Landwirtschaftsserie (3) - Der Hockenheimer Familienbetrieb Kief konzentriert sich ab sofort auf sein Milchvieh / Wegen der Einschränkungen durch die neue Düngeverordnung endet die Bullenmast „Unsere Planungssicherheit ist gleich null“

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Ulrike van Weelden
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Das sind die süßesten Hofbewohner: die Kälbchen der Familie Kief. © Ulrike van Weelden

Region. Jochen Kief stellt seinen Betrieb um. Sofort. Keine Aufzucht von männlichen Kälbern, keine Bullenmast und ab dem kommenden Jahr auch kein Fleischverkauf mehr. Der Grund: Eine verschärfte Düngemittelverordnung (DüV) tritt ab Mitte dieses Jahres in Kraft. Das ist sicher. Bis einschließlich 2. März lag der Entwurf öffentlich aus. Innerhalb der Öffentlichkeitsbeteiligung durften Betroffene bis zu diesem Datum ihre Einwände beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft äußern. Ob der Unmut der bäuerlichen Betriebe und ihrer Interessensverbände noch etwas an den Vorschriften ändert, ist eher unwahrscheinlich.

Der Betrieb Kief

Der Betrieb von Denise und Jochen Kief hat seinen Standort in der Seewaldsiedlung 6 in Hockenheim.

Fläche: 100 Hektar (bundesdeutscher Durchschnitt).

Viehwirtschaft: 180 Rinder, davon 60 Milchkühe und 60 Kälber in Aufzucht.

Personal: Ein festangestellter Mitarbeiter und die Familienmitglieder.

Produkte (nach Umsatz): Milch (70 Prozent), Brotweizen, Braugerste (15), Direktverkauf von Milch, Eiern und Rindfleisch (15).

Vertrieb: Milchzentrale Nordbaden, Raiffeisengenossenschaft und Direktverkauf mit Milchautomat.

Homepage: https://bauernhof-kief.jimdofree.com/ uvw

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Denn die Bundesregierung steht wegen der hohen Nitratwerte in Deutschlands Böden und Grundwasser bei der EU am Pranger. Ob die Messmethoden europaweit vergleichbar sind – oder auch nicht, kann diskutiert werden. Gesprächsbedarf besteht da durchaus.

Der ändert aber nichts an den Konsequenzen vor Ort. Und zwar im Stall des Familienbetriebs in der Seewaldsiedlung. „Ab diesem Jahr konzentriere ich mich ausschließlich aufs Milchvieh“, sagt der Hockenheimer Landwirtschaftsmeister Jochen Kief. „Wir haben auf dem Hof keine Möglichkeit, über einen noch längeren Zeitraum die Gülle zu lagern.“ Also bleibt ihm nur eins, die Bullenmast aufzugeben – nach so vielen Jahren.

Rindfleischabsatz stagniert

Zwar verfügt das Unternehmen über ausreichend Flächen, entsprechend der neuen Vorschriften die Gülle auf die Felder zu bringen. Aber der Zeitraum wird, sobald die geänderte Gesetzeslage gilt, zeitlich stark eingeschränkt. „Somit ist Schluss mit der Bullenmast.“ Im Übrigen sei zwar das Interesse am Rindfleischkauf in der Direktvermarktung gestiegen, nicht aber der Umsatz. „Das liegt vermutlich an der unkomfortablen Logistik aus Sicht des Verbrauchers“, meint Jochen Kief. „Nur einmal im Monat kann man einkaufen, nur auf Vorbestellung und in den Monaten Mai bis August gar nicht.“

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Mit seiner Ehefrau Denise führt der 35-Jährige seit 2011 in dritter Generation den Familienbetrieb als Einzelunternehmen. Während der Übernahme vom Vater wurde 2007 zunächst eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet. Das Paar hat zwei Kinder. Und so treibt Jochen Kief die gleiche Frage um, wie den Schwetzinger Landwirt Andreas Spilger, den wir in unserer ersten Serienfolge zitiert hatten: „Kann ich meinen Kindern später die Übernahme zumuten?“

Nach derzeitiger Sachlage wohl kaum. „Wir haben in Deutschland null Planungssicherheit“, fasst der Landwirt seine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren zusammen. „Ich habe nichts falsch gemacht“, bewertet er seine unternehmerischen Entscheidungen. Und trotzdem müsse er innerhalb kürzester Zeit seinen Betrieb an die neuen Rahmenbedingungen anpassen. „Im Juli vergangenen Jahres war von diesem Gesetzgebungsverfahren noch keinerlei Rede.“ So weit, so schlecht.

Sinkende Preise für Trinkmilch

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Noch können die Kiefs von ihrer Landwirtschaft leben. „Allerdings ist es müßig, das Einkommen ins Verhältnis zu Arbeitszeit, Leistungsstärke, Versicherungskosten und unternehmerischem Risiko zu setzen. Dann werden wir Landwirte nicht angemessen entlohnt.“ Zumindest hat das Familienunternehmen auf die richtige Kuh gesetzt. So prognostiziert das „Konjunkturbarometer Agribusiness in Deutschland 2020“ der Molkereiwirtschaft eine Fortsetzung des Aufschwungs.

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„Die deutsche Milchwirtschaft ist insgesamt trotz der Herausforderungen, vor denen deutsche Milcherzeuger unter anderem aufgrund der Verschärfung des Düngerechts stehen, gut positioniert, um von der weltweit stagnierenden Produktion zu profitieren und ihre Position am Weltmarkt auszubauen“, schreiben die Autoren der Ernst & Young Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Allerdings folgt dann doch noch eine Einschränkung. Trotz des insgesamt positiven Ausblicks zeige sich die Branche überraschend zurückhaltend: „Die Geschäftslage wird derzeit mit minus zwei Punkten negativ bewertet. Als maßgeblich für diese Einschätzung wird die insgesamt schwierige Situation auf dem deutschen Inlandsmarkt angesehen, die durch einen intensiven Wettbewerb und sinkende Preise für Trinkmilch gekennzeichnet ist,“ heißt es in der aktuellen Studie.

Mehr Absatz beim Direktverkauf

Abnehmer für mehr als 90 Prozent der täglichen gentechnikfreien Milchproduktion der Familie Kief ist die Milchzentrale Nordbaden. Von dort wird die Milch weiterverarbeitet und landet dann als Landliebe-Produkt im Supermarkt. „Die weitere Rohmilch verkaufen wir seit zehn Jahren mittels Direktvermarktung“, sagt Denise Kief. „Außerdem holen zwei Eisdielen unsere Milch ab.“

Der Absatz in dem Verkaufsautomaten am Hof habe sich auch stetig verbessert: von 25 Litern am Tag (2010) auf derzeit 70 Liter. Als Erklärung ergänzt die 36-Jährige: „Rohmilch ist ein anderes Produkt als die industriell verarbeitete Milch. Sie darf nur ab Hof verkauft werden. Es gilt ein gesetzliches Verbot für den Handel.“ Die ausgebildete hauswirtschaftliche Betriebsleiterin hat seit 2017 den Familienbetrieb als „Lernort Bauernhof“ etabliert. Als zertifizierte Fachfrau führt sie Schulklassen und junge Menschen bis zum Alter von 26 Jahren zwei Stunden lang durch das Unternehmen. Der Lerninhalt „Vom Erzeuger bis zum Supermarkt“ wird von Pädagogen gerne angenommen.

Kräftig in Technik investiert

Im Jahr 2012 investierten die Kiefs einen hohen sechsstelligen Betrag in den Bau eines neuen Kuhstalls – vom Land Baden-Württemberg als besonders tierhaltungsgerecht gefördert. „Und wohin jetzt mit der Gülle“, wettert Jochen Kief. Den Melk-roboter haben sie 2013 gekauft und im vergangenen Jahr den neuen Traktor mit GPS. Denn zur Milchwirtschaft zählt auch der Futteranbau für den Eigenbestand – und zwar ohne Sojapflanzen. Das Grundnahrungsmittel für die Kuh ist Gras- und Maissilage. Zudem baut Jochen Kief auf seinen Feldern Brotweizen und Braugerste an.