Tradition - Wie einst die Korbflechter werden in der Enderlegemeinde auch heute noch die Weiden bearbeitet / Winterschnitt für die genügsame Pflanze Günther Martin avanciert zum Herr der Ruten

Von 
Gerhard Rieger
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Günther Martin verpasst den Weiden den Winterschnitt, der gleichzeitig den Ernteschnitt bedeutet. © Rieger

Ketsch. Im Sommer erfreute viele unserer Leser die Geschichte über die Ketscher Korbflechter, die seit 1830 über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren mit ihrem Handwerk ein fester Bestandteil der Heimathistorie wurden. „In einigen Randgebieten der Gemeinde gibt es sogar heute noch Restbestände, Überbleibsel oder sozusagen Nachkommenschaften der Weidenpflanzungen, die es damals gab und mit denen viele Ketscher Familien, meist im Nebenerwerb, ihre Körbe geflochten haben“, sagte Günther Martin.

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Schon seit vielen Jahren kümmert er sich um den Erhalt dieses Teils der hiesigen Natur- und Heimatgeschichte. „Zum Erhalt und Fortbestand dieser Bestände gehört insbesondere der alljährliche Winter- und gleichzeitige Ernteschnitt an diesen noch vorhandenen Korb-, Silber-, Hanf- und gelben Steinweiden“, sagte Günther Martin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wir begleiteten ihn kürzlich bei einer dieser Pflegemaßnahme im Flurbereich Pfarrenspitze und dem Mittel- beziehungsweise Stranggraben, unweit dem Herrenwiesensee. Dabei konnten wir viel über die Geschichte, den Wuchs wie auch die Eigenschaften der Weiden erfahren. Werden sie nicht regelmäßig geschnitten, wachsen sie strauchig und verwildern schnell. Die alten Ketscher Korbflechtergenerationen schnitten daher die Weiden derart „in Form“, dass sich in gut erreichbarer Höhe eine Art Kopf bildete, an welchem sich im folgenden Frühjahr ein erneuter Nachwuchs von Ruten einstellte.

„Die idealste Art für regelmäßige, jahrelange und problemlose Nachernten“, so der Experte. Zumal die Weide überhaupt nicht darunter leidet oder ihren Wuchs einstellt. Wie genügsam und anspruchslos die Pflanze ist, zeigt sich auch darin, dass sie an allen Standorten und Bodenverhältnissen gedeiht. Eine neue Weide wächst und entsteht schon dadurch, dass man eine frisch geschnittene Rute in den Boden steckt. In der Regel wächst dieser, am besten weit eingeführte „Steck-“ beziehungsweise Setzling aus eigener Kraft und ohne nachwässern.

Gegen das Vergessen

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Martin bedauert es sehr, dass viel Wissen über die Weiden und die Korbflechterei in den letzten Jahrzehnten verloren ging. Er weiß noch, dass die Ruten nach dem Schnitt zunächst getrocknet wurden, um vor dem Flechten zu Körben durch ein „Wasserbad“ wieder geschmeidig zu werden. Für Früchte wie Kirschen, Zwetschgen oder Mirabellen wurden Körbe mit dünnen Ruten verarbeitet. Für Kartoffelkörbe fiel die Wahl auf dickere Ruten. Dass es in Ketsch den „Weidenweg“ sogar als Straßennamen gibt, zeigt zudem, wie eng verwurzelt das Korbflechten mit Weiden in der Enderlegemeinde schon immer war.