Zwischenbilanz: Wie Jens Blei, seit November Leiter des Pumpwerks, die Lage der Kultur in Zeiten der Finanzkrise sowie die Perspektiven "seiner" Bühne beurteilt "Gesamtpaket des Hauses ist stimmig"

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Matthias Mühleisen

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Man kann sich schönere Zeiten für einen beruflichen Neuanfang vorstellen als ausgerechnet die der Finanzkrise - und das auch noch im Kulturbereich, der finanziell grundsätzlich nie üppig ausgestattet ist. Doch Jens Blei, seit November Leiter des Kulturzentrums Pumpwerk und Nachfolger Lothar Blanks, sieht keinen Anlass für düstere Szenarien. Weil das Haus ein besonderes Angebot macht, bleiben die Besucher ihm treu. Wir fragten den Mannheimer, wie die ersten Monate in der Rennstadt gelaufen sind und was er sich für die Zukunft vorgenommen hat.

Die Finanzkrise beherrscht die öffentliche Diskussion, zunehmend auch in der Metropolregion. Wirkt sie sich auch schon auf den Betrieb im Pumpwerk aus?

Jens Blei: Derzeit ist die Krise noch kein Thema, die Betonung liegt auf "noch". Zurzeit sind wir sehr zufrieden, der Vorverkauf läuft gut für die Veranstaltungen im April und Mai. Sollte die Situation aber noch länger anhalten, müssen wir aber davon ausgehen, dass die Veranstaltungen im zweiten Halbjahr nicht die hohe Auslastung haben wie momentan.

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Ist das Pumpwerk besser vor den Krisenfolgen gewappnet als andere Kulturträger?

Blei: Das Pumpwerk bietet ein relativ niedrigpreisiges Angebot an. Unser teuerstes Angebot ist das Konzert von Ina Deter mit 24 Euro an der Abendkasse. Diese Preise sind meines Erachtens immer noch eher ein Anreiz, zu den Veranstaltungen zu gehen als Angebote in Häusern, in denen die Karten schnell 80 Euro und mehr kosten. Darum geht es aber nicht allein - das Gesamtpaket aus Programm, Atmosphäre und Preis ist einfach stimmig. Indiz dafür: Man sieht immer wieder dieselben Gesichter an der Abendkasse.

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Inwieweit ist Ihre Tätigkeit in Hockenheim mit früheren Aufgaben vergleichbar?

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Blei: Als früherer Veranstaltungsmanager für das Kulturangebot in Weinheim habe ich schon einige bekannte Gesichter in Hockenheim wiedergesehen, etwa Wolfgang Koczwara im Januar oder gerade am vergangenen Wochenende Claus Boesser-Ferrari, mit dem ich in Mannheim viele Jahre die Newcomer-Konzerte für die Jugendförderung der Stadt organisiert habe. Bisher lag mein Schwerpunkt auf dem operativen Bereich. Aufgrund der Leitungsfunktion, die ich im Pumpwerk innehabe, bin ich für das gesamte Haus zuständig, also auch für Finanzen und Personalentscheidungen.

Mit Ihrem Dienstantritt hat die Verwaltung die Pumpwerk-Organisation verändert. Ist das schon allgemein angekommen?

Blei: Die Trennung von Jugend- und Kulturbereich ist noch nicht ganz in den Köpfen verankert, ich werde immer noch häufig auf Jugendthemen angesprochen. Die Zusammenarbeit läuft nach wie vor sehr gut, und es gibt weiter viele Überschneidungspunkte. Es spricht nichts dagegen, das Pumpwerk weiterhin sowohl als Jugend- als auch als Kulturhaus zu sehen. Ich halte beide Säulen für sehr wichtig. Berührungspunkte, etwa beim Kindertheater, sind für mich ein wichtiger Aspekt bei meiner Arbeit.

Sie sollen die Kulturarbeit der Stadt auch außerhalb des Pumpwerks koordinieren. Ist da schon etwas angelaufen?

Blei: In den ersten vier Monaten habe ich mich im Wesentlichen auf die Tätigkeit im Pumpwerk, das Kerngeschäft, beschäftigt. Gerade die Trennung hat in den ersten Monaten viel Arbeit gemacht. Das große Gesamtbild, was Kulturarbeit in Hockenheim ausmacht, wo sie sich hinentwickeln soll, muss sich erst noch ergeben. Für den Kultursommer haben wir uns darauf verständigt, dass es dieses Jahr eine Reihe kleinerer Veranstaltungen geben wird, da für größere Kabarettveranstaltungen, wie sie bisher in der Lamellenhalle angeboten wurden, eine Vorlaufzeit von gut eineinhalb Jahren erforderlich ist.

Gibt es schon Visionen im Hinterkopf?

Blei: Eine konkrete Vision betrifft die Jazz- und Bluestage. Hier möchte ich die Ausrichtung weg von Jazz und mehr zum Blues hin gewichten. Dieses Jahr kommt mit der Blues Company eine der großen Bands zu uns. Mein Ziel ist es, ein Bluesfestival hier zu etablieren, das größeren Ansprüchen genügen soll, und zwar nicht nur aufs Pumpwerk beschränkt, sondern nach Möglichkeit auch mit der Stadthalle als Spielort. Das wäre für 2010 angedacht.

Stichwort Stadthalle - da erwartet die Stadtspitze ja eine bessere Abstimmung zwischen den beiden "Kulturtempeln" . . .

Blei: Stadthalle und Pumpwerk tauschen sich bereits über Termine aus, gleichen die Kalender ab und prüfen, wo sich Überschneidungen vermeiden lassen. Der Grundstein ist gelegt, um künftig eine gelungene Kooperation zu führen. Sich gegenseitig mit dem Austragungsort auszuhelfen ist beispielsweise ein Ziel, was man definitiv anstreben sollte. Ich habe in den ersten Gesprächen gespürt, dass bei den Kollegen der Stadthallen eine Kommunikationsbereitschaft da ist.

Wie könnte das aussehen?

Blei: Das heißt nicht, dass man sich gegenseitig ins Programm reinredet, sondern dass potenzielle Konkurrenzsituationen besprochen und möglichst vermieden werden. Außerdem ist es wirtschaftlich nicht sinnvoll, dass erfolgreiche Künstler an drei Abenden hintereinander im Pumpwerk auftreten, wenn das Gastspiel in der Stadthalle an einem Abend in der Stadthalle ablaufen kann. Die Zusammenarbeit von städtischen Einrichtungen ist ein zentrales Ziel für die nächsten Monate.

Könnte an deren Ende irgendwann ein gemeinsamer Auftritt stehen?

Blei: Die beiden Häuser sind eigenständige Einrichtungen mit eigenem Profil. Aus der Marketingsicht macht es Sinn, beide Häuser als eigenständige Häuser weiterzuführen. Wenn das in einer ständigen Kooperation endet, hat Hockenheim sehr viel erreicht. Eine umfassende mittelfristige Kulturkonzeption für Hockenheim kann ich nach vier Monaten noch nicht entwerfen. Dazu muss sich die Stadt Gedanken machen, wo sie mit der Kultur in Hockenheim hinmöchte.

Glauben Sie, dass sich die Comedy- und Kabarettbranche, die in den vergangenen Jahren immer stärker boomte, irgendwann auch das Publikum ermüdet hat?

Blei: Solange es Politik in Deutschland gibt, wird es auch gute Kabarettisten geben. Bei der Anzahl guter Nachwuchsleute wird der Bereich sogar weiter expandieren. Das Pumpwerk steht als Marke dafür, dass man bekannte Künstler und Newcomer erleben kann. Da mache ich mir keine Sorgen.

Sie sind als Nachfolger Lothar Blanks in große Fußstapfen getreten, bei einem Vorgänger, der 25 Jahre amtiert hatte. War es sehr schwer, in Tritt zu kommen?

Blei: Es ist immer schwierig, in ein laufendes Programm einzusteigen, zumal bei einem so "gewichtigen" Vorgänger wie Lothar Blank. Doch das Team, das wirklich motiviert zur Sache geht, hat mir den Einstieg sehr erleichtert.

Sie wollen dem Pumpwerk nicht auf Teufel komm' raus einen eigenen Stempel aufdrücken?

Blei: Als Neuer mit der Sense durchgehen, halte ich nicht für richtig. Mir erscheint eine Politik der kleinen Schritte auf jeden Fall für wesentlich sinnvoller.

Aber Sie werden andererseits auch nicht alles so lassen, wie es ist?

Blei: In meiner Wahrnehmung ist das Pumpwerk ein Ort, an dem auch Avantgardistisches ausprobiert werden darf, während Künstler, die das Potenzial haben, die Stadthalle vollzumachen, einfach auch dort hingehören. In den bisherigen Programmen ist eine Wiederholungsstruktur erkennbar, die teilweise gerechtfertigt und in vergleichbaren Einrichtungen auch keine Seltenheit ist. Dennoch möchte ich mich davon etwas absetzen. Wir werden weiterhin bekannte Namen wieder bringen, wie Andreas Rebers und Lars Reichow, ich will es für die Kundschaft aber auch spannend halten: Das Gewohnte einerseits bieten, aber auch Neues, Unverbrauchtes.

Und wie sieht's - eben in Zeiten der Finanzkrise - mit den dafür erforderlichen Mitteln aus? Muss sich das Pumpwerk irgendwann selbst tragen - und ist das überhaupt möglich?

Blei: Kultur ist eine wichtige Aufgabe der Kommune, aber eben auch eine freiwillige. Man darf nicht erwarten, dass damit auch Gewinn eingefahren werden kann oder kostendeckend gearbeitet wird. Dafür sind einfach die Auflagen zu hoch.