Eine eingeschworene Gemeinschaft - Neun „Ofdascharinne“ lernen sich über ihre Kinder näher kennen / Seit 2007 sind sie ein gutes Team / Sie lassen sich den Schmudo trotz Corona nicht vermiesen „Die Luschdische“ rüsten sich zur Fasnacht

Von 
Anette Zietsch
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Neun „Luschdische“ und eine Redakteurin am Schmudo beim Skype-Treffen vor den heimischen Bildschirmen. © Zietsch

Oftersheim. Das Ritual gibt es seit 2014. Neun „Ofdascharinne“ bereiten sich am Schmutzigen Donnerstag – in hiesigen Gefilden auch als Schmudo bekannt – vor, um Fasnacht zu feiern. Um 19 Uhr lassen sie sich Pizza liefern. Grundlage schaffen. Dazu gibt’s Sekt, Prosecco oder ab und zu auch mal ein Likörchen zwischendurch. Vorglühen. Nebenbei schminken und verkleiden sie sich. Und sind bester Laune und bereit für die große Sause.

Oftersheim Oftersheim: Die "Luschdische Ofdascharinne" - eine eingeschworene Gemeinschaft

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Auch 2021 ändert sich – allen widrigen Umständen zum Trotz – fast nichts an den liebgewonnenen Traditionen. Nur hier und da gibt es Abweichungen. In diesem Jahr nämlich macht sich die muntere Truppe im Anschluss an die jahrelang zelebrierten Gepflogenheiten nicht zusammen auf den Weg zur Kurpfalzhalle, um dort den legendären Schmudo mit ihrer Anwesenheit zu bereichern. Die gemeinsame Fete steigt vielmehr vor den neun heimischen Bildschirmen.

Mit Gongschlag 21 Uhr steht die Schalte per Skype. Angesichts der außergewöhnlichen Situation haben wir von der Schwetzinger Zeitung in diesem Jahr die einmalige Chance, in die sonst streng abgeschirmten Treffen reinzuschauen. Selbstverständlich auf Einladung und auf ausdrücklichen Wunsch der neun Ladys aus der Hardtgemeinde. Und nur für eine begrenzte Zeit.

Abweichung vom Regelfall

Und sofort fällt den Fans der „Luschdische Ofdascharinne“, wie sie sich in Anlehnung an ihr sonniges Gemüt und ihre Heimat „in de Muddaschbrooch“ nennen, eine weitere Abweichung vom Regelfall ins Auge: Jede der neun Damen ist anders kostümiert. Denn eines der Markenzeichen der Girlgroup ist – sofern alles seinen gewohnten Gang nimmt – der Auftritt in einheitlichen Outfits. Mal als Spinnen oder als Enten, mal als Tannenbäume oder als Blumen – oder als ABBA-Doubles. Jedes Jahr ein anderes Motto.

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Als ich mich in die Runde schalte, ist die Stimmung schon „luschdisch“. Gleich wird klar, dass die Mädels ihrem Namen alle Ehre machen. Da wird gekichert und gelacht. Start frei zum Mädelsabend mit Annette Dietl-Faude, Simone Fackel, Melanie Hillengass, Britta Fellenberg, Katja Kruse, Isabell Boos, Andrea Sturm, Gaby Hirning und Conny Rösch – neun Frauen im besten Alter. Lasset den Schmudo beginnen!

Die Überraschung angesichts der Verkleidungen ist groß. Erste Begeisterungsstürme toben wegen der originellen Hintergründe, die bei manchen der Chat-Teilnehmerinnen zu sehen sind. „Wie hosch’n du des hiekriegt?“ – „Des hot mein Mann gemacht!“ (Anm. d. Red.: Aus Gründen des Datenschutzes wollen wir bei den Dialogen in dieser Live-Textpassage darauf verzichten, sie namentlich zuzuordnen.). „Ach Gott, is des hegdisch mit dere Esserei in dem Johr“, nuschelt’s aus dem Bildschirm raus. Angesichts der aufwendigen Schminke gerät der Biss in das belegte Teigstück italienischen Ursprungs zum Balance-Akt. Die anderen kichern und nehmen lieber einen Schluck.

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Die Pizza-Lieferung zu jeder „Luschdische“ (so die Kurzform) hat in diesem Jahr übrigens Udo Sturm, einer der „besten Ehemänner“, übernommen. Und später wird dann noch das Rettungspäckchen gereicht, das Annette Dietl-Faude rechtzeitig an die Frauen verschickt hat: mit Konfetti, Süßigkeiten und einem kleinen Likörchen „für jede von uns vorm PC“. Für diese tolle Idee erntet sie einstimmig großes Lob.

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„Ich hab ma morje frei genumme Des mach isch immer nachem Schmutzische Dunnerschdag“, wird jetzt das Thema gewechselt. „Misch hawwe mei Kollege heit ganz komisch ogeguckt, wo isch g’sacht hab, dass isch frieher gehe muss, weil isch Fasnacht feier“, kommt der nächste Redebeitrag.

Auch ein Programm gibt’s an diesem Abend: In ihrer Büttenrede („liewe luschdische Ofdascharinne zu Hause an den Bildschirmen“) gewährt Annette Dietl-Faude tiefe Einblicke in die Gesprächsthemen der glorreichen Neun: „Umbau, Schule, Hüftarthrose – Plastikmüll, Profilneurose – Kochen, Cachen, Dauerlauf – ach, Themen gibt´s bei uns zuhauf!“ Darauf drei donnernde Ohoi! Oder wie der Kurpfälzer sagt: Do det ma a mol gern Mäusel schbiele.

Weitere Punkte des Abends sind musikalische und dekorative Einlagen. „Bis Mitternacht, dann wird in einen Geburtstag reingefeiert.“ Auf Nachfrage gesteht die Büttenrednerin des Abends, dass auf sie selbst angestoßen wird.

Ursprung des Kennenlernens

Näher kennengelernt hat sich der Kern der munteren Gruppe, von denen viele „Ur-Odascharinne“ sind, vor rund 15 Jahren. „Unsere Kinder sind in den Martin-Luther-Kindergarten gegangen. Bis 2006 haben die Leiterin Manuela Schweizer (früher Weber, Anm. d. Red.) und die mittlerweile verstorbene Pfarrerin Karin Maßholder Familienfreizeiten veranstaltet“, erzählt Annette Dietl-Faude von den Anfängen. Um die Ausflüge weiterzuführen, haben die Familien Fackel, Faude und Hillengass in den folgenden Jahren die Organisation in die Hand genommen und die Zielgruppe erweitert. Es ging ins bayerische Pottenstein.

Damals hat sich die Gruppe formiert, der Ursprung der „Luschdische Ofdascharinne“ geht also zurück bis ins Jahr 2007 – in unveränderter Besetzung. „Wir haben uns gut verstanden und immer mehr gemeinsam unternommen“, berichtet Annette Dietl-Faude über die Entstehungsgeschichte.

Die Familien – insbesondere die Mütter – sind über all die Jahre hinweg zusammengewachsen und haben bald überlegt, dass man sich ja häufiger treffen könnte. „Das hat sich langsam gesteigert. „Wir sind in Oftersheim gemeinsam zu Waldfesten gegangen, zu Kino im Park, zum Tag des Waldes und haben Ausflüge in die Region gemacht wie beispielsweise zum Lichterfest nach Schwetzingen.“ Und 2016 haben sie sich an der 1250-Jahr-Feier beteiligt. Unter Programmpunkt „Schloofstubb zu Großelterns Zeit“ sind sie – selbstverständlich im Partnerlook – einheitlich in weiße Nachtwäsche mit passender Haube geschlüpft und beim Umzug mitlaufen. Auch die Familienmitglieder waren Teil der Gruppe.

Der absolute Härtetest für die „Luschdische“ war dann aber der Mehrtagesausflug nach Lagos in Portugal. „Ein Versuchsballon“, gibt Annette Dietl-Faude zu. „Zusammenkünfte über ein paar Stunden sind eine Seite – aber so eng miteinander eine Woche verbringen, da muss schon die Chemie stimmen.“

Das Experiment ist geglückt und wird jedes Jahr wiederholt. „Wir sind von den Charakteren her unterschiedlich. Aber das ist gerade das, was unser Zusammensein bereichert. Wir haben alle unserer Stärken und Schwächen. Aber jede von uns akzeptiert die andere, wie sie ist. Wir haben uns noch nie etwas krummgenommen. Wir schätzen unsere Freundschaft und sind froh um die Gemeinschaft. Wir genießen die Zeit. Und jede von uns kann über sich selbst lachen“, macht sie das Geheimnis des guten Miteinanders aus.

Um den Kontakt während der Pandemie nicht zu vernachlässigen, verabreden sie sich in Zeiten der Kontaktbeschränkung montags um 20 Uhr auf Skype. Besuche zu den Geburtstagen gehören ebenfalls zu gemeinsamen Unternehmungen. „In diesem Jahr haben wir uns, solange es ging, gegenseitig besucht, quer durch die Gärten. Für den runden Geburtstag von Simone Fackel haben wir ein Video gedreht. Das war unser Lockdown-Highlight.“ In der Büttenrede heißt es dazu: „Gebortstagsgrüß’ in Hof und Gaade, ein Videofilm mit viiel Tomaade, Weihnachtswichteln am PC, ach Gott, wie war des widda schee!“

Kreative Talente

Seit 2014 sind die „Luschdische“ Teil der Oftersheimer Fasnachtslandschaft – beim TSV-Fasching oder beim Schmudo, wo sie mit schöner Regelmäßigkeit Preise für ihre originellen Kostüme abräumen. „Irgendwann entstand die Idee für den einheitlichen Auftritt in der fünften Jahreszeit, mittlerweile ist es der Höhepunkt in normalen Jahren“, schwärmt Annette Dietl-Faude. Dabei kommen insbesondere die kreativen Talente von Melanie Hillengass, Andrea Sturm, Simone Fackel und Katja Kruse als Super-Näherinnen und Deko-Genies zur Geltung.

„Rund drei Monate vorher treffen wir uns und einigen uns auf demokratischem Weg und mit Prosecco und Sekt auf ein Outfit. Luschdisch geht’s da zu.“ Bestellt wird bei den einschlägigen Bezugsquellen und ein paar Tage vorher wird dann das Feintuning vorgenommen – mit Gelächter und dem einen oder anderen Schlückchen, plaudert Annette Dietl-Faude herzlich lachend aus dem Nähkästchen. „Melanie, Simone, Andrea und Katja leisten Vorarbeit, bei den individuellen Details legen wir alle letzte Hand an.“

Doch weil das eben in der aktuellen Kampagne nicht möglich ist, greifen die Frauen auf bewährte Kostüme aus dem Fundus zurück. Und schwelgen in vielen schönen Erinnerungen. „Das ist in einer Krise so viel wert“, ist Annette Dietl-Faude dankbar, „wenn sich eine Gruppe so gut versteht wie wir. Das gibt Rückhalt.“

Info: Weitere Bilder gibt’s unter www.schwetzinger-zeitung.de

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Redaktion Lokalredaktion, zuständig für Oftersheim und Eppelheim