Valentinstag - Helena und Denise Küfner haben im Juni 2018 geheiratet / Im März erwartet das Ehepaar Nachwuchs / Diskriminierung im Alltag erfahren sie selten Gleichgeschlechtliches Ehepaar spricht über Liebe und Babyglück

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Vanessa Schwierz
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An der Silberpappel in Neckarau: Helena (l.) und Denise sind verheiratet – und glücklich. © Julia Eckert

Hockenheim/Ketsch. Eine Babywiege steht schon im Wohnzimmer. Der Bauch von Helena Küfner ist bereits kugelrund. Sie lächelt, wirkt glücklich, alles ist für die kleine Familie perfekt. Denise Küfner kommt aus der Küche, nimmt am Tisch im Wohnzimmer neben ihrer Frau Platz. Dass das Ehepaar Ende März Nachwuchs bekommt, macht die beiden glücklich, stolz, zufrieden und es setzt ihrem Glück die Krone auf.

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Die gemeinsame Lebensphase begann 2012. Die 32-jährige Helena erzählt, dass sie in den Jahren, bevor sie Denise kennenlernte, nie abgeneigt von Frauen gewesen sei. Sie hatte homosexuelle Freunde, besuchte Himbeerpartys, aber an eine Beziehung mit einer Frau verschwendete sie dabei keine Gedanken. „Denise ist auch die erste Frau, mit der ich zusammen bin“, sagt Helena. Bei der 27-jährigen Denise war das etwas anders. „Meine Familie wusste eigentlich vor mir, dass ich lesbisch bin“, sagt sie und lacht. Denise hatte zwar einen Freund, aber ansonsten lief da gar nichts. „Ich sagte immer, dass ich zu mehr einfach nicht bereit bin“, erzählt Denise, dass das Unterbewusstsein wohl einfach schon weiter war. Die erste Beziehung mit einer Frau sei furchtbar gewesen, aber dann hat Denise Helena kennengelernt – und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Schüleraustausch verändert alles

LGBT-Bewegung + Ehe für alle

Das Akronym LGBT kommt aus dem Englischen und steht für Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bisexual (bisexuell) und Transgender. Es wird oftmals um weitere Buchstaben ergänzt, zum Beispiel LGBTQIA (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Queer, Intersex, Asexual).

LGBT hat sich mittlerweile als Kurzform für alle Geschlechter, Identitäten und sexuelle Orientierungen durchgesetzt, die von der heterosexuellen Normen abweichen. Die LGBT-Bewegung ist ein Zusammenschluss von Personen mit den entsprechenden sexuellen Orientierungen im Kampf gegen Diskriminierung.

Symbol der Bewegung ist die Regenbogenfahne, die Gilbert Baker 1978 entworfen hat.

Am 30. Juni 2017 hat der Bundestag das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts verabschiedet. Seitdem dürfen auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten.

Mit der Öffnung der Ehe sind gleichgeschlechtliche Ehepartner auch im Adoptionsrecht gleichgestellt. Das bedeutet, sie können wie heterosexuelle Ehepaare Kinder adoptieren.

Die rechtliche Situation von Kindern, die in einer gleichgeschlechtlichen Ehe geboren werden, unterscheidet sich jedoch von der in einer heterosexuellen Ehe. Bei letzterer ist der Ehemann auch immer der Vater eines Kindes. Für Kinder in lesbischen Ehen gilt diese Regelung nicht. Nicht-leibliche Mütter müssen das Kind adoptieren, um das Sorgerecht zu bekommen. caz

Als die Frauen von ihrem Kennenlernen erzählen, lächeln sie, die Augen strahlen – Liebe liegt in der Luft. Es war ein Schüleraustausch an der Berufsschule. Denise lernte Beiköchin, Helena machte eine Ausbildung zur Konditorin. Es ging nach Toulon, Frankreich. Die Frauen kannten sich nicht, saßen im Bus aber in der gleichen Reihe. Der Lehrer machte immer wieder Fotos während der Fahrt, erinnern sich die Frauen, die in Ketsch, im Elternhaus von Helena, leben. „Hoffentlich macht er das nicht jede Stunde“, sagte Helena zu Denise – zuvor hatten sie noch nie ein Wort gesprochen, kannten sich ja nicht. „Was will die jetzt von mir“, dachte Denise nach dieser Aussage. Helena lacht, streicht Denise mit ihrer Hand über den Arm. Bei dem Kontakt im Bus sollte es allerdings nicht bleiben. Denise sollte sich mit einer Mitschülerin das Zimmer teilen, kam mit ihr aber nicht klar, quartierte sich kurzerhand bei den Jungs ein – das Zimmer neben Helenas. Ob es Schicksal war? Das scheint so, denn das spannende Kennenlernen ging weiter.

An einem Abend ging die Schülergruppe Cocktails trinken, wieder saßen Helena und Denise nebeneinander, tranken beide einen „Sex on the Beach“, redeten viel miteinander. An einem anderen Abend war die Gruppe am Strand, die jungen Frauen kapselten sich ab, zogen sich in eine ruhige Ecke am Strand zurück – zwischen hohen Felsen. „Wir erzählten uns so viel voneinander, obwohl wir uns gar nicht kannten“, sagt Helena, dass die Chemie zwischen beiden sofort stimmte – sie fühlten sich gut dabei. Bevor es zurück auf die Zimmer ging, nahm Denise einen Cent aus ihrer Tasche und warf ihn ins Meer. „Ich bin etwas abergläubisch und habe mir gewünscht, dass das Leben besser wird“, erzählt Denise, Tränen kullern ihr über das Gesicht, gleichzeitig lächelt sie Helena an. Auch sie weint vor Glück. „Wir sind einfach sehr emotional“, sagt Helena lachend.

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Der Wunsch hat sich erfüllt, das Leben wurde besser. Helena und Denise hielten Kontakt. Erstmals trafen sie sich bei einem Baumarkt auf dem Waldhof wieder – der Heimat von Denise. Er diente als Treffpunkt, denn den Weg dorthin fand Helena mit dem Auto – trotz schlechten Orientierungssinns. Die Frauen gingen spazieren, in Richtung Mannheim-Gartenstadt. Kurz vor dem Carl-Benz-Bad passierte es – die Frauen küssten sich das erste Mal. Knapp ein halbes Jahr waren Helena und Denise zusammen, als Helena in die Wohnung von Denise auf dem Waldhof zog. Hunde wurden Teil ihres Lebens, 2016 kam der Umzug nach Ketsch – in das Elternhaus von Helena. Eine Idee, die der heute 32-Jährigen gar nicht kam. Ihre Tante zog aus der Wohnung aus, Denise ergriff die Chance und meinte: „Dann können wir ja einziehen.“ Gesagt, getan. Doch eine Hürde gab es zu überwinden. Den fehlenden Führerschein von Denise. „Ich wollte dort nur mit Führerschein hinziehen. Ich komm ja sonst nicht mehr da raus“, erzählt Stadtkind Denise und lacht – nach wenigen Monaten hatte sie es geschafft.

In ihrer Kindheit machte Helena mit ihren Eltern und drei Geschwistern immer Urlaub auf einem Campingplatz. Diese Erlebnisse wollte sie auch mit Denise teilen. So verbrachten sie im Frühsommer 2017 einige Tage beim Camping im Klingbachtal. Einen Ring hatte Denise zu diesem Zeitpunkt schon gekauft, packte ihn ein. „Denise hatte während unseres Urlaubs Geburtstag und hat gesehen, wie ich eine kleine Box in meine Tasche gepackt habe. Es war eine Uhr drin, das konnte sie nicht wissen“, erzählt Helena und lacht. „Ich musste den Ring einfach einpacken, weil ich natürlich dachte, dass in Helenas kleiner Box auch ein Ring ist“, ergänzt Denise mit einem Lachen. Bei einem Spaziergang war es soweit – Denise ging vor Helena auf die Knie. Die Emotionen übermannten die Frauen, Tränen flossen in Strömen über das Gesicht. „Helena hat sich den Ring geschnappt, angesteckt und ja gesagt“, erinnert sich Denise an diesen Moment – und blickt mit einem glücklichen Lächeln zu ihrer Frau. Über die Ehe für alle machten sie sich keine Gedanken, sie wollten einfach zusammen sein. Und das besiegelten sie am 27. Juni 2018 auf dem Hockenheimer Standesamt und einen Monat später bei einer freien Trauung. Viele Familienmitglieder und Freunde waren dabei – auch die Kollegen vom Johanneshof, bei dem Helena seit 2013 als Konditorin arbeitet.

Mutter wollte Oma werden

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In Helenas Familie wurde Denise gut aufgenommen. Nur ihre Mutter wirkte traurig, bei der Nachricht, dass Helena mit einer Frau zusammen ist. „Ich habe drei Geschwister, nur eines hat Kinder. Meine Mutter war nur traurig, weil sie dachte, dass ich damit auch kein Kind bekommen werde. Sie wollte eben noch mal Oma werden“, erklärt Helena, warum ihre Mutter geknickt wirkte – doch dafür ist die Freude jetzt umso größer. Ende März ist es so weit, Helena wird ein Mädchen zur Welt bringen. Der Weg dahin war lang, aber er hat sich gelohnt. Der große Kinderwunsch von Helena und Denise erfüllt sich. „Ich wollte immer ein Kind haben, konnte mir aber nicht vorstellen, es selbst auszutragen“, sagt Denise ehrlich und blickt auf den Babybauch von Helena.

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Im Dezember 2019 fuhren die Frauen nach München, hatten ein psychologisches Gespräch bei einer Samenbank, legten ihren Kinderwunsch dar. „Wir konnten Eigenschaften nennen, die der Mann mitbringen sollte, von dem wir das Sperma bekommen“, erklärt Denise, dass sie damit versuchten, nah an ihren Eigenschaften zu bleiben. Eine Kinderwunschklinik zu finden, gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn nicht jede nimmt homosexuelle Paare. In der ersten klappte es nicht, alle drei Versuche schlugen fehl, das Ehepaar fühlte sich auch nicht richtig wohl. Sie wechselten die Klinik, hatten einen tollen Arzt, der sie auch über rechtliche Dinge aufklärte. „Dass zwei Frauen vor ihm saßen, war ihm egal. Er wollte uns diesen großen Wunsch erfüllen“, zeigen sich die beiden Frauen dankbar. Der vierte Versuch der Samenübertragung mit medizinischer Hilfe (die Eizelle im Körper der Frau soll dabei befruchtet werden) klappte. Der Schwangerschaftstest einige Wochen später war positiv, das Glück kaum in Worte zu fassen. Aus Helena platzte es bei einem Familientreffen im Sommer heraus: „Ich bin schwanger“. Auch wenn die Freude groß war, erfuhren Freunde erst später davon – nach dem dritten Monat.

Diskriminierung im Alltag erfahren die Küfners selten. „Ich glaube, Männer haben es da schwieriger“, gibt Denise zu. Doch selbst wenn Leute mit der Homosexualität ein Problem hätten, leben die beiden ihr Leben weiter, lassen sich nicht unterkriegen. Sie lieben sich, das ist mit jedem Wort und jeder Geste zu spüren. Bevor sie zu Bett gehen, sagen sie immer „Ich liebe dich“ zueinander, auch wenn es mal Streit gab. Sie lieben es, gemeinsam Zeit zu verbringen, „wir brauchen eigentlich nur uns“. Und diese Zeit nutzen sie in vollen Zügen und in wenigen Wochen zu dritt, wenn das Familienglück der beiden jungen Frauen mit der Geburt perfekt wird.

Autor Redakteurin für Print und Online in Hockenheim, Altlußheim, Neulußheim und Reilingen