Serie Fundstücke (Teil 15) - Tabakrechnung von 1938 / Anbau mit Nachweis einer Waage schon für das 17. Jahrhundert belegt / Beim Niedergang spielt auch Blauschimmel eine Rolle 18,90 Reichsmark für 400 Zigarillos und Zigarren

Von 
Marco Brückl
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Die Scheune nahe der Alten Schule zeugt vom Tabakgewerbe, das in der Enderle-gemeinde ab etwa 1670/80 betrieben wurde. © Brückl

Ketsch. Eine Rechnung über 18,90 Reichsmark hat unser Mitarbeiter Gerhard Rieger gefunden – beim Aufräumen daheim, wozu einen die Corona-Zeit mitunter einlädt. Rieger mag schmucke, alte Geschäftspost und Belege, von denen es nicht mehr so viele gebe, sagt er mit Bedauern. Die hier gezeigte Rechnung stamme von der Ketscher Cigarrenfabrik Ludwig König und sei am 11. Februar 1938 an die Adresse von Herrn S. Schuhmacher, W. Mann, in „hier“ gegangen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handele es sich dabei um die Ketscher Gaststätte „Wilder Mann“. Verkauft worden seien sage und schreibe 300 Zigarillos und 100 Zigarren der Marke „Bella“ – dies mit dem „Ziel“ der Zahlung von 30 Tagen, wie auf der Rechnung vermerkt ist.

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Es hat dann aber etwas gedauert und Gerhard Rieger meint, da sei sicher schon etwas Zigarrendunst verzogen gewesen, als die Rechnung „Dankend quittiert“ wurde. Erst am 2. Mai 1938, also fast drei Monate später, setzte der Zigarrenfabrikant sein „L. König“ darunter. Wie sich die Zeiten doch ändern: Heute ist das Rauchen aus den Kneipen weithin verbannt – der Wirt muss keine Rauchwaren mehr vorhalten, zumal das Angebot zur Not Automaten erledigen.

Die Rechnung legt gleichsam Zeugnis ab, dass Ketsch ein Ort des Tabaks ist; na ja war. Heute erinnert die Tabakscheune bei der Alten Schule beispielsweise noch daran. Sie wird dieses Jahr dem erforderlichen Erweiterungsbau der Schule Platz machen (wir berichteten).

Tatsächlich widmeten sich die Ketscher etwa ab 1670/80 dem Tabakanbau und der Verwertung. Das hat der leider schon verstorbene Heimatforscher und Ehrenbürger Robert Fuchs für sein Buch „Heimatchronik der Gemeinde Ketsch“ recherchiert. In Schriftstücken sei 1726/27 das Bestehen einer Tabakwaage in Ketsch seit über 50 Jahren erwähnt.

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Im Jahr 1939, also im Jahr nach der Ausstellung der Rechnung, habe die Anbaufläche für Tabak 40 Hektar umfasst. Seit 1920 seien die Ketscher Pflanzer im Tabakbauverein vor Ort organisiert gewesen, liest man bei Robert Fuchs. Der Verein habe dann 1960 nur noch zehn Mitglieder gehabt – und lediglich auf 19 Hektar Ackerfläche sei Tabak angepflanzt worden. Der schnelle Niedergang bis Ende der 60er Jahre sei nicht zuletzt auf die Ernteausfälle aufgrund des bis dahin unbekannten Pilzbefalls mit Blauschimmel zurückzuführen. Fuchs hielt in der Heimatchronik fest, dass die Anbaufläche bis um 1970 auf acht Hektar geschmolzen war.

Familien und Nachbarn

Für die Gemeinschaftspflege habe der Tabak seine Rolle eingenommen – viele fleißige Hände seien früher beispielsweise mit dem Tabakeinfädeln beschäftigt gewesen. Hierzu hätten sich in den Scheunen der Tabakbauern Familien und Nachbarn versammelt, um bei angeregter Unterhaltung die Tabakblätter in Bündeln zusammenzubinden, die dann zum Trocknen in Schuppen aufgehängt worden seien, heißt es in Fuchs’ Chronik.

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Zwischen den Weltkriegen habe der Ketscher Zweigbetrieb der Firma Cahn und Mayer AG, Mannheim – von 1923 bis 1949 Franz Knittel – mit 150 Beschäftigten die größte Bedeutung erlangt. 1948/50 habe es in der Enderlegemeinde noch fünf Zigarrenbetriebe gegeben. Und die 1931 von Jakob Hemmerich (vorher Tremmel) gegründete Firma habe noch 1960 existiert und 15 Arbeiter beschäftigt, verewigte Fuchs.