Corona - Gemeinde lehnt Vorschlag zu ehrenamtlichen Helfern bei Freibad und Hohwiesensee ab / Hygienevorgaben führen zu starken Einschränkungen Auch Freiwillige können Saison wohl nicht retten

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Benjamin Jungbluth
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Der Badestrand Hohwiese bietet eigentlich viel Platz zum Sonnen und Baden – doch wegen der Corona-Einschränkungen bleibt er bis auf Weiteres geschlossen. © Jungbluth

Ketsch. Die Idee hat Charme: Weil durch die Corona-Regeln zahlreiche zusätzliche Mitarbeiter für den Betrieb von Hohwiese und Freibad notwendig wären, könnten Ehrenamtliche einspringen und die Gemeinde so entlasten. Das schlägt zumindest unser Leser Wolfgang Vogel vor. Nach unserem Bericht über die Probleme beim Badebetrieb in Ketsch – strenge Abstandsregeln, eine stark begrenzte Besucherzahl und somit höhere Kosten – meldete er sich mit seinem pragmatischen Vorschlag.

Corona-Übertragung im Wasser

Anders als nach unserem letzten Bericht zum Thema von einigen Facebook-Nutzern befürchtet, wird das Coronavirus nicht über Wasser übertragen.

Wie das Landratsamt Rhein-Neckar mitteilt, besteht ein Ansteckungsrisiko nur bei engem Kontakt zwischen Menschen, ob im Wasser oder vor und nach dem Bad. Dabei gelten die gleichen Bedingungen wie sonst: In einem gewissen Abstand – und unter Umständen per Schmierinfektion –können Viren auf die Schleimhäute eines anderen Menschen übertragen werden.

Grundsätzlich ist eine Ansteckung mit Viren, Bakterien oder Keimen beim Baden sehr unwahrscheinlich. Im Freibad wird das Wasser ständig überwacht und gechlort. Und der Hohwiesensee weist in dieser Saison erneut keinerlei Beanstandungen bei der Wasserqualität auf, teilt das Landratsamt mit. Gleiches gilt für Badeseen in der Region wie etwa den Blausee in Altlußheim und die Kollerinsel in Brühl. beju

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„Es wäre doch beschämend, wenn es der Gemeinde nicht gelingen würde, ihren Bürgern einen Badesommer 2020 zu ermöglichen. Dass wir klamme Kassen haben, ist klar, aber das sollte uns von einem solidarischen Handeln in der Gemeinde nicht abhalten. Wir können uns doch nicht immer wegducken und alles nach oben delegieren. Wo bleibt der Gemeinschaftssinn?“, fragt Wolfgang Vogel.

Aus seiner Sicht sollte die Gemeinde die Bürger miteinbeziehen und nach freiwilliger Unterstützung fragen. „Da könnten zum Beispiel die Vereine aktiv werden, die doch auch regelmäßig von der Gemeinde und somit von uns allen finanziell unterstützt werden. Oder Jugendliche und Studenten, genau wie unsere rüstigen Rentner. Alle könnten helfen, die Abstands- und Hygieneregeln zu überwachen“, führt er seine Idee aus. „Wir haben mit unserem Kino in Ketsch ein super Beispiel, wie so etwas gemeinschaftlich organisiert werden kann, warum nicht auch für unser Schwimmbad?“

Bei der Gemeinde freut man sich über diesen Gemeinschaftssinn – doch Hauptamtsleiter Ulrich Knörzer lehnt den Vorschlag trotzdem ab. „Das Problem mit dem Bedarf an zusätzlichen Mitarbeitern ist derzeit tatsächlich eines der größten Hindernisse für den Badebetrieb, weil die Kosten dafür enorm wären. Aber Ehrenamtliche können uns da leider kaum helfen. Denn es könnte schnell zu Konflikten kommen, wenn Badegäste angewiesen werden müssten, mehr Abstand zu halten oder das Bad komplett zu verlassen, weil ihr Zeitkontingent abgelaufen ist. Wenn das in Streit ausartet, wären ehrenamtliche Helfer schnell überfordert“, ist Ulrich Knörzer überzeugt.

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Natürlich müsste es im Bad und am See auch ausgebildete Bademeister geben, die aber gerade bei Problemen mit den Zugangsregeln kaum unterstützen könnten – sie müssten schließlich ständig den Badebetreib im Auge behalten. Gleichzeitig sei die Übertragung von fast schon hoheitlichen Ordnungsaufgaben auf Freiwillige auch rechtlich nicht unproblematisch. „Wir reden hier einfach über eine andere Situation als beim Kino, bei dem es weniger Besucherandrang gibt und das weniger Konfliktpotenzial birgt“, sagt der Hauptamtsleiter. Aus seiner Sicht sei es daher nur möglich, die zusätzlichen Aufsichtspersonen bei einem professionellen Sicherheitsdienstleister einzukaufen. „Und das wäre nicht nur teuer, sondern würde auch die Atmosphäre verändern – Türsteher im Schwimmbad gibt es bei uns ja normalerweise nicht“, so Knörzer.

Mit eigenem Betrieb am Limit

Ähnlich ablehnend steht der größte Ketscher Verein dem Vorschlag gegenüber: Petra Meyer, Vorstandsmitglied bei der TSG, findet den Ansatz zwar unterstützenswert, kann sich eine Beteiligung der Turnsportler aber nicht vorstellen. „Wir haben durch die Corona-Einschränkungen derzeit ohnehin schon sehr viel zu tun: Wir halten unseren Trainingsbetrieb in deutlich kleineren Gruppen am Laufen, was entsprechend mehr Betreuer benötigt. Wir sind also bereits mit unserem eigenen Betrieb am Limit, auch weil ältere und vorerkrankte Mitglieder als gefährdete Gruppe nur eingeschränkt helfen können“, sagt Petra Meyer.

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Darauf verweist auch Michaela Issler-Kremer vom Seniorenbüro der Gemeinde. „Ganz abgesehen von Haftungsfragen sind doch gerade die älteren Mitbürger potenziell stärker gefährdet durch das Virus. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ausgerechnet Senioren die Einhaltung der Corona-Regeln überwachen sollten“, so Michaela Issler-Kremer.

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Die Gemeinde sieht auch aus anderen Gründen weiterhin keine Möglichkeit, den Badebetrieb zeitnah aufzunehmen. Inzwischen sind nämlich die konkreten Vorgaben aus Stuttgart eingetroffen: Demnach hängt die Zahl der zugelassenen Badegäste von der Wasserfläche ab. Pro zehn Quadratmeter darf eine Person ins Schwimmerbecken. Im Nichtschwimmerbecken gelten vier Quadratmeter pro Person.

Alternativ können Bäder die einzelnen Schwimmbahnen unterteilen. Pro 50-Meter-Bahn sind dann laut Landesregierung zehn Schwimmer zugelassen. „Innerhalb der Bahnen ist ein Einbahnsystem einzuführen“, teilt das Sozialministerium mit. Auch die Zahl der Sonnenanbeter auf den Liegewiesen sowie die der Gäste insgesamt im Freibad sind beschränkt.

Außerdem muss ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden, Körperkontakt soll vermieden werden. Toiletten und Umkleiden sollen so eingerichtet werden, dass möglichst wenige Menschen miteinander in Kontakt kommen. Wie in Restaurants müssen Gäste ihre Kontaktdaten hinterlegen, damit im Ernstfall Infektionsketten nachvollzogen werden können.

„Das alles macht das Baden derzeit sehr unattraktiv bei gleichzeitig hohem Aufwand und hohen Kosten. Es ist also weiterhin unklar, ob Hohwiese und Freibad in diesem Jahr überhaupt noch öffnen. Wir müssen in jedem Fall abwarten, was der Gemeinderat am kommenden Montag dazu sagt“, so Hauptamtsleiter Ulrich Knörzer.

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Freier Autor Freier Journalist für die Region Heidelberg, Mannheim und Rhein-Neckar. Zuvor Redakteur bei der Schwetzinger Zeitung, davor Volontariat beim Mannheimer Morgen. Neben dem Studium freie Mitarbeit und Praktika u.a. beim Mannheimer Morgen, der Süddeutschen Zeitung, dem SWR und der Heidelberger Studentenzeitung ruprecht.