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„Aktiv im Alter“

Die Gemeinde im Wandel der Zeit

Vortrag von Gemeinderätin Ingeborg Bamberg umfasst über 100 Jahre Neulußheimer Geschichte ab 1806

Von 
Renate Hettwer
Lesedauer: 

Neulußheim. Gespannt auf die Fortsetzung der Zeitreise, die im vergangenen Jahr in die Zeit von 1613 bis 1806 führte, nahm Gemeinderätin Ingeborg Bamberg von „Wir für Neulußheim“ die Aktiv-im-Alter- Gäste mit auf eine Reise ins 19. Jahrhundert: Eine Zeit, die von bitterer Armut, Krieg, aber auch von großen Entwicklungsschritten geprägt war. Und deren wirtschaftliche, politische und klimatische Geschehnissen gravierende Auswirkungen auch auf Neulußheim und seine Bewohner hatten.

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Im Zuge der Überfälle des Franzosen Napoleon Bonaparte auf die Nachbarländer wurden die Kirchen entmachtet, Staaten neu geordnet und 1806 die Kurpfalz aufgelöst. Das damals noch nicht selbstständige Neulußheim fiel ebenso wie seine Muttergemeinde dem Großherzogtum Baden zu.

Für seine Kriege 1808 gegen Spanien, 1809 gegen Österreich und 1812 gegen Russland, der letztlich verheerend war, benötigte Napoleon sehr viele Soldaten. Und auch Baden musste immer wieder Truppen für dessen Armee stellen.

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Veröffentlicht
Von
Frank Dietschreit
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Aus Neulußheim zogen nachweislich acht junge Männer nach Russland. Alle kamen bei diesem Feldzug ums Leben. Das bitterarme Neulußheim hatte damals etwa 450 Einwohner. Dürren, das unbeständige Wetter, keine Transportmöglichkeiten, kein Zug oder Auto, mit dessen Hilfe man hätte einen Arbeitsplatz außerhalb erreichen können: Die Menschen mussten von dem leben, was es vor Ort gab, was wirtschaftliche Not bedeutete. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 gaben sich die siegreichen Fürsten alle Mühe, die Zeit der Errungenschaften der Französischen Revolution zurückzudrehen. Mit dem Code civil, ein Vorläufer des Bürgerlichen Gesetzbuches, war die Feudalherrschaft abgeschafft und eine neue Zeit sollte beginnen.

Flüchtlinge und Katastrophen

Neues Unheil kam im Jahre 1815 mit dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Die Eruption schleuderte die Asche und Sedimente in die Erdatmosphäre, was auf der Nordhalbkugel ein Wetterchaos verursachte. Schnee im Sommer und Dauerregen. Hilfen wie heute und schnelle Medieninformation? Gab es alles nicht. Die Menschen wussten sich dieses Wetterchaos nicht zu erklären. Sahen es als Strafe Gottes an oder die Schuld des Nachbarn. Dieses Krisenjahr setzte auch Neulußheim stark zu.

Die heutigen Flüchtlingsströme sind etwa vergleichbar mit den damaligen Auswanderungen wegen Missernten und Hungersnot. In der Zeit von 1815 bis 1914 wanderten rund sieben Millionen Menschen aus Deutschland aus. Auch aus Neulußheim zog es die bitterarmen Menschen nach Kanada, in die Vereinigten Staaten, Algerien, Australien oder Dänemark.

Der Drang nach Freiheit führte 1848/49 zur Revolution. Zirka 40 000 badische Soldaten kämpften damals aufseiten der Aufständischen. Nach der Schlacht von Waghäusel am 21. Juni 1849 wurden 45 tote Soldaten nach Neulußheim gebracht und dort in einem Massengrab beigesetzt. Heute erinnert an diese Schlacht noch eine von Hermann Hoffmann gestaltete Tafel, die im Jahre 1999 eingeweiht wurde.

Diese Krisenjahre eröffneten aber auch Chancen. 1817 nach dem schweren Hochwasser begann Johann Gottfried Tulla mit der Begradigung des Rheins, die etwa 40 Jahre später im Jahr 1861 beendet wurde. Freiherr von Drais erfand 1817 das Laufrad, Königin Katharina von Württemberg gründete Wohltätigkeitsvereine und den Vorläufer der Uni Hohenheim für Landschaftswesen. Und das freut die Stuttgarter bis heute: 1818 fand erstmals der Cannstadter Wasen statt, damals noch als landwirtschaftliche Messe.

Einen großen Schritt für Neulußheim brachte das Jahr 1831. Zu diesem Jahr war Neulußheim noch ein Anhängsel von Altlußheim. Neun Jahre brauchten sie für Verhandlungen zur Aufteilung der Gemarkungsflächen. Das Problem dabei waren die Allmendwiesen. Die Siedlungsflächen Richtung Reilingen, Neufeld und dem Rhein sowie Allmendwiese wurden aufgeteilt. Heute gibt es immer noch uneinheitliche Gemarkungsflächen, so viele Jahre später.

Wohlstand entsteht

Neulußheim wuchs in der Folge stetig. 1837 wurde die Zuckerrübenfabrik in Waghäusel gegründet. Ein Arbeitgeber, der zu Fuß zu erreichen war, was zu dieser Zeit ein wichtiges Kriterium war. Eine Stunde für den Hinweg und die gleiche Zeit zurück. Das Mittagessen für den langen Arbeitstag brachten die Frauen. Also auch der gleiche Weg hin und zurück. Zwar wurde das Elend etwas besser, die Sterblichkeit aufgrund von Mangel und Krankheiten blieb aber sehr hoch.

1860 waren die Anfänge der Zigarrenindustrie mit der Hochphase in den Jahren 1890/91. In Neulußheim gab es zehn Fabriken und bei damals etwa 1500 Einwohnern fanden 500 Menschen eine Anstellung. Der Wochenlohn eines Mannes betrug zehn Mark, der einer Frau sieben Mark.

Ein Segen war 1876 der Gründung der Kleinkinderschule, die auch von Fabrikanten bezuschusst wurde. Denn es bestand doch auch Eigeninteresse, dass die Kinder der Arbeiterinnen versorgt waren.

Die Reichsgründung 1871 und die Proklamation des deutschen Kaisers war einschneidend. Ein Booster für die Wirtschaft, die Entwicklung nahm Fahrt auf. Die Einweihung des Bahnhofs 1870 war für Neulußheim ein Meilenstein und die Gemeinde entwickelte sich durch ihre verkehrsgünstige Lage immer weiter. Auch Arbeitgeber wie Carl Benz, die Firma Lanz oder Bopp & Reuther hatten für Neulußheimer eine große Bedeutung und trugen zu einem riesigen Sprung bei. In dieser Phase wurde 1875 die Sparkasse Hockenheim und 1904 die Volksbank gegründet. Weitere wichtige Gebäude wie die Neulußheimer Kirche (1906/07) und das Rathaus (1914) folgten. Eine Zeit, die für viele etwas Wohlstand brachte.

Die Euphorie der Gründerzeit war mit Eintritt in den ersten Weltkrieg im Jahre 1914 schnell verflogen. Ein Krieg, der 1918 mit Millionen Toten endete und noch bis heute für seine Grausamkeit bekannt ist. Und wie sagte Ingeborg Bamberg zum Schluss ihres Vortrags: „Heute sehe ich ein Kriegerdenkmal mit ganz anderen Augen, wenn ich an meinen Besuch in Verdun und die 16 000 Gräber von gefallenen Soldaten und seinem Gebeinhaus mit menschlichen Knochen von über 130 000 Gefallenen denke. Menschen, die für einen unsinnigen Krieg ihr Leben verloren.“

Kulturamtschefin Alexandra Özkalay dankte für den interessanten und schicksalsträchtigen Vortrag. Der Vortrag habe gezeigt, wie viel Orte und Gedenkzeichen sich auch hier in Neulußheim befinden, die zu seiner eigenen Geschichte gehören. Zustimmung gab es mit einem Applaus des Publikums.

Die nächste „Aktiv im Alter“-Veranstaltung findet am Dienstag, 18. Oktober, um 15 Uhr mit einem deftigen Weißwurstessen und einem Gast, der es vorzüglich versteht, Heinz Ehrhardt zu imitieren. Bild:rhW

Freie Autorin

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