Gesellschaft - Gibt es in der Corona-Pandemie mehr Streit als sonst? / Ketscher Anwälte berichten über ihre Erfahrungen Mehr Streit als sonst? Ketscher Anwälte berichten

Von 
Marco Montalbano
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Ketsch. Seit einem Jahr hechtet die Gesellschaft von einem Lockdown gefühlt sofort in den anderen. Bis auf systemrelevante Einrichtungen und Geschäfte ist alles geschlossen oder nur begrenzt zugänglich. Man wird aufgefordert, zu Hause zu bleiben, um Kontakte zu vermeiden. Das zerrt natürlich gewaltig an den Nerven. Da die meisten nun seit Anfang vergangenen Jahres so viel und so oft daheim sind, wie vermutlich kaum jemals vorher, und man immer mit denselben Personen zusammen ist, gibt es da auch mehr Streitigkeiten als sonst? Diese Frage stellten wir uns und sprachen darüber mit Menschen, die es wissen müssen: Ketscher Anwälte.

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Rechtsanwalt Thomas Franz ist nicht nur Jurist, sondern auch seit über zwei Jahrzehnten Mitglied des Gemeinderates, was ihn zum Dienstältesten im Gremium macht: „Da bekommt man wirklich alles mit und als aufmerksamer Ketscher Bürger sowieso“, sagt Thomas Franz lächelnd. Auf die Frage, ob sich etwas im Verhalten der Bevölkerung geändert habe, antwortet er ohne zu zögern: „Es gibt keine signifikanten Änderungen und das meine ich sowohl für meine Anwaltspraxis als auch für die Gemeinde.“ Ketsch sei für ihn ein Dorf im positiven Sinne und ergänzt: „Die Leute halten sich an die Hygieneauflagen, unsere Covid-19-Zahlen sind entsprechend niedrig. Ich bin der festen Überzeugung, dass es da einen großen Unterschied im Verhalten hinsichtlich der Pandemie zwischen Stadt und Land gibt.“ Doch außerorts sähe es schon anders aus. Der Anwalt, der auch ehrenamtlich für den Opferhilfeverein Weißer Ring tätig ist, macht eine nachdenkliche Pause, bevor er weiterspricht: „In einigen nahe gelegenen, großen Städten gibt es aktuell leider viel mehr Frauen, die nach Hilfe suchen. Die häusliche Gewalt ist klar gestiegen.“

„Die Leute werden unruhiger“

Strafverteidiger Dr. Oliver Brinkmann: „Die Leute sind zur Zeit etwas dünnhäutiger als sonst, aber die Ketscher bleiben im Großen und Ganzen entspannt“. © Montalbano

Tarek Badr ist ebenfalls Mitglied des Gemeinderates und Rechtsanwalt mit den Schwerpunkten Verkehrs- und Zivilrecht. „Die Leute werden unruhiger. Seit gut einem Jahr gibt es die Beschränkungen, sie wollen eine Ziellinie haben, wann sie wieder zur Normalität zurückkehren können. Diese Stimmung wirkt sich natürlich aus und steigert sich immer mehr. Ketsch ist ein Dorf mit geselliger Bevölkerung. Diese Geselligkeit kann gerade nicht ausgelebt werden. Was meine Anwaltstätigkeit angeht, hat sich nicht viel verändert“, so Tarek Badr. Er fügt hinzu: „Das hängt eventuell auch mit meinen Fachgebieten zusammen, aber wenn Sie meine Kollegin fragen, sieht das anders aus.“

Carolin Krause, die mit Badr eine Kanzleigemeinschaft hat, ist Rechtsanwältin mit dem Tätigkeitsschwerpunkten Arbeits- und Reiserecht. „Ja, es hat sich während der Pandemie etwas verändert. Angestellte sind verunsicherter als sonst, es gibt mehr Menschen in Kurzarbeit, mehr Abfindungen und Aufhebungsverträge. Auch reiserechtlich gibt es therapiebedingt etwas mehr zu tun. Die Leute sind aber gefühlt nicht streitlustiger als sonst.“ Wichtig sei, dass die Betroffenen rechtzeitig kämen, um sich beraten zu lassen.

„Die Dünnhäutigkeit nimmt zu“

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Dr. Oliver Brinkmann ist leidenschaftlicher Ketscher und Strafverteidiger mit Kanzlei in Schwetzingen. „Die Dünnhäutigkeit der Menschen, die in meine Kanzlei kommen, hat deutlich zugenommen. Es gibt mehr Ereignisse in Partnerschaften, die sich in der Auflösung befinden. Das Strafrecht ist eine große Keule und meine Aufgabe sehe ich eigentlich darin, die Menschen davor zu beschützen, aber derzeit gibt es immer mehr, die diese Keule nutzen wollen, um mit voller Gewalt zuzuschlagen, meist auf den Partner. Natürlich können über mich auch Strafanzeigen gestellt werden. Aber das Strafrecht sollte erst in Anspruch genommen werden, wenn andere Lösungsansätze gescheitert sind und wichtig wäre, sich frühzeitig Rat zu holen“, stellt der Rechtsanwalt fest und ergänzt: „Wohnungseinbrüche haben deutlich abgenommen, das ist aber eine Tendenz, die auch vor Corona schon da war. Diese Delikte werden seit einiger Zeit deutlich härter bestraft und wertvolle Dinge wie zum Beispiel teure Computer sind heutzutage ja problemlos trackbar, was sie als Diebesgut unattraktiv macht.“

Zugenommen hätten allerdings die Sexualdelikte, was der Strafrechtsexperte aber nicht auf Corona zurückführt, denn auch dies sei eine Tendenz, die seit Jahren erkennbar sei. Als hoch problematisch sieht Dr. Oliver Brinkmann die seines Erachtens nach unzureichende Einbeziehung des Parlaments hinsichtlich der Corona-Maßnahmen. „Natürlich ist der Weg über das Parlament länger, aber die bessere Wahl.“.

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„In Ketsch wohnen sehr viele Anwälte, Richter und sonstige Akademiker“, so der Anwalt. „Auch ich wohne sehr gerne dort. Die Nachbarschaft ist toll, auch wenn man sich gerade nicht mehr so oft sieht. Wir haben sogar einen ‚Jour fixe‘ in unsere Straße, da trinken wir draußen einen Aperitif zusammen. Auch das findet aktuell leider nicht mehr statt“, sagt er und fügt hinzu: „In Ketsch gibt es in der Regel nur kleinere Delikte, nichts Wildes. Privat stelle ich fest, dass der Ton den Menschen schneller mal entgleist als sonst. Aber der Zusammenhalt ist immer noch großartig.“

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Freie Autorenschaft Freier Journalist für die Region Rhein-Neckar. Davor Pressereferent bis zum Wechsel auf die „andere Seite“. Studium der Politikwissenschaft. In Vergangenheit lange als Texter für die Wirtschaft tätig. Mitglied der Autorengruppe Literatur Offensive Heidelberg.