Was ist schon normal?

Von 
Franz Anton Bankuti
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Ganz ehrlich: Wer hat das nicht schon mal zu jemanden gesagt: „Bisch du noch normal?“ Natürlich, wenn man dies relativ freundlich in der „Hoggemer Sprooch“ (Nichtkurpfäzer nennen es Dialekt) sagt, wirkt es eher freundschaftlich als gleich beleidigend. Aber: Was ist eigentlich „normal“? Bei dem vor 360 Jahren verstorbenen französischen Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal finden wir eine elegante Formulierung: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“. Klingt sehr gut, sagt aber wenig darüber, ob wir uns innerhalb bestimmter Normen befinden oder darin agieren und leben. Was sind das oder wären das für Normen, gibt es diese überhaupt? Hermann Hesse hat das eher verneint, als er feststellte: „Es gibt keine Norm für das Leben, es stellt jedem eine andere, einmalige Aufgabe.“ Womit wir uns auf dem Weg zum Individuum befinden, Individualität uns also prägen kann und auch soll. Womit wir bei der Problematik des Begriffes „normal“ sind: Was meinen wir eigentlich, wenn wir über jemanden sagen: „Er oder sie ist nicht normal“. Bedeutet das, dass der oder die andere ein abweichendes Verhalten von dem anderer Leute an den Tag legen?

Wenn wir zum Thema Normailität in die Weltgeschichte blicken, finden wir immer wieder Herrscher und Völker, die sich selbst eine Normalität zuerkannten und sie damit anderen absprachen. Das stabilisierte die eigene Identität und stärkte das Wir-Gefühl. Überzeugend muss es deshalb noch lange nicht sein.

„Normal“ führt ja auf „Norm“ zurück. Aber Normen, Regeln und Verhaltensregularien ändern sich stets. Es ist also alles andere als normal, den Begriff „normal“ zu definieren. Wer ist normal? Und wer ist nicht normal und damit verrückt?

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Manche sind ja überzeugt, dass diejenigen für verrückt zu halten sind, die genau das tun, was andere gerne tun würden. Und mancher wird sich selbst wohl eingestehen müssen, dass er manchmal so tut, als wäre er normal. Vielleicht nur so lange, bis es ihm langweilig wird und er wieder er selbst sein kann. Der Politiker und Satiriker George Bernard Shaw meinte: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute, seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Fest steht, dass die Debatte ums „Normalsein“ zeitlos ist. Vor etwa fünf Jahrhunderten sagte der hochgeschätzte Erasmus von Rotterdam: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad von Verrücktheit.“ Also sollen und wollen wir gar nicht so selbstkritisch mit uns selbst sein. Denn eines steht fest: Ein bisschen verrückt ist völlig normal.

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