Interview - Drehbuchautor Christoph von Zastrow über die Beschneidung von Mädchen / Film darüber wird beim Kirchenkino gezeigt Übrig bleibt nur bleierne Trauer

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Markus Wirth
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Zwischen zwei Kulturkreisen: Obwohl die siebenjährige Nabila (Chantal Addae, oben) mit ihrer Familie gut integriert in Deutschland lebt, muss sie mit ihrer Mutter und ihrer Tante (Thelma Buabeng und Dayan Kodua) nach Afrika, um sich beschneiden zu lassen. Christoph von Zastrows Kurzfilm "Wenn Bäume Puppen tragen" zeigt die Problematik auf.

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Ketsch. Die Genitalverstümmelung von jungen Frauen oder gar Kindern, vornehmlich in afrikanischen Ländern, ist im Zusammenhang mit der rituellen Beschneidung allgemein - sei sie religiös oder kulturell motiviert beziehungsweise legitimiert - wieder in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt. Auch die Veranstaltungsreihe "Kirchenkino" wird am kommenden Montag in der Kurzfilmreihe "Augenblicke" neben anderen Themen dieses Thema aufnehmen. Der Filmemacher, Drehbuchautor und Regisseur Christoph von Zastrow (kleines Bild) hat in seinem Kurzfilm "Wenn Bäume Puppen tragen" die Beschneidung von einem jungen Mädchen thematisiert und wird den Zusehern an diesem Abend nach den Filmen Rede und Antwort stehen. Im Gespräch mit unserer Zeitung hat sich der 44-Jährige über diese rituellen Einschnitte geäußert, wir haben uns aber auch mit ihm über das Genre des Kurzfilms und über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturkreise und Mentalitäten unterhalten.

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Herr von Zastrow, was reizt Sie gerade am Genre des Kurzfilms?

Christoph von Zastrow: Bei diesem Film war ich der Drehbuchautor. Regie führte Ismael Sahin. - Was mich am Kurzfilm reizt? Die Möglichkeit zum Experiment. Und die Chance, auch schwierige Themen anpacken zu können. Womöglich sogar, um diese für einen späteren Langfilm zu erproben. Es gibt einfach Themen, die finden das Geld weniger leicht, als andere. Neue oder politisch brisante, oder eben Tabu belastete. Da Film ein teures Medium ist und immer engagierte Mithelfer benötigt, wird nur gemacht, woran andere glauben. Beim Kurzfilm ist die Schwelle niedriger. Weil die Investitionen wie Geld und Arbeit nur einen Bruchteil im Gegensatz zum Langfilm ausmachen. Der Kurzfilm ist die Tür zu Größerem. Und wen reizen geschlossene Türen nicht?

Bleibt aber in der Kürze der Zeit nicht auch Essenzielles auf der Strecke?

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Von Zastrow: (lacht) Ja, das Geld verdienen! Und das ist das Gute daran - wer Kurzfilme macht oder sich daran beteiligt, hat in der Regel ein höheres Ziel. Eine Botschaft, eine Hoffnung, für sich oder für andere. Nur ums Geldverdienen geht es in der Regel nicht. Und das ist interessant, denn weil sich das Kalkül der Macher verschiebt, sieht auch das Endprodukt anders aus.

In ihrem Beitrag "Wenn Bäume Puppen tragen" thematisieren Sie die Genitalverstümmelung von Frauen, vornehmlich in Afrika. Aus welchen Gründen, besser vielleicht: mit welchen Begründungen wird dieser Einschnitt dort legitimiert?

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Von Zastrow: Das ist eine sehr gute Frage, die interessanterweise so noch nie an mich gestellt wurde. In unseren Kreisen ist man anscheinend so sehr davon überzeugt, dass es sich um einen illegitimen Akt handelt, dass man die Gegenfrage gar nicht erwägt. Nun: Rein juristisch ist es in vielen Staaten sogar verboten - keineswegs aber in allen. Doch selbst wenn, dann hat das natürlich keine Auswirkungen. In Regionen der Welt, wo staatliche Strukturen als pseudojuristische Mittel zur Gewaltausübung bestimmter Eliten erlebt werden, denen ein Vielerlei und Durcheinander von angestammten Sitten, Gebräuchen und Privilegien gegenüber stehen, kann es ein universales Legalitätsempfinden nicht geben. Begründungen hingegen gibt es viele: Gesundheit, Tradition, Reinheit, Schutz vor sexueller Freizügigkeit - um nur einige zu nennen. Das meiste davon referiert natürlich auf vorhandenen Aberglauben.

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Die Beschneidung hat also nichts mit Kultur zu tun?

Von Zastrow: Doch, es handelt sich tatsächlich um Kultur! Die einzige Begründung, die verfängt. Das Entscheidende aber ist: Das Gefühl, ein Rechtsgut zu berühren, besteht überhaupt nicht. Weil die Auswirkungen dieser Praxis oft nicht bekannt sind. Und dies wiederum darum, weil es den Menschen peinlich ist, über die Probleme zu reden. Meist hält man die Beschneidung für vergleichbar mit Tätowierungen oder dem Stechen eines Ohrrings. Dort, wo es aber gelingt, die Folgen öffentlich zu machen, sind die Menschen über das Ausmaß der Schäden meist bestürzt, weil sie es sich zuvor einfach nicht vorstellen konnten.

Wo lauern aus medizinischer, aber auch aus psychischer Sicht, die Gefahren?

Von Zastrow: Die Liste ist so lang wie der Beipackzettel einer Medizin und gehört ins Horrorkabinett. Jedenfalls ist nichts Gutes darin. Die Sterberate ist hoch. Die Leidensrate noch viel höher. Achten Sie doch mal auf die merkwürdig freudlosen Gesichter von Frauen aus den betreffenden Regionen. Es handelt sich um lebenslange, hochgradige Schmerzpatienten.

Welche Botschaft wollen Sie den Zusehern an diesem Abend mit Ihrem lediglich 15 Minuten kurzen Film mitgeben?

Von Zastrow: Sehen Sie hin! Helfen Sie, wo Sie persönlich können! Und installieren Sie ein weltweit anerkanntes Rechtsgut, dass da heißt: Körperliche Unversehrtheit!

Die Hauptdarstellerin ist selbst noch im Kindesalter. Wie konnten Sie diesem Mädchen die Thematik nahebringen?

Von Zastrow: Das ist ja eher das Ressort der Regie. Und da war ich nicht überall dabei (zögert) - hm, aber meinen allgemeinen Eindruck kann ich Ihnen durchaus schildern: Es war teilweise gespenstisch, denn obwohl wir es bei dieser Produktion ja vielfach mit potenziell Betroffenen zu tun hatten, wurde über das Thema selbst kaum oder gar nicht gesprochen. Weder hier in Deutschland noch in Afrika. Selbst die Beschneiderin, die ja eine Dorfbewohnerin am Drehort war, hat nie über das Thema gesprochen. Es ist aber wohl kaum vorstellbar, dass sie nicht wusste, worum es geht, als sie mit dem Messer hantierte. Es war, als ob über den Mündern ein magisches Siegel läge. Entweder wir ernteten Zustimmung durch Mitarbeit. Dann wurde sehr abstrakt und allgemein verhandelt. Oder man hat uns einfach die Mitarbeit verweigert. Fertig!

Im Film geht es um eine gut integrierte afrikanische Familie, die dennoch an der Beschneidung ihrer Tochter Nabila festhalten möchte. Wie ist dieser "Clash" der Kulturen zu erklären, denn die Szene steht ja auch symbolisch für viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sich hier gut eingelebt haben und dennoch an ihrer Tradition festhalten wollen.

Von Zastrow: Wissen Sie, was das Erscheckendste an diesem Film ist? Der Film richtet sich ja vornehmlich an Menschen, die ihre kulturelle Heimat in Europa sehen. Trotzdem habe fest damit gerechnet, Widerstand zu erfahren. Zum Beispiel weil da ein Haufen "White Guys" den Afrikanern mal sagt, wo's lang geht. Davor hatte ich große Angst. Doch nichts dergleichen ist passiert! Von Zorn oder Wut keine Spur! Nur eine bleierne Trauer ist da zu spüren. Nun, was ich daraus schließe? Wir haben mit unserer Schilderung ins Schwarze getroffen. Und das kann einem Gänsehaut bereiten.

Also kein integratives Moment?

Von Zastrow: Doch, sehen Sie, bezogen auf den ganzen Film ist die Integrationsfrage über das betreffende Thema der Beschneidung hinaus eher ein Beifang. Doch der Berliner Regisseur Ismael Sahin hat durch seinen türkischen Hintergrund sicher viel dazu beigetragen, dass dieser Aspekt größeres Gewicht hatte in dem Film. Gerade die Dialogszenen zu Beginn des Filmes, wo genau dieses Konfliktthema angesprochen wird, sind seiner Initiative zu verdanken.