Im Interview - Hockenheimring-Geschäftsführer Jochen Nerpel über die Aussicht auf Großveranstaltungen wie Nitrolympx / Aktuell bei 30 bis 40 Prozent des Normalbetriebs „Von Normalität sind wir noch weit entfernt“

Von 
Matthias Mühleisen
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Bleibt wohl dieses Jahr aus: Ob das lärmintensive Dragsterspektakel Nitrolympx 2020 den Hockenheimring erbeben lässt, hält Geschäftsführer Jochen Nerpel trotz zunehmender Lockerungen für zweifelhaft. © Lenhardt/Hockenheimring/Karpf

Hockenheim. Wenn es um Vorhersagen geht, rangieren Großveranstaltungen wie Autorennen in ihrer Wahrscheinlichkeit derzeit nicht weit hinter den Lottozahlen. So bräuchte auch Jochen Nerpel, Geschäftsführer der Hockenheim-Ring GmbH (Bild), eher eine Glaskugel als einen Terminkalender, um Aussagen darüber zu treffen, welche Großevents diese Saison noch stattfinden können. Im Gespräch mit unserer Zeitung kann Nerpel daher nur mit seinem Bauchgefühl dienen – und das sagt, dass weder die Formel 1 im Spätjahr gastieren wird noch das Dragsterspektakel Nitrolympx. In anderen Bereichen wie den Testfahrten kommt zumindest mehr Leben auf die Rennstrecke.

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Nachdem klar ist, dass die Formel 1 in Silverstone fahren kann – haben Sie das Thema für diese Saison abgehakt oder lassen Sie dem Grand Prix immer noch eine Tür offen?

Jochen Nerpel: Uns war klar: Wenn Großbritannien das Problem mit der 14-tägigen Quarantäne für Einreisende löst, wird es für uns eng für diesen Termin. Zum weiteren Kalender Aussagen zu treffen, ist zum aktuellen Zeitpunkt weiterhin unheimlich schwer – für alle Beteiligten von der Formel 1 bis zu den Strecken. Gerade in Deutschland gibt es ja in hoher Geschwindigkeit Lockerungen, schneller als man gedacht hätte. Aber da darf auf der anderen Seite in Sachen Virusausbreitung nichts mehr dazwischenkommen. Vieles kommt da dem Blick in die Glaskugel gleich.

Wenn Sie eine solche hätten: Sähen Sie beim Blick in diese noch die Formel 1 in Hockenheim ihre Runden drehen?

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Nerpel: Ich sage es mal so: Ab einem gewissen Zeitpunkt geht es vonseiten der Strecke nicht mehr. Wenn ich jetzt zwei, drei Wochen im September blocken würde, hätten wir dadurch schon erhebliche Ausfälle, gerade in einem Jahr, in dem wir auf Einnahmen extrem angewiesen sind. Die Formel 1 hätte natürlich gerne viele Strecken, auf die sie kurzfristig zugreifen kann. Jetzt auf eine weitere Anfrage zu reagieren, wäre schwierig. Es wäre wichtig, dass endlich Klarheit herrschen würde. Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich glaube nicht mehr daran, dass wir dieses Jahr einen Großen Preis von Deutschland haben werden – aber das ist ein reines Bauchgefühl.

Wie ist denn der Ring abgesehen von Rennveranstaltungen ausgelastet? Es hört sich in der Stadt jetzt häufiger so an, als seien viele Fahrzeuge auf der Strecke unterwegs.

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Nerpel: Von Normalität bei der Vermietung sind wir tatsächlich noch weit entfernt und es geht uns viel Geld durch die Lappen. Uns fehlen die Standardrennveranstaltungen, die wir um diese Zeit hätten, wie die Bosch Hockenheim Historic. Wir versuchen alles, mit Test- und Erprobungsfahrten, Trackdayanbietern und anderen Geschäftsmodellen aufzufüllen, um die Mieter und uns am Leben zu halten.

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Aber trotzdem bleiben dem Ring aktuell deutlich weniger Einnahmen als in einem regulären Jahr? Wie lange bleibt das wohl noch so?

Nerpel: Ich hoffe, wir kommen Ende Juli wieder in einen normalen Modus. Wenn eine neue Verordnung freitags bei uns eintrifft, habe ich natürlich nicht gleich montags einen Kunden hier – die kurze Vorlaufzeit, die man in alle Richtungen hat, macht es schwierig. Aber jede Lockerung vergrößert unser Kundenportfolio. Wir versuchen, alle Themen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu spielen, aber können das bei Weitem nicht in einem normalen Umfang.

Können Sie das mit einem Prozentsatz ausdrücken?

Nerpel: Ich denke, wir kommen auf höchstens 30 bis 40 Prozent unseres normalen Geschäfts.

Haben Sie in Ihrer Terminplanung schon einzelne Events auf ein konkretes Datum festzurren können?

Nerpel: Wir warten derzeit auf eine Verordnung, die ab 15. Juni greifen soll und noch mal einige Lockerungen mit sich bringt, dann werden wir im Speziellen über Nitrolympx und andere Termine in diversen Bereichen sprechen. Bis dahin wurden wir gebeten abzuwarten.

Sind Sie grundsätzlich optimistisch in der Hinsicht?

Nerpel: Machen wir uns nichts vor: Veranstaltungen wie die Nitrolympx leben von den Zuschauern – auch wirtschaftlich betrachtet. Da muss man irgendwann die Reißleine ziehen und sagen: Wir haben bis dato gewartet, aber jetzt geht es nicht mehr und wir müssen es im Notfall aufs nächste Jahr schieben. Ich habe die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, aber realistisch betrachtet, sieht’s nicht so aus, als würde es funktionieren.

Gilt das für alle größeren Veranstaltungen der Saison oder gibt es vielleicht eine Ausnahme?

Nerpel: Das Verbot von Großveranstaltungen gilt ja bis zum 31. August, bis dahin werden wir keine Publikumsveranstaltungen haben. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es über dieses Datum hinaus Einschränkungen geben wird. Die lassen sich derzeit aber noch gar nicht abschätzen.

Hat der Ring ohne Rennen auch am Wochenende Einnahmen?

Nerpel: Unsere Genehmigung erlaubt uns, dass wir teilweise auch sonntags Touristenfahrten oder Tests hier haben. Wobei grundsätzlich gilt: Wenn die Teams keine Rennen haben, müssen sie auch weniger Tests durchführen. Das macht es nicht einfacher, deshalb müssen wir immer kreativ bleiben. Festzuhalten bleibt: Unsere Sicherheitsvorkehrungen haben sich bewährt und alle sind gesund geblieben.

Redaktion Redakteur im Bereich Hockenheim und Umland sowie Speyer