Schwangerschaft in Corona-Zeiten - Die Gynäkologin Dr. Susanne Laupichler und die Hebamme Christiane Kuschnerenko berichten aus ihrer Praxis / Sie lassen keine Frau alleine Angst vor einer Geburt ohne den werdenden Papi

Von 
Anette Zietsch
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Fürsorglich streichelt eine werdende Mami ihren Bauch. Mit gemischten Gefühlen und ganz viel Unsicherheit erleben viele Frauen derzeit ihre Schwangerschaft. © dpa

Oftersheim. Die Corona-Pandemie und die Konsequenzen belasten zurzeit wohl jeden Menschen auf der ganzen Welt. Doch wie geht es den Frauen, die zusätzlich noch die Verantwortung für werdendes Lebenin sich tragen? Über die Gefühle von Schwangeren, die eigentlich von Vorfreude aufs Baby geprägt sein sollten, über ihre Sorgen und Nöte in dieser Ausnahmesituation, haben wir mit zwei erfahrenen Expertinnen gesprochen: Die Frauenärztin Dr. Susanne Laupichler hat seit vier Jahren eine eigene Praxis in der Mannheimer Straße 52 in Oftersheim. Christiane Kuschnerenko ist seit 2004 Hebamme, hat nach eigener Aussage geholfen, „drei Ordner voller Babys“ zur Welt zu bringen. Vorher war sie Krankenschwester. Die beiden arbeiten eng zusammen.

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„Am meisten beschäftigt die werdenden Mütter zurzeit, ob ihre Partner mit in den Kreißsaal dürfen“, weiß Gynäkologin Dr. Susanne Laupichler von den Gesprächen in ihrer Praxis. „Sie wünschen sich in dieser emotionalen Situation natürlich Unterstützung und einen nahestehenden Menschen an ihrer Seite.“ Doch das ist in vielen Geburtskliniken wegen der Infektionsgefahr mit Covid-19 im Moment nicht möglich.

Auch auf den Stationen sind aus diesem Grund jetzt keine Besuche von Geschwisterkindern, Verwandten oder Freunden nach der Geburt erlaubt. Höchstens der frisch gebackene Papa darf das Neugeborene im Arm halten. Das finden die Frauen, die ihr Glück so gerne teilen wollen, sehr schade, sagt die Ärztin.

Selten ein Thema

Das Coronavirus an sich sei in ihren Sprechstunden jedoch selten ein besonderes Thema. „Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand birgt eine Schwangerschaft keine erhöhte Ansteckungsgefahr. Und auch beim Krankheitsverlauf gibt es keine besonderen Auffälligkeiten im Vergleich zum Rest der Bevölkerung“, beruhigt sie. „Das leiten wir von den Erfahrungen und den internationalen Fallzahlen ab. Bisher haben die wenigen mit Corona infizierten Babys die Infektion unbeschadet überstanden.“ Dieses Wissen beruhige die meisten Frauen. „Aber manchmal vertrauen sie ihre Sorgen lieber den Hebammen an. Deshalb ist diese Kooperation für mich Gold wert.“

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Dennoch gelte es vorsichtshalber für Schwangere, noch mehr als für die gesamte Bevölkerung, Kontakte soweit wie möglich zu vermeiden. Sie genießen gerade im Job einen besonderen Schutz. „Für Patientinnen, die in ihrem Beruf viel mit Publikumsverkehr zu tun haben, herrscht jetzt eigentlich ein Beschäftigungsverbot. Aber das muss der Chef aussprechen. Ich erlebe da nicht immer sofort eine Bereitschaft, wenn ich mich mit dem Arbeitgeber unterhalte“, kritisiert die 41-Jährige die zuweilen fehlende Einsicht. Doch sie bleibt hartnäckig. „Die Diskussionen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, aber am Ende zählt das Ergebnis. Es geht um die Gesundheit von werdender Mutter und Kind. Da muss man jedes Risiko, sei es noch so gering, ausschalten.“

Situativ entscheiden

In ihrer Praxis hat sich einiges geändert: So dürfen Schwangere – beispielsweise fürs Screening – nicht mehr mit einer Begleitperson zum Termin kommen. „Deshalb verschicken wir mehr Bilder und Videos als sonst. Das tun wir natürlich sehr gerne“, bietet die Gynäkologin, selbst zweifache Mutter, diesen Service an. Eine Ausnahme macht sie aber: „Wenn wir aufgrund einer Untersuchung Auffälligkeiten beim Embryo festgestellt haben, darf der Papa natürlich mit zu den Beratungsgesprächen kommen. In solch einer Situation sollte keine Frau alleine sein.“

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Auch die offene Sprechstunde entfällt derzeit. „Aber wir halten spezielle Zeiten für Notfalltermine frei und wir haben eine Infektsprechstunde für Patientinnen mit Corona-Verdacht.“ Doch die sei bisher noch nicht in Anspruch genommen worden, sagt die Medizinerin, die auch über Absagen vonseiten der Patientinnen berichtet. „Wie viele Menschen wegen Corona und der Angst vor einer Ansteckung zurzeit grundsätzlich nicht zum Arzt gehen, kann ich natürlich nicht sagen.“ Ärgerlich wird es nur, wenn die Frauen nicht Bescheid geben und einfach nicht kommen, weil im Moment ohnehin ein Drittel weniger Termine vergeben wird. Und die sind dann entsprechend begehrt. Dazu kommt noch vertretungsweise die Betreuung von Patientinnen, die normalerweise bei anderen Frauenärzten sind, deren Praxis im Moment jedoch geschlossen ist.

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„Aber wir sind gut ausgestattet: Wir haben ausreichend FFP2-Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel, sogar Brillen und Kittel“, ist die 41-Jährige froh, sich rechtzeitig um die Beschaffung gekümmert zu haben. Sie hat jetzt im Griff, was sie selbst organisiert hat.

Kompliziert wird es – wie so oft – wenn Ämter ins Spiel kommen und die Kompetenzen nicht klar geregelt sind. „Wir brauchen meiner Meinung nach eine zentrale Anlaufstelle“, mahnt Dr. Laupichler. „Es hat sich natürlich zu Beginn der Situation vor rund acht Wochen die Frage gestellt, was wir tun, wenn Schwangere oder Wöchnerinnen mit Corona infiziert sind“, schildert sie und kritisiert: „Ich habe eine Odyssee hinter mir. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) stellt sich tot – bis heute. Auf eine Antwort meiner Telefonate und E-Mails seit dem Ausbruch der Pandemie warte ich immer noch.“ Vom Gesundheitsamt bekam sie den Rat: Sollen die Betroffenen doch 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben. „Ich hätte Container für eine Corona-Sprechstunde kriegen können“, ärgert sie sich. Vom Gesundheitsamt bekam sie eine Abfuhr, denn es bestehe kein Bedarf.

Dr. Susanne Laupichler schildert eine weitere Problematik: „Bei einem Verdachtsfall mit erhöhter Temperatur hieß es, die Patientin, bei der ein CTG anstand, solle dafür lieber an die Uniklinik gehen. Doch die können die Tests in der Menge gar nicht leisten und haben Schwangere wieder weggeschickt. Hätte ich die Untersuchung aber ohne erforderliche Schutzausrüstung durchgeführt, hätte mir das Gesundheitsamt die Praxis dichtgemacht.“

Berufung und Leidenschaft

Eine der Hebammen, mit denen Dr. Susanne Laupichler zusammenarbeitet, ist Christiane Kuschnerenko. Sie übt ihren Beruf mit großer Leidenschaft aus. Die Sorgen der schwangeren Frauen in Zeiten der Corona-Pandemie, „meiner Frauen“, wie sie immer wieder sagt, bewegen sie stark. Ein Thema spricht sie sofort an, weil es ihr besonders am Herzen liegt: die Gesichtsmasken während der Geburt. In den meisten Krankenhäusern – auch in Schwetzingen, wo sie tätig ist – sind sie Pflicht im Kreißsaal: für den Arzt, die Hebamme, den Partner, der in der GRN-Klinik seine Frau immerhin in diesen intensiven Stunden begleiten darf – und nicht zuletzt für die Schwangere selbst.

„Mein größter Wunsch ist, dass eine Geburt wenigstens für die werdende Mutter ohne das Stück Stoff vor dem Mund möglich sein sollte, wenn sie das möchte. Bei der körperlichen Höchstleistung über viele Stunden noch durch so ein Ding zu atmen, das ist eigentlich unzumutbar“, sagt die 53-Jährige aufgewühlt.

Für sie gebe es nichts Schöneres, als in das Gesicht einer Frau zu schauen, die gerade entbunden hat. „Das ist ein Augenblick der Freude, der Würde, des Menschseins“, gerät sie ins Schwärmen. „Ich wünsche mir die Freiheit, dass jede Frau in dem Moment selbst entscheiden darf, ob sie eine Maske tragen möchte. Durch die Tragepflicht werden sie eines ganz besonderen Erlebnisses beraubt.“

Auch sie würde ihre Emotionen gerne zeigen wie bisher: „Ich möchte, dass die Frau mich sieht. Eine Geburt ist ein ganz intimer Moment, in dem die Schwangere ganz viel von sich preisgibt. Und das möchte ich zurückgeben.“

Die Ängste ihrer Schützlinge sind so vielfältig wie die Frauen selbst, erzählt sie. Aus Sorge vor einer Ansteckung gehen manche Frauen nicht mehr zur Vorsorge. Andere wiederum machen sich Gedanken, dass sie allein bei der Entbindung sein müssen oder dass sie wegen des Besuchsverbots in der Klinik ohne Unterstützung von der Familie nach der Geburt dastehen. Aber Angst, das weiß die dreifache Mutter und dreifache Oma, ist das Schlimmste bei einer Schwangerschaft. Die Folge ist eine erhöhte Cortison-Ausschüttung im Körper, die zu Stress führt. Und der wiederum wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus.

Schnell wieder nach Hause

Dazu kommt noch, das hört sie immer wieder in den Gesprächen, dass manche Gynäkologen und Kinderärzte ihre Praxen geschlossen halten. Die Frauen müssen sich zusätzlich nach einer anderen als der gewohnten medizinischen Vertrauensperson umschauen. Auch manche Hebammen bleiben nur übers Internet in Kontakt mit den Frauen. Für Christiane Kuschnerenko keine Option. Im Gegenteil: Sie übernimmt auch die Nachsorge bei ambulanten Geburten im Krankenhaus, „damit die Mama mit ihrem Kind so schnell wie möglich wieder nach Hause zu ihrer Familie in die gewohnte Umgebung zurückkehren kann“. Um diese zusätzlichen Aufgaben zu bewältigen, hat sie die regelmäßigen Sprechstunden in der Praxis von Dr. Susanne Laupichler erst einmal zurückgestellt. Erreichbar bleibt sie dennoch.

Wenn Frauen Bedenken vor ihren Besuchen aus Angst vor Ansteckung haben, respektiert sie das. „Aber ich achte auf eine sehr gute Handhygiene – langes und ausreichendes Waschen. Damit fahre ich sehr gut. Abstand halten und Kontakt vermeiden ist in meinem Beruf halt schwierig. Doch halte ich alle erforderlichen Regeln ein. Bisher hat sich keine meiner Frauen infiziert.“

Die 53-Jährige schätzt die wirtschaftlichen und menschlichen Folgen durch das Coronavirus gravierender ein, als die gesundheitliche Gefahr. Denn Kinder, gibt sie zu bedenken, erkranken aller Erfahrung nach in seltenen Fällen schwer. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, aber auch Gewaltbereitschaft in der Familie – eine Erfahrung, der sie selbst bei ihrer Tätigkeit begegnet ist – seien dagegen vielfach unterschätzt. „Es sind manchmal ganz unvorstellbare Umstände, in denen diese tapferen Frauen ihre Kinder aufziehen. Und die Probleme nehmen jetzt noch zu“, bebt ihre Stimme beim sprechen.

Eine Welle der Solidarität

Stolz ist sie auf die Whatsapp-Gruppe mit „ihren Frauen“. Sie habe um Spenden für bedürftige Familien gebeten, denen manchmal die nötigsten Dinge fehlen wie beispielsweise Windeln oder Shampoo. „Die Welle der Solidarität hat mich überwältigt“, erzählt sie gerührt. „Die Mamis, die ich betreue, bekommen nun alles für ihre Babys, was sie brauchen.“ Christiane Kuschnerenko wünscht sich, dass die Pandemie neben der bereits angesprochenen Handhygiene vor allem mit gesundem Menschenverstand bekämpft wird. Sie erlebe in ihrer täglichen Arbeit manchmal unvorstellbare Begebenheiten. So gibt es Kinder, die Mitte März zur Welt kamen, bis heute aber noch keine Geburtsurkunde haben. Oder die Vaterschaftsanerkennung wird vom Jugendamt nicht ausgefüllt. „Und eine Mutter hat mir erzählt, dass ihr Frühchen keine Blutabnahme in der Kinderklinik bekam. Man hat ihr gesagt, sie solle in die zentrale Ambulanz gehen. Das muss man sich mal überlegen: Der Säugling ist als Frühgeborenes ohnehin viel empfindlicher. Und dort ist das Kind ja vielfältigen Erkrankungen ausgesetzt! Ich schüttle seit Wochen nur noch den Kopf.“

Die folgenden Tipps gibt sie nicht nur schwangeren Frauen. „Positiv wirkt sich auf den Körper alles aus, was das Immunsystem stärkt: vitaminreiche Ernährung, ausreichend Bewegung, Sonnenstrahlen – und ganz besonders intakte, soziale Kontakte. Besonders für werdende Mamas ist der Erfahrungsaustausch unter Frauen ganz furchtbar wichtig.“

Die engagierte Geburtshelferin bedauert deshalb auch, dass sie seit 12. März keine Kurse mehr abhalten darf. Sie dreht kleine Videos, die sie „ihren Frauen“ zur Aufmunterung schickt. „Das ist kein gleichwertiger Ersatz fürs Zusammensein“, weiß sie. Aber sie will Würde, Halt, Sicherheit und Zuversicht geben in einer Zeit, die verängstigt. „Jetzt ist Menschlichkeit gefordert.“

Mit größter Liebe und Würde

Und zum Schluss wird Christiane Kuschnerenko noch sehr nachdenklich. „Die Stunde der Geburt und des Sterbens sind die Augenblicke, in denen man die größte Liebe, Würde und Unterstützung erfahren sollte. Wenn ich die Bilder von Menschen sehe, die beim Sterben allein gelassenen werden, bringt mich das zum Weinen.“

Redaktion Lokalredaktion, zuständig für Oftersheim und Eppelheim