könnte der Wunsch nach Altbekanntem und Bewährtem wieder sehnsuchtsvoll wachsen und genug Motivation geben, das Instrument herauszuholen und sich mit den Musikkollegen zur wöchentlichen Probe zu begeben.

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Wie unterstützen Sie die Musiker des Fanfarenzugs?

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Wolf: Ich versuche, viele langgehegte Wünsche der Musiker zu erfüllen. Immer wieder kamen in den vergangenen Jahren in meinen Orchestern Fragen nach Theoriestunden oder Rhythmus-Workshops auf. Nun haben wir Zeit, genau das zu machen: Wir treffen uns, seitdem keine Präsenzproben mehr möglich sind, einmal in der Woche in einer Videokonferenz und besprechen Themen wie Atemtechnik, musikalische Fachbegriffe, Intervalle analysieren, Zählzeiten verschiedener Taktarten oder Instrumentenkunde. Da ist sowohl etwas für diejenigen dabei, deren Schulzeit 50 Jahre zurückliegt, wie auch für ambitionierte Musiker jüngeren Alters. Auch nach drei Monaten macht es noch allen Spaß und es sorgt dafür, dass wir den Kontakt zur Musik nicht verlieren und ich hoffe, dass es dazu motiviert auch das Instrument in die Hand zu nehmen.

Können Sie dem vergangenen Jahr doch noch etwas Positives abgewinnen?

Jakubik: Man muss ja immer das Positive ins Auge fassen. Durch die ausgefallenen Termine hatten wir deutlich mehr Zeit als in den Vorjahren für Sachen, die über die Jahre liegengeblieben sind. Wir haben viel Zeit fürs Aufräumen, Aussortieren und Umstrukturieren verwendet: Wir haben unsere Vereinsgaragen entrümpelt und unser Vereinsarchiv und Inventar neu sortiert. Dabei konnten wir viele „Schätze“ entdecken, in Erinnerungen schwelgen und uns Anregungen für neue Projekte in der Zukunft holen. Auch haben wir ein virtuelles Waldfest veranstaltet, bei dem wir Spenden sammeln konnten, wofür wir allen Spendern sehr dankbar sind. Zudem haben wir einen neuen Pin mit einem Fahnenschwinger als Motiv und Mund-Nase-Bedeckungen mit einem Fanfarenbläser und unserem neuen Schlachtruf „semper sodalis“ entworfen. Das ist Lateinisch für „immer kameradschaftlich“. Als wir ihn zu Beginn des Jahres aussuchten, dachten wir nicht daran, dass Zusammenhalt und Solidarität in diesem Jahr eine so große Rolle spielen werden.

Viele Veranstaltungen im vergangenen Jahr wurden abgesagt und wie wollen Sie im zweiten Jahr, das durch das Coronavirus geprägt ist, damit umgehen?

Jakubik: Aktuell ist es sehr schwierig zu planen. Ich habe es auch noch nicht erlebt, dass ich bis zum Ende eines Jahres noch keine Auftrittsanfragen für das kommende Jahr bekommen habe. Bei unseren vereinsinternen Veranstaltungen müssen wir noch etwas abwarten, sie sich die Situation entwickelt. Für unser Waldfest habe ich mal wie üblich das dritte Juniwochenende bei der Stadt reserviert – ob bis dahin wieder Veranstaltungen erlaubt sind, ist nicht vorhersagbar. Unser für letztes Jahr geplantes Kirchenkonzert haben wir um ein Jahr verschoben und hoffen das Beste. Jedoch müssen wir uns so schnell wie möglich ein Ziel setzen, um die Musiker wieder zu motivieren.

Wolf: Dem kann ich nur zustimmen. Ohne ein Ziel brauchen wir nicht zu proben, deshalb bin ich zurzeit daran, die Noten für das Weihnachtskonzert und ebenfalls für neue Auftritte bei Geburtstagen, Waldfesten oder in der Faschingszeit zu schreiben. Wir sollten zuversichtlich sein und nach vorne schauen und diese Zeit, die hinter uns liegt, zum Anlass nehmen, das Leben, was wir vorher hatten, wieder möglich zu machen und es dann auch zu genießen.

Was ist Ihre Musikempfehlung für die Corona-Zeit?

Wolf: Das hängt von der emotionalen Lage des Einzelnen ab. Hat man Zeit und Ruhe und möchte man etwas Ausdrucksvolles, dann sind Anton Bruckners Sinfonien oder Filmmusik von Ennio Morricone, der im vergangenen Jahr verstorben ist, und John Williams, der auch mit 89 Jahren noch aktiv und produktiv ist, sicherlich geeignet. Doch wer es wegen der ausgefallenen Veranstaltungen nicht mehr aushält, sollte dringend Partymusik oder Fasnachtslieder hören. In jedem Falle gilt: Jeder sollte seine Musik genießen und wer selbst Musik machen kann – ob als Streicher, Bläser, Sänger oder auch am Computer – der sollte das auch tun.

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