Gewerbe - Viele Händler haben Rückkehr zur Einkaufsnormalität herbeigesehnt / Gutscheinangebote und Lieferservice retten Geschäfte meist nicht / Kunden diszipliniert Nichts geht über das persönliche Erlebnis

Von 
Matthias Mühleisen
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Freuen sich auf Beratungsgespräche bei Juwelier Zahn: Friedbert Zahn (v. l.), Ayleen Shehu und Anke Zahn sind erleichtert, dass über vier Wochen Schließung hinter dem Fachgeschäft liegen. © Lenhardt

Darauf haben Gewerbetreibende und Kunden lange gewartet: Mit der Wiedereröffnung vieler Geschäfte unter Auflagen ist seit Montag ein Stück Normalität zurückgekehrt. Für die meisten Gewerbetreibenden war es dafür höchste Zeit, zeigt eine kleine Umfrage in verschiedenen Branchen: Die Möglichkeiten von Lieferservice, Gutscheinverkauf und Onlineberatung können das Einkaufserlebnis im Geschäft nicht ersetzen, ist die Erfahrung der Händler.

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Birgit Rechlin, Geschäftsführerin des Hockenheimer Marketing-Vereins, befürwortet uneingeschränkt, dass die Läden wieder öffnen können. Sie fände es noch erfreulicher, wenn die Bundesländer einheitliche Regelungen fänden, um „Einkaufstourismus“ zu verhindern und allen Geschäftsleuten dieselben Chancen zu eröffnen. Bis Ende kommender Woche will der HMV die Rennstadtkarte einsatzbereit haben, mit der die Kunden ihre Verbundenheit mit den Geschäften zeigen können.

Das Wetter spielte beim Neustart mit, auch wenn die Gastronomie noch nicht größer davon profitieren könne: „Bei dem tollen Sonnenschein möchte man doch am liebsten draußen in einem Café sitzen.“

Birgt Rechlin appelliert an die Betriebe, ihre aktualisierte Angebote dem Verein zur Veröffentlichung auf dessen Homepage zu übermitteln, um einen Überblick zu ermöglichen, was die Kunden wo bekommen.

Finanzielle Hilfen kommen schnell

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Gespräche mit Inhabern und Betreibern hätten gezeigt, dass die Geschäfte nur sehr schleppend gingen. Zumindest die finanziellen Hilfen für die Einzelhändler seien schnell und unbürokratisch ausgezahlt worden, ist Rechlins Erfahrung.

Mit den Sicherheitsauflagen haben die Kunden offenbar keine Probleme und sind durch die vergangenen vier Wochen geeicht, auf einschlägige Regeln zu achten. So berichtet Buchhändlerin Geneviève Gansler, dass sie den Überblick über die Anzahl der Kunden, die sich gleichzeitig in ihrem Geschäft aufhalten, oft nicht selbst behalten muss: „Es klappt super, viele Kunden bleiben an der Tür stehen und zählen erst mal, wie viele Leute sich schon in der Buchhandlung aufhalten, bevor sie eintreten.“

Abholbox für bestellte Bücher

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Fünf Menschen gleichzeitig ist das Limit bei ihr, so hatte sie es schon vor der Schließung kommuniziert, so steht es an der Ladentür, die Kreuzmarkierungen auf dem Boden werden ebenfalls genau beachtet. Langeweile war bei der Buchhändlerin in den vergangenen Wochen nicht aufgekommen, ihren Lieferservice per Fahrrad hatten die Bücherfreunde gleich nach Schließung der Läden rege genutzt, und auch die vor einer Woche in Betrieb genommene Abholbox mit individuellen Fächern und Code für Kunden aus der Umgebung, die nicht beliefert werden können, sei beliebt gewesen, berichtet Geneviève Gansler.

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Anke Zahn ist sehr erleichtert, dass „viereinhalb Wochen Talfahrt sondergleichen“ hinter dem Juweliergeschäft liegen. Sie habe zwar viele aufmunternde Nachrichten von Kunden erhalten, die sagten, sie warten mit Anschaffungen, bis das Fachgeschäft wieder geöffnet hat, und Durchhaltewünsche übermittelten, die Resonanz auf Gutscheinaktionen sei eher verhalten gewesen.

Ihre Erfahrungen mit dem Verhalten der Kunden sind positiv: „Die Leute gehen sehr verantwortungsvoll miteinander um, die meisten bleiben erstmal an der Tür stehen und fragen, ob sie hereinkommen können, halten den Abstand selbstständig ein“, berichtet Anke Zahn.

Wenn es um hochwertige Grills und das passende Zubehör geht, ist die persönliche Inaugenscheinnahme unschlagbar, stellt Andreas Imhoff von der Firma Albert Herzer fest. Das Lieferserviceangebot habe keine große Nachfrage ausgelöst.

Dafür kamen die ersten Kunde am Montagnachmittag. Bei Herzer sind nach dem abgesagten Maimarkt nun Maimarktpreise ausgerufen, ob die beliebten Grillseminare stattfinden können, wird noch geklärt.

Für das Autohaus Ruder beendete die Corona-Krise einen vielversprechenden Start ins Jahr, berichtet Remy Ruder. Dann sei das Geschäft um 85 Prozent eingebrochen, die Onlinevermarktung sei keine Alternative gewesen: „Die Leute haben in diesen Zeiten einfach andere Gedanken als große Anschaffungen.“ Seit Samstag sei das Interesse wieder deutlich größer geworden.

Redaktion Redakteur im Bereich Hockenheim und Umland sowie Speyer