Ein Paradies vor der Haustür (4) - In den Suhlen im Hardtwald hat sich eine einzigartige Welt gebildet / Seltene Amphibien fühlen sich hier wohl Von der Viehtränke zum Feuchtbiotop

Von 
Andreas Wühler
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Zahlreiche Amphibien bevölkern die Suhlen im Hardtwald. Auf dem Bild sind Erdkröten bei der Paarung zu sehen. © Heidenreich

Es regnet seit Tagen. Mal ist es ein Landregen, der auf den Boden prasselt, mal ein Nieselregen, der einen durchnässt. Doch Biologe Uwe Heidenreich, mit dem wir uns auf den Weg durch den Hardtwald gemacht haben, Ziel sind die in ihm immer wieder zu findenden Suhlen, lässt sich vom Nass nicht beirren. Zumal sein Thema an diesem Tag das genaue Gegenteil ist, es geht ihm um den Klimawandel, die damit einhergehende Trockenheit und deren Folgen für den Wald.

Hockenheim. Blick auf die Suhlen im Hardtwald

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Nach wenigen Schritten auf dem Hardtbachdamm sind die Schuhe und die Hosen bis zum Knie patsch-nass – der richtige Zeitpunkt für Heidenreich, um aufs Thema Trockenheit zu sprechen zu kommen. Mit dem Finger zeigt er auf den Bereich unter einem mächtigen Laubbaum – der Boden ist trocken, bis dahin schafft es die Nässe nicht. Und dort, wo kein Blätterdach den Regen auffängt, reicht ein Scharren mit dem Schuh – die Feuchtigkeit ist kaum handbreit in den Boden eingedrungen.

Regen erreicht die Bäume nicht

Der Sommerregen, so Heidenreich, sei kaum geeignet, die Bäume zu wässern, geschweige denn die Grundwasservorräte aufzustocken. Grund sei die üppig wuchernde Bodenbepflanzung, die das Gros des Regenwassers verbraucht, ein Großteil verdunst und nur ein kleiner Teil versickert im Boden – zu wenig für die Bäume, die im Sommerregen verdursten.

Stichwort Grundwasserspiegel. Dessen Absinken gefährdet den Bestand der Suhlen, die sich im gesamten Hardtwald finden, meist im Gehölz versteckt und nicht sofort einsehbar. Was den Biologen freute, denn die „öffentlichen“ Suhlen erfreuen sich großer Beliebtheit bei den Erholungssuchenden, meist in Begleitung ihrer Vierbeiner, was für die Tiere rund ums Wasser nicht immer von Vorteil ist.

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Ursprünglich sind die Suhlen von Menschenhand im 17. Jahrhundert, nach dem 30-jährigen Krieg, geschaffene Tränken, die dem Wild und Vieh dienten. Die Bewohner der sieben Hardtwald-Gemeinden waren zu verschiedenen Frondiensten verpflichtet, unter anderem zur Jagdfron, sie hatten den adligen Jagdgesellschaften das Wild zuzutreiben.

Im Gegenzug waren ihnen verschiedene Rechte eingeräumt, so das Weiderecht – sie durften ihr Vieh zur Mast in den Wald treiben. Schon im Mittelalter trieben die Menschen ihre Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen und Schweine zur Weidung in den Wald. Eine Wiesennutzung, wie man sie heute kennt, gab es noch nicht.

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Nach der Rheinbegradigung Anfang des 19. Jahrhunderts durch Tulla senkte sich der Grundwasserspiegel drastisch ab, so dass bis heute Nachvertiefungsarbeiten unumgänglich sind, will man die Suhlen erhalten. Gleichfalls mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Waldweidung durch Gerichtsbeschlüsse unterbunden, da mit dem Viehtrieb eine starke Zerstörung des Waldes verbunden war. Dessen Nutzung sich nun ebenfalls änderte, nach und nach breitete sich die Kiefer aus, die unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten angebaut wurde.

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Der Wald als Viehweide hatte ausgedient, die über den gesamten Hardtwald verteilten Suhlen dienen nur noch dem Wild und könnten eigentlich sich selbst überlassen bleiben, hätte sich in ihnen nicht im Laufe der Jahrhunderte ein eigenes Leben entwickelt, dass sie in der Gegenwart zu unverzichtbaren Biotopen macht.

Eines der jüngsten Feuchtbiotope im Wald verdankt seine Entstehung dem Hockenheimring. Mit dem Umbau des Motodroms zu Beginn des Jahrtausends gingen gewaltige Veränderungen im Gelände vor sich. Die Ostkurve wurde zurückgebaut, es entstanden die Parabolika-Kurve und die Spitzkehre. Im Zuge der Ausgleichsmaßnahmen wurde die alte Strecke zum Teil wieder aufgeforstet und es entstand parallel zum Hardtbachdamm ein Feuchtbiotop.

Ein Biotop, das zwei Jahrzehnte später sichtlich unter dem Klimawandel leidet, der Wasserspiegel sinkt kontinuierlich, immer wieder müssen Vertiefungsarbeiten vorgenommen werden, um es zu erhalten. Betritt man das Biotop vom Damm herkommend, stechen einem sofort die Steppenkerzen ins Auge, die sich auf dem sandigen Boden breitgemacht haben. Ein Zuwanderer aus Asien, der sich auf den trockenen Sandböden sichtlich wohlfühlt. Rund ums Wasser hat sich Schilf breitgemacht, auch auf den trockenen Stellen gedeiht die Pflanze. Dazwischen haben Erdbienen und Erdwespen eine Heimat gefunden.

Und mitten zwischen den Pflanzen hat sich eine eigenartige Tierwelt entwickelt. Erdkröten, Gras- und Wasserfrösche fühlen sich im und ums Nass herum wohl, Bergmolche leben im kühlen Nass, Libellen und andere Insekten tummeln sich in der Luft. Sofern noch vorhanden – der Lebensraum wird ständig kleiner, in der einen Hälfte des Biotops stehen nur noch einzelne Pfützen.

Rücksicht nehmen

Kurzum, ein Idyll, das nicht nur Flora und Fauna Lebensraum bietet, sondern auch für Naherholung suchende Menschen eine Augenweide darstellt. Doch der Mensch erfreut sich nicht nur am Anblick des Biotops, er nutzt es auch. Sei es, dass ihm die Sanddüne als Picknickwiese dient, sei es, dass er seine Hunde tollen lässt oder Reitpferde zur Tränke führt. Allesamt Angelegenheiten, die dem Biotop nicht dienlich sind.

Natürlich, so Heidenreich, der Wald ist ein Naherholungsgebiet, dient dem Menschen als Ort der Entspannung. Weshalb er den Zugang zu dem Biotop auch nicht verwehren will, einzig ein sensibler Umgang mit der Natur ist ihm ein Anliegen.

Ein gänzlich anderes Bild bietet die Suhle an der Ecke Reilinger und Ketscher Weg. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Ringsuhle, das Wasser umfließt eine kleine Insel. Besser gesagt es „umsteht“ sie, denn von Fließgeschwindigkeit kann kaum die Rede sein und auch das Wasser muss man unter einer dicken Schicht Teichlinsen erahnen. Die Pflanze, auch Entengrütze genannt, bedeckt die Oberfläche fast gänzlich.

Ein sehr sauerstoffarmes Gewässer, mit dem nur wenige Tiere zurechtkommen, weshalb sich einzig der Wasserfrosch in ihm wohlfühlt. Doch fürs Wild ist es eine willkommene Tränke, Wildschweine haben sich eine breite Schneise zu der Ringsuhle getreten.

Auch die Suhle im Reilinger Eck erfreut sich bei Amphibien großer Beliebtheit. Der Weg zu ihr führt durch einen arg mitgenommenen Wald, überall zeugen liegende Stämme und Äste vom Waldsterben. Dafür breitet sich der Fingerhut aus, in großer Zahl erwächst er dem Waldboden. Für Heidenreich eine Bestätigung seiner Aussage zum Regen – vom Niederschlag profitiert der Bodenbewuchs, die Bäume gehen leer aus.

Streng geschützte Arten

Es gibt noch viele unterschiedliche Suhlen im Wald, deren Besuch sich lohnt. Molche, Frösche, Kröten und Libellen fühlen sich rund um die Gewässer wohl, zum Teil sind streng geschützte Arten unter ihnen, zum Teil leben in den Gewässern aber auch entsorgte Goldfische oder Karpfen. Weshalb der Biologe keine große Werbung für die Standorte machen will, besser sie ruhen im Verborgenen.

Doch ob die Lage der Suhlen bekannt ist oder man zufällig auf sie stößt, in jedem Fall ist das Anliegen von Heidenreich das Gleiche: Rücksichtnahme auf die Natur üben, schauen und sich am Anblick erfreuen, aber möglichst keine bleibenden Eindrücke hinterlassen.

Info: Weitere Bilder unter www.schwezinger-zeitung.de

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