60 Jahre Aussiedlung (Teil 1) - Als die Bauern aus der Stadt in Siegelhain und Seewaldsiedlung zogen / 13 Familien machten Neuanfang im Hockenheimer Rheinbogen Höfe sind längst ins Stadtleben integriert

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Adolf Härdle und Jochen Kief
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Die Seewaldsiedlung heute: Die Höfe bieten ihre Produkte – ob Milch, Eier, Biokartoffeln, Gemüse aller Art oder auch Speisen– den Kunden direkt an und werden häufig besucht. © Lenhardt

An den 23. Juni 1960 erinnert sich Adolf Härdle noch genau. Er war damals neun Jahre alt. Auf einer Ackerfläche direkt neben dem Hof des Landwirts Karl Rösch war das Festzelt aufgebaut – die Feierlichkeiten für die Aussiedlungen im Siegelhain und der Seewaldsiedlung konnten beginnen. Reden wurden gehalten, viel Prominenz war angesagt. 1960 war das Jahr der Aussiedlung von 13 Bauernfamilien in das Gebiet des Hockenheimer Rheinbogens.

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60 Jahre Aussiedlung – eine Feier fand aus verschiedenen Gründen nicht statt. „60 Jahre Aussiedlung kann nicht nur ein Anlass zum Rückblick sein“, meint Jochen Kief (Jahrgang 1984), Landwirtschaftsmeister und Hofnachfolger in der dritten Generation. Auch die Situation der Landwirtschaft und die Zukunftschancen der noch aktiven bäuerlichen Familienbetriebe im Siegelhain und in der Seewaldsiedlung in Zeiten des Klimawandels und eines veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins könnten hinterfragt werden. Darauf soll in einem zweiten Bericht eingegangen werden.

Festbankett mit Minister Weiser

Das war 1985 noch anders: „Die Hockenheimer Aussiedlerhöfe Seewaldsiedlung und Siegelhain feiern am 29. und 30. Juni ihr 25-jähriges Bestehen. Hierzu laden wir Sie und Ihre Familie recht herzlich“, lautete der Einladungstext der Bauernfamilien zum Festbankett zur 25-Jahr-Feier, das in der mit Blumen dekorierte Gerätehalle der Familie Kief ausgerichtet wurde.

Die Landwirtschaft habe sich der Herausforderung gestellt und werde auch in Zukunft ihren Platz in der Volkswirtschaft finden, stellte der Festredner, der damalige Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser, fest. Das Hockenheimer Stadtoberhaupt, Bürgermeister Gustav Schrank, versicherte, dass die Aussiedler der Stadt genutzt hätten.

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Ernst Bohrmann war federführend für die Organisation, Gustav Härdle führte durchs Programm und erinnerte an die Anfänge der Aussiedlung 1960. Er versäumte es nicht, auf die gravierendsten Probleme – Hochwassergefährdung, drohende Wasserentnahme durch den Wasserzweckverband Kurpfalz und Landschaftsverbrauch – hinzuweisen. Wenn man so will, stellte er für die Pioniere der Aussiedlung, fest, dass sich die Betriebe zwar familienbedingt unterschiedlich fortentwickelt hätten, aber vor allem der Friede zwischen den Nachbarn erhalten geblieben sei. Ohne die Schaffung der Basis vor 25 Jahren wäre die Existenzmöglichkeit nicht gegeben.

Über 1000 Besucher aus Hockenheim und Umgebung nutzten den Tag der offenen Tür, um sich auf den Höfen umzusehen oder es sich bei dem kulinarischen Angebot gutgehen zu lassen. Zum Abschluss des Fests traf sich die gesamte Siedlerfamilie. Es war eine denkwürdige Veranstaltung, die bis heute – von Generation zu Generation weitergetragen – im Bewusstsein der Bauernfamilien verankert ist.

Bei Eindachhof blieb es nicht lange

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Heute noch kann der interessierte Beobachter beim Gang durch die Siedlungen die ursprüngliche Form des Eindachhofs, bei dem Mensch und Tier unter einem Dach leben, erkennen. Der Träger-Aussiedler-Vertrag mit der Badischen Landsiedlung sah ursprünglich einen Einraumstall vor, der Platz für zwölf Stück Großvieh, eine Muttersau mit Ferkeln und 15 Mastschweinen, zwei Pferden oder ersatzweise fünf Mastschweine bot.

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Schon kurz nach Fertigstellung erfolgten erste bauliche Veränderungen und dies setzt sich bis heute fort. Funktionelle Nebengebäude, neue Stallungen, kundenfreundliche Hofläden und natürlich in die Wohnbebauung zwar integrierte, aber doch räumlich getrennte Altenteile ergänzten den Bestand.

60 Jahre Aussiedlung – wie die Zeit vergeht. „Dass nichts bleibt, wie es war“, der Liedermacher Hannes Wader hat wohl Recht mit seinem Song. Vieles hat sich verändert auf den 13 Aussiedlerhöfen. Von den Pionieren der ersten Stunde, die damals mutig und voller Hoffnung ihrer Passion, Bauer sein zu wollen, nachgingen, leben in der Seewaldsiedlung noch Gerdl Adolf und Gerhard Zahn. Wenn man so will, hat die zweite Generation in den vergangenen 30 Jahren den Stab der Verantwortung übernommen.

Die Veredlungswirtschaft spielt nicht mehr die Rolle wie zu Beginn der Aussiedlung – Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Betriebsgröße hat sich von anfangs um durchschnittlich 20 Hektar teilweise vervielfacht. Unter 100 Hektar, so ist zu hören, sei ein wirtschaftlicher Betrieb schwierig. Die Höfe bieten inzwischen ihre regionalen Produkte, ob Milch, Eier, Biokartoffeln, Gemüse aller Art, den Kunden direkt an. Dies allein reicht allerdings nicht aus: Eine gute Vernetzung mit dem Handel, ob Rewe, Edeka, Aldi oder wie die Partner heißen, ist erforderlich, um auch mengenmäßig den Absatz der landwirtschaftlichen Qualitätsprodukte aus der Region zu sichern.

Reitställe werden betrieben, das Maislabyrinth ist ein Erlebnis für die ganze Familie. Gutes Essen und Übernachtungsmöglichkeiten, auch dies wird geboten. Die Menschen finden den Weg in die Siedlungen und fühlen sich dort wohl, von Einsamkeit der Familien kann keine Rede mehr sein.

Allerdings bewirtschaften nicht mehr alle 13 Aussiedlerfamilien ihre Ackerflächen in gewohnter Weise. Teilweise sind die Betriebsflächen verpachtet und wurden von Landwirtskollegen übernommen. Auch dies wird später noch Thema sein.

Die Aussiedlung war politisch und gesellschaftlich gewollt, der bäuerliche Familienbetrieb sollte erhalten werden. Neben der nachhaltigen Pflege und Bewirtschaftung der Kulturlandschaft stand von vorneherein auch die Erzeugung regionaler Lebensmittel im Vordergrund.

Das Bauernhofsterben durch den fatalen Grundsatz „wachsen oder weichen“ konnte allerdings auch in Hockenheim nicht vermieden werden. Parallel vervielfachte sich die Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe. Ernährte ein Landwirt 1960 gerade sieben Menschen, so sind dies 2020 laut amtlicher Statistik nahezu 140 Menschen.

Realteilung als eine Ursache

Einer der Gründe für die Aussiedlung in den vornehmlich als Wiesenlandschaft geprägten Hockenheimer Rheinbogen war die auch im badischen Landesteil Baden-Württembergs vorherrschende Realteilung. Die Vererbung des Landbesitzes unter allen Erbberechtigten führte von Generation zu Generation zu einer zunehmenden Kleinparzellierung in Flurstücke von weniger als einem halben Hektar. Die Folge war eine ineffiziente Bewirtschaftung, die auch in Hockenheim eine Neuordnung der Feldflur durch Flurbereinigungen nach sich zog.

Der „Vorplanung einer Flurneuordnung in Hockenheim“ aus dem Jahr 1955 ist zu entnehmen, dass 2153 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche von 327 Betrieben, davon 144 hauptberufliche Bauernbetrieben und sogenannte „Ausmärkern“ aus benachbarten Gemeinden, bewirtschaftet wurden. Neben dem Insultheimer Hof (421 Hektar) und dem Stadtgut (92 Hektar) wiesen die 20 größten Betriebe eine Bewirtschaftungsfläche von lediglich zehn bis 24 Hektar auf.

Konflikte mit Naturschutz

Aus diesem Kreis dürften zu einem guten Teil die 13 Aussiedlerhöfe stammen, denen jeweils zwölf Hektar Land in ihr Eigentum übertragen wurde und die dafür ihre Eigentumsflächen im Ort einbringen mussten. Das Förderprogramm „Der Grüne Plan“ sollte von 1950 an bis in die 1960er Jahre hinein zusätzlich mithelfen, asphaltierte Wirtschaftswege anzulegen, wie der Wirtschaftsweg im Gewann Ketschau zeigt, und Agrarflächen schaffen, die sich leichter bewirtschaften ließen.

Steigender Landverbrauch für Verkehr, Industrie- und Wohngebiete, die Nutzung weiter weg liegender Gemarkungsteile als Wiesen wurde von den Flurplanern als Fehlnutzung angesehen, so stand einer Umwandlung der Wiesen- in Ackerflächen nichts mehr im Wege. Intensive Veredlungswirtschaft wurde betrieben. Milchviehhaltung, Bullen- und Schweinemast sowie der Anbau von Getreide, Zuckerrüben und Mais waren die Bewirtschaftungsschwerpunkte.

Dass es in dem sensiblen Naturraum des Hockenheimer Rheinbogens, dem größten Wiesengebiet am nördlichen Oberrhein, zu Konflikten mit dem Naturschutz kommt, war programmiert, obwohl die Aussiedlung mit all ihren Folgen für Flora und Fauna politisch gewollt war.

Die absoluten Wiesenflächen wurden „umgebrochen“ und mittels Gründüngung – Ölrettich kam zur Anwendung – ackerfähig. Auf den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit wurde geachtet, stark zehrende Kulturen folgten in der Fruchtfolge schwach zehrende, die Humusbilanz sollte ausgeglichen sein. Diese Grundsätze der Landbewirtschaftung sind auch heute noch gültig.

Die Pumpen in den Schöpfwerken am Kothlachgraben und Stranggraben hatten die Funktion, etwa bei Hochwasser zu Zeiten der Schneeschmelze im Frühjahr das Wasser in den Rhein zurückzubefördern und somit Druck- und Stauwasser zu vermeiden. Auch musste darauf geachtet werden, dass die Gräben „ziehen“ und ihre Entwässerungsfunktion erfüllen konnten – eine weitere Voraussetzung für eine verlässliche Bewirtschaftung der Schwemmlandböden.

Ohne Kompromisse geht es nicht

In all den Jahren war es schon ein oft harter und schmerzlicher Lernprozess für den Naturschutz, für die Landwirte sowie für die verantwortlichen Behörden, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig zu respektieren.

Eine schonende Grabenpflege wurde entwickelt, die am 29. Januar 1990 in Kraft getretene Verordnung eines Natur- und Landschaftsschutzgebietes sowie Wildschutzgebietes Hockenheimer Rheinbogen stellte eine Zäsur dar. Grünland durfte nicht mehr umgebrochen werden, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Verwendung von Gülle und Schwemmmist wurden geregelt, der Zeitpunkt der ersten Mahd festgelegt.

Sorgen bereitete den Landwirten die beabsichtigte Entnahme von ursprünglich bis zu 45 Millionen Kubikmeter Grundwasser jährlich durch den Zweckverband „Wasserversorgung Kurpfalz“ (ZVK). Durch Rechtsverordnung des Landratsamtes Rhein-Neckar-Kreis vom 5. Dezember 1980 wurde zugunsten der ZVK ein Wasserschutzgebiet für das Grundwasser im Einzugsgebiet der Trinkwasseranlage „Hockenheimer Rheinbogen“ festgesetzt.

Das Regierungspräsidium stellt in einem Schreiben aus dem Jahr 2017 im Zusammenhang mit dem Zielabweichungsverfahren für die vorläufige Sicherung der geplanten Wasserschutzgebiet-Erweiterung „Schwetzinger Hardt“, Gewann Entenpfuhl, fest, dass Wasserrechte zur Entnahme von Grundwasser nicht vorliegen und nicht beantragt worden seien. Als alternatives, aktivierbares Gewinnungsgebiet scheide das Wasserschutzgebiet „Hockenheimer Rheinbogen“ nach Beurteilung der höheren Raumordnungsbehörde aus. Die Landwirte auf den Aussiedlerhöfen hoffen, dass dies auch so bleibt.

Hier geht es zum zweiten Teil der Aussiedlung.

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