Umweltschutz - Verein Green Forest Fund sucht Grundstücke für Baumpflanzprojekte / Keine Resonanz in der Region / Kritik von Umweltverbänden und Klimaschutzexperten Keine Chance für Hockenheimer „Urwald“?

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Benjamin Jungbluth
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Blick von Ketscher Gemarkung auf Hockenheim-Talhaus: Hier zeigt sich exemplarisch, dass ein aus Wiesen bestehendes Natur-schutzgebiet, der Ackerbau und das Gewerbegebiet samt L 722 einen „Urwald“ von Green Forest Fund nahezu unmöglich machen würden. Doch dafür fühlt sich die bedrohte Haubenlerche hier sehr wohl. © Jungbluth/Green Forest Fund

Hockenheim. „Suche Acker oder Wiese zum Kauf ab 5000 Quadratmetern, Wald ab 10 000 Quadratmetern“ – diese ungewöhnliche Zeitungsanzeige dürfte bei manchem Hockenheimer für Verwunderung gesorgt haben. Doch dahinter verbirgt sich nicht etwa ein neues Großbauprojekt, sondern das genaue Gegenteil: Der Verein Green Forest Fund aus Heidelberg möchte deutschlandweit Bäume pflanzen, um unberührte „Urwälder“ – so die eigene Marketingaussage – anzulegen und dadurch den Klimaschutz und das Ökosystem zu unterstützen. Doch aller Voraussicht nach werden sich die Hockenheimer nicht über unberührte Wälder in ihrer Nachbarschaft freuen können: In der Region gibt es bislang keine Resonanz auf das Projekt – und darüber hinaus auch noch grundlegende Kritik durch manche Umweltverbände und Klimaschutzexperten.

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Für Thorsten Walter (kleines Bild), Gründer von Green Forest Fund, ist die Sache klar: Seine Organisation möchte etwas für die Umwelt tun. „Deutschlandweit stehen nur etwa zwei Prozent der Wälder unter Schutz – und selbst hier ist der Holzeinschlag erlaubt. Die meisten Bäume dienen als Rohstofflieferanten und werden bereits nach 60 bis 120 Jahren gefällt. Dabei können sie einen enorm wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, weil sie CO2 binden. Gleichzeitig dienen unberührte Wälder als Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten“, erklärt Thorsten Walter.

Mit einer Spende von 30 Euro pro Baum können deshalb Privatpersonen, aber auch Firmen und Institutionen eine Baumpatenschaft übernehmen. Eingerechnet ist dabei der Kauf passender Grundstücke, das Anpflanzen, die Pflege zu Beginn sowie der Plan, die so entstandenen Wälder dauerhaft unter Schutz zu stellen. Bienenweiden und Vogelschutzgebiete ergänzen den Ansatz. „Wir sind deshalb teurer als andere Baumpflanzprojekte, die oft im Ausland Wälder anlegen und kein derart komplexes Gesamtkonzept bieten“, sagt Thorsten Walter.

Als ehemaliger Banker und Unternehmensberater hat er es sich zur Aufgabe gemacht, mit Green Forest Fund möglichst erfolgreich Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben. Dabei denkt er gerne in den Kategorien seiner ehemaligen Branchen. „Wir wollen das Projekt professionell aufziehen, um wirklich etwas zu erreichen. Ich sehe uns deshalb auch eher als Start-up, das seit seiner Gründung 2017 stetig nach oben skalieren konnte. Wir erzielen inzwischen ein sehr hohes Wachstum und wollen das weiter vorantreiben, um erfolgreich zu sein“, berichtet er selbstbewusst. Zwei Kollegen zählen zum engeren Kern des Vereins, hinzu kommen deutschlandweit freie Mitarbeiter. „Unser Ziel ist es, dass wir als Kernteam von unserem Engagement leben können und gleichzeitig wirklich etwas beim Naturschutz bewegen.“

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Doch der Weg dorthin bietet einige Herausforderungen. So gibt es zwar insbesondere aus urbanen Regionen bereits viele Unterstützer und Baumpaten. Auch große Unternehmen spenden für das Konzept. Doch im ländlichen Raum, dort wo die „Urwälder“ entstehen sollen, sieht es mit der Begeisterung meist anders aus.

„In Deutschland kann man nicht einfach einen Wald anlegen – wo kämen wir da auch hin?“, sagt Thorsten Walter mit leichtem Sarkasmus. „Vor allem die Landwirte und die Verwaltungen können mit unserem Konzept oft wenig anfangen. Gleichzeitig zeigen sich dort enge Verbindungen: Ab einer gewissen Größe von Grundstücken haben Landwirte immer ein gesetzlich vorgeschriebenes Vorkaufsrecht. Für uns Umweltschützer ist es deshalb unglaublich schwer und kostenintensiv, an Land zu kommen. Meist muss der örtliche Gemeinderat zustimmen – und dort zählen andere Interessen“, beklagt Walter.

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Doch Gegenwind erhalten die Baumpflanzprojekte mitunter auch von unerwarteter Seite. So ist die Meinung bei Umweltschutzverbänden gespalten, ob der Ansatz wirklich einen Beitrag zum Natur- und Klimaschutz leistet. Namhafte Verbände kritisieren dabei das Aufforsten von Flächen, die auch ohne Wald bereits Schutzfunktionen erfüllen. „Bisweilen dürfen wir keine Bäume pflanzen, weil auf brachen Flächen geschützte Vögel leben, die Wiesen und offene Landschaften bevorzugen“, erklärt Thorsten Walter.

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Und auch am Klimaversprechen stören sich manche Experten: Es könne von Spendern als moderner „Ablasshandel“ missverstanden werden. Tatsächlich wirbt Green Forest Fund recht deutlich mit dem Ausgleichsargument. So heißt es auf der Internetseite des Vereins: „Die Rechnung ist einfach: Ein Baum nimmt im Laufe von 100 Jahren etwa drei Tonnen CO2 auf. Das ist in etwa die Menge, die jeder von uns im Quartal erzeugt. Vier jährlich gepflanzte Bäume gleichen also unseren durchschnittlichen persönlichen CO2-Fußabdruck aus.“

„Gerade solche Formulierungen sind ein Problem“, sagt Dr. Klaus Keßler, Geschäftsführer der Klimaschutz- und Energie-Beratungsagentur Heidelberg/Rhein-Neckar-Kreis (KLiBA), die in der Region Kommunen und Bürger berät. „Baumpflanzprojekte sind grundsätzlich sinnvoll und tun viel Gutes für unser Ökosystem und die Artenvielfalt. Aber sie sind nicht geeignet, einen Beitrag zum Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens zu leisten. Denn die Idee der Kompensation suggeriert, dass wir einfach so weitermachen könnten, wie bisher: Ich pflanze ein paar Bäume und kann dann weiterhin nach Belieben um die Welt fliegen. Aber das ist grundlegend falsch.“

Aus Sicht des Klimaschutzexperten müsse stattdessen weltweit der CO2-Ausstoß vermieden oder zumindest deutlich reduziert werden. „Erst dann kann man darüber nachdenken, den möglichst kleinen Rest auszugleichen“, so KLiBA-Geschäftsführer Keßler.

Thorsten Walter ist dennoch davon überzeugt, dass der Ansatz von Green Forest Fund dem Klima hilft. „Durch uns beschäftigen sich viele Menschen verstärkt mit dem Thema. Und auch wenn manche ihr Verhalten vielleicht nicht verändern, tun sie trotzdem mehr Gutes, als sie ohne uns tun würden“, argumentiert er.

In der Region Hockenheim und Schwetzingen hat der Verein allerdings bislang kein einziges Grundstück angeboten bekommen. „Wir gehen deshalb im Moment nicht davon aus, dass wir hier ein Projekt umsetzen können. Wir konzentrieren uns stattdessen auf unsere bereits begonnenen Standorte in Hardheim, Binau und Eberbach-Unterdielbach im Neckar-Odenwald-Kreis. Auch in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind wir dabei, unser Konzept umzusetzen“, so Thorsten Walter. „Spenden aus der Rhein-Neckar-Region sind aber natürlich weiterhin möglich und sehr willkommen.“

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Freie Autorenschaft Freier Journalist für die Region Heidelberg, Mannheim und Rhein-Neckar. Zuvor Redakteur bei der Schwetzinger Zeitung, davor Volontariat beim Mannheimer Morgen. Neben dem Studium freie Mitarbeit und Praktika u.a. beim Mannheimer Morgen, der Süddeutschen Zeitung, dem SWR und der Heidelberger Studentenzeitung ruprecht.