Social Media - Schottischer Postbote Nathan Evans (26) sorgt mit Shanty für Internethit / Wolfgang Zahn von der Marine-Kameradschaft erklärt, was diese Musik ausmacht „The Wellerman“ von Nathan Evans ist in aller Munde

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Vanessa Schwierz
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Vom Postboten zum Plattenvertrag: Nathan Evans Version des Shantys „The Weller-man“ ist viral gegangen. © dpa/Universal Music

Hockenheim. Ein Walfängerschiff, das einst in See stach. Die Seeleute harrten aus, warteten auf das Proviantschiff, das Nachschub, bestehend aus Zucker, Tee und Rum, brachte. Vor zwei Jahrhunderten gab es diese Lieder schon, die Menschen sangen. 2021 erfährt diese Art von Musik einen neuen Hype – ausgelöst durch die Internet-Plattform TikTok. Der 26-jährige schottische Briefträger Nathan Evans lud Ende Dezember ein Video hoch, in dem er die Coverversion des neuseeländischen Shantys „The Wellerman“ der englischen Band „The Longest Johns“ sang – es wurde ein virales Phänomen. Der Hashtag #seashanty verbreitete sich im Internet.

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Schaut man sich den TikTok-Kanal des jungen Schotten an, ist auffällig, dass er bereits seit vielen Monaten Songs online stellt. Seit einiger Zeit auch Seemannslieder und Shantys. Zu hören ist dabei eine Version des bekannten Liedes „What shall we do with the drunken sailor“.

Wie Evans der Deutschen Presse-Agentur sagte, habe er bereits einen Plattenvertrag abgeschlossen und seinen Job als Postbote aufgegeben. Ob auch auf seinem ersten Album Seemannslieder zu hören sein werden, ließ er offen. Seine Version des Walfängerliedes „The Wellerman“ platzierte sich Anfang Februar sogar in den britischen Charts. Auch bekannte Musiker wie Ronan Keating und Gary Barlow haben „The Wellerman“ auf ihre Art gemeinsam aufgenommen.

Auf bessere Zeiten warten

Dass Shantys einen Hype erfahren liege wohl an der Corona-Pandemie und dem Lockdown. Viele Menschen sind allein, Treffen mit Freunden und Familien sind nicht möglich und finden meist nur online statt. Innehalten und auf bessere Zeiten warten, ist dabei wohl das Credo. Das bestätigt auch der zweite Vorsitzende der Marine-Kameradschaft Hockenheim, Wolfgang Zahn. „Die Menschen sind früher wenig weggekommen und sind zu Hause geblieben“, vergleicht er die Situation von damals mit heute. Dabei spiele auch die Mischung aus Liebe, Gefahr und freiem Leben eine wichtige Rolle. Es entstehe mit Hilfe dieser Musik ein Gemeinschaftsgefühl.

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Wolfgang Zahn weist darauf hin, dass Seemannslieder und Shantys unterschieden werden müssten. „Seemannslieder haben mehr Schlager-Charakter. Shantys sind reine Arbeitslieder, sie haben einen Vorsänger – der Chor stimmt dann mit ein“, erklärt Zahn, dass diese Art von Musik vor allem während der Arbeit an Bord oder zum Beispiel beim Ankereinholen früher gesungen wurden.

Die Seefahrt ist für die Menschen ein Ort, der fremd des Alltags ist – vor allem für diejenigen, die fernab der Meere leben. „Im Binnenland hat das Meer etwas Abenteuerliches. Gleichzeitig mit Wellen und Sturm aber auch etwas Romantisches“, beschreibt Zahn, dass die Romantik der See eine Faszination auf die Menschen ausübe. Dazu kommt die eingängige Melodie der Shantys und dass die Menschen mitsingen können – nennt er als Beispiel „What shall we do with the drunken sailor“. Außerdem haben Bands wie Santiano diese Art von Musik in die Moderne geführt und damit auch für eine breitere Masse an Menschen greifbar gemacht.

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Die Marine-Kameradschaft aus Hockenheim singt allerdings kaum Shantys, sondern setzt hauptsächlich auf Seemannslieder. Die Geselligkeit werde bei den Mitgliedern besonders groß geschrieben. Denn das gehöre einfach dazu. „Jeder singt, wie er kann“, sagt Zahn, dass die Kameraden keine Profis sind und es auch nicht so sehr auf die Stimme ankomme, wie es zum Teil bei Gesangsvereinen der Fall ist. Denn Mehrstimmigkeit und Solostimmen gebe es bei Seemannschören kaum. Doch Zahn betonte, dass es natürlich auch in diesem Metier Profis gebe, die aber vor allem im Norden der Bundesrepublik zu finden sind. Auf die Frage, ob er das Lied „The Wellerman“ kannte, antwortete Zahn ehrlich mit „Nein“. Doch er habe sich informiert und erklärt, dass die gängige Melodie die Menschen einfach in ihren Bann zieht – die Musik bleibt einfach im Ohr. Für ein abendfüllendes Programm seien Shantys in seinen Augen nicht geeignet. „Der Rhythmus wiederholt sich“, sagt Zahn.

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Die Marine-Kameradschaft hat kaum Shantys in ihrem Programm, denn „da fehlen einfach die kräftigen Stimmen“. Außerdem müsse man das Arbeiten auch auf die Bühne bringen können, es spüren. Dann könne man die Menschen mitreißen. „Das hat der junge Mann in seinem Video prima gemacht. Er hat es gut transportiert“, lobt Zahn den 26-jährigen Schotten.

Wehmut, Leid und Kummer

Dass das Video die Menschen mitreißt, findet Wolfgang Zahn nicht ungewöhnlich. Zum einen liege es am Sänger und zum anderen spreche diese Art von Musik, die ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt, die Menschen in schweren Zeiten, wie sie aktuell herrschen, an. Schließlich erinnern Shantys an die Arbeit auf Schiffen auf hoher See – allein mit den Kameraden, keine Familien, nur Wasser in Sichtweite. Wehmut, Leid und Kummer schwingen bei dieser Musik mit. „The Wellerman“ spricht somit vielen Menschen aus der Seele. Isoliert von anderen, verbringen die Menschen während der Pandemie die meiste Zeit daheim – allein. Wie die Walfänger an Bord der Schiffe im 19. Jahrhundert. Und so hofft auch Wolfgang Zahn, dass die Zeit vorbeigeht und er mit seinen Kameraden zum gemeinsamen Singen zusammenkommen kann – denn da sei gute Laune garantiert.

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Autor Redakteurin für Print und Online in Hockenheim, Altlußheim, Neulußheim und Reilingen