Karsamstag 1945 - Alt-Bürgermeister Siegwald Kehder erinnert sich an die letzten Tage des Krieges / Er war damals acht Jahre / Bevölkerung musste sich auf dem Adolf-Hitler-Platz versammeln Eilig wurden Hakenkreuzfahnen verbrannt

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Die Tafel im Vordergrund weist diese Männer, die vor der Wirtschaft „Kornblume“ stehen, als Mitglieder der regionalen SS-Standarte Region Oftersheim-Schwetzingen aus. Als die amerikanischen Truppen im März 1945 anrückten, haben viele Menschen die Uniformen eilig vernichtetet. © Heimat- und Kulturkreis/Deinert

Oftersheim. In diesen Tagen jährt sich der Einmarsch der US-amerikanischen Truppen in die Städte und Dörfer der Kurpfalz zum 75. Mal. Wenige Wochen später waren das Ende des Krieges und der Untergang der Nazi-Herrschaft besiegelt. Am 30. März 1945 – in jenem Schicksalsjahr der Karfreitag – standen die Soldaten in Schwetzingen. Einen Tag später, am 31. März 1945 – näherte sich nach 10 Uhr die Infanteriespitze Oftersheim. „Die Einwohner hängten weiße Fahnen oder Tücher heraus, verbrannten schnell Hitler-Bilder, die Bücher ,Mein Kampf’ und Hakenkreuzfahnen.“ Das berichtet Oftersheims Alt-Bürgermeister Siegwald Kehder in einer Rede, die er im Mai 2005 hielt. Anlass war der 60. Jahrestag des Kriegsendes. Und auf diesen Erinnerungen, die uns der heute 83-Jährige dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, beruht auch dieser Artikel.

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Und so gehen die Schilderungen des Zeitzeugen weiter: „Deutsche Truppen waren am 31. März 1945 nicht mehr im Ort. Kampflos zogen die Amerikaner ein. Verängstigt sah man die großen amerikanischen Panzer und Truppen durch die Mannheimer Straße, den Häusern entlang, in Richtung Rathaus ziehen.“ Mit dabei seien auch viele dunkelhäutige Menschen gewesen – damals „Neger“ genannt – „wie man sie im Leben erstmals sah und vor denen man besondere Angst hatte“, berichtet Kehder weiter. „Kurz danach kam der damals amtierende Bürgermeister Peter Gieser mit der Ortsschelle durch die Straßen und forderte die Bevölkerung auf, sich um 11.30 Uhr am Rathaus am damaligen Adolf-Hitler-Platz, einzufinden.

Sorgenvolle Gefühle

Mit sorgenvollen Gefühlen machte man sich auf den Weg dorthin. Was wird geschehen, was wird aus uns nun werden. Müssen wir weg, müssen wir unsere Wohnungen räumen, Fragen, die durch die Köpfe gingen. Ein Einwohner stieg auf den Panzer und brachte ein ,Hoch’ auf die ,Befreier’ aus. Dies wurde von vielen nicht verstanden. Schließlich befand man sich ja gerade in der ersten Stunde der Besetzung.

Ein amerikanischer Offizier forderte die Einwohner auf, sämtliche Waffen und Munition auf dem Rathaus abzugeben, auch Fotoapparate mussten später abgeliefert werden.

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Der Ausgang wurde von den Militärs morgens auf 7 bis 9 Uhr und nachmittags von 15 bis 17 Uhr festgesetzt. Die Ausgangszeit reichte fast nicht zum Einkaufen oder zur Futterbeschaffung. Nach einigen Tagen erfolgte eine Lockerung in der Weise, dass nun die Ausgangssperre von 17.30 bis morgens 7 Uhr und wieder Tage später von 19 Uhr bis morgens 6 Uhr galt.

So konnten viele, soweit dies überhaupt möglich war, wieder zur Arbeit gehen und danach auf den Äckern arbeiten. Ganze Straßenzüge und Wohnhäuser wurden zur Unterbringung der Truppen freigemacht. Hausdurchsuchungen nach Waffen und Fotoapparaten dienten der Kontrolle. Nach weiteren Tagen verließen die Truppen das Dorf. Eine vorläufige Ortskommandantur ließ sich in zwei Häusern in der Mannheimer Straße über der Bahn nieder.

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Frühere Gefangene oder nach Deutschland Verschleppte, die bisher in der Landwirtschaft tätig waren, fühlten sich nach Einnahme des Ortes durch die Amerikaner als die Herren im Ort. Sie raubten, plünderten ungehindert nach Herzenslust und versuchten ,heimzuzahlen’. Die von den Amerikanern eingesetzte Hilfspolizei war machtlos, sie hatte weder Waffen noch Strafgewalt. Die Soldaten sahen dem Treiben tatenlos zu.“

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Siegwald Kehder zitiert auch den Oftersheimer Heimatforscher Franz Volk, der das Ende der Kriegszeit wie folgt festgehalten hat: „Die Bevölkerung hat eine Woche vor dem Einmarsch der Amerikaner Schreckliches durchgemacht. Der Kanonendonner aus Richtung Mannheim kam immer näher. Vereinzelte Artillerieschüsse streuten das Dorfgelände ab. Schon in der Nacht vom 24. auf 25. März wurden die Häuser und Scheunen Mannheimer Straße 23, Mannheimer Straße 15, 17 und 19 beschädigt. Das wichtigste Hab und Gut brachte die Bevölkerung in ihre Keller. Die Familien schliefen ausnahmslos tagelang in den Kellern. Wasser-, Strom- und Gasanlagen waren durch Arie-Beschuss (Artillerie; Anm. d. Red.) zerstört.

Zerrüttete Nerven

Die Nerven der Bevölkerung waren Wochen und Monate zuvor durch die ununterbrochenen Jabo- (Jagdbomben; Anm. d. Red.) und Bomberangriffe zerrüttet und geschwächt, erschwerend hinzukamen nun noch banges Warten und die Angst und Ungewissheit vor dem kommenden Schicksal. Das frivole Wort eines der engsten Mitarbeiter Adolf Hitlers, Dr. Ley, hat sich buchstäblich erfüllt: Das deutsche Volk wird noch in Erdlöchern und Höhlen hausen. Nur, schrieb Franz Volk, stieg aus allen Kellern und Löchern der ingrimmige Wunsch auf, dass der Teufel „unseren selbstlosen Führer“ bald holen möge.

Im Dorf wurden Panzergräben ausgehoben, zugedeckt – und wieder aufgegraben. Schon in der Woche vor der Einnahme durch die Amerikaner bröckelte die Macht der NSDAP. Ein anderer Wind wehte durch die Dorfgassen. War jetzt doch die begründete Hoffnung vorhanden, dass unser Heimatdorf den Amerikanern kampflos übergeben und somit unnötiges Blutvergießen und Zerstörungen vermieden wird.

Am Abend des 28. März gaben die Amerikaner Streufeuer auf die Straße Schwetzingen/Oftersheim ab und es entstanden in dem Ortsteil über der Bahn gegen Schwetzingen Häuser- und Sachschäden. Am Karfreitag nahmen zwei deutsche Panzer im Ort Aufstellung. Der eine stand beim Hause Philipp Schnabel IV, Mannheimer Straße 73, und der andere in der Bachstraße. Die amerikanische Artillerie erwiderte das Panzerfeuer und es entstanden schwere Schäden im Dorf (über 20 Gebäude). Trotz der Schäden und des tagelangen Arie-Feuers rings um das Dorf – waren doch eine Menge deutsche Batterien im Wald und ums Dorf in Stellung – kam unser Ort noch gnädig davon. Leider sind auch Todesopfer durch Arie-Beschuss zu beklagen. Es starben Elfriede Meyer und Katharina Neureiter. Verwundet wurden Maria Meyer, August Demel, und Josef Kehder, der seinen Verwundungen am 27. April 1945 im Krankenhaus erlag.“ So weit Franz Volk. „Die Zahl der örtlichen Todesopfer wäre unvollständig, würde man nicht an den Exerzierplatz, teilweise heutiger Golfplatz, denken, auf dem vier junge Oftersheimer beim Hantieren mit Munition zu Tode kamen und weitere schwer verletzt wurden, fügt Kehder hinzu, der das Kriegsende 1945 im Alter von achteinhalb Jahren erlebte.

„Im Jungvolk war ich noch nicht, man wurde erst mit zehn Jahren als Pimpf aufgenommen. Dieser Zeit sah ich, wie fast alle Gleichaltrigen, erwartungsvoll entgegen. Man hörte von Geländespielen, natürlich mit zielgerichtetem Hintergrund, strebte nach sportlichen Leistungen, konnte zu Zeltlagern und anderem mehr, was für junge Menschen natürlich reizvoll war. Man freute sich eigentlich auf diese Zeit“, beschreibt er die Stimmung in seinem Jahrgang. Die Vorfreude wurde jedoch bald überschattet.

„Die Schrecken des Krieges gingen aber an niemanden spurlos vorüber. In täglichen Rundfunksendungen und Zeitungsberichten verbreitete die Propaganda Goebbels unentwegt Siegeszuversicht – und später Durchhalteparolen. Doch die Hoffnungen schwanden 1944/45 immer mehr. Öffentlich gesprochen wurde darüber aber nicht, zu gefährlich war es schließlich in Verdacht, wehrkraftzersetzende Äußerungen getan zu haben, zu geraten. Aber Fronturlauber oder Verwundete, die zur Wiedererlangung der Wehrfähigkeit kurze Zeit nach Hause durften, sorgten in ihrer Familien vertraulich für realistische Einschätzungen.“ Zu der nicht zuletzt die räumliche Nähe zu Mannheim beigetragen hat. Denn fast keine Stadt ist von größeren Schäden verschont geblieben.

„Nun, man kann vielleicht denken, das war von uns in Oftersheim weit entfernt. Das stimmt – und auch wieder nicht. Schließlich war Mannheim von 1940 bis 1945 Ziel von 150 Luftangriffen. Dies alles erlebten wir in Oftersheim hautnah mit. Jeder Luftangriff löste bei uns Fliegeralarm aus. Man saß in Kellern, dicht gedrängt mit Nachbarn, zitterte, betete und hoffte auf Entwarnung. Oft hatte man nur noch eine kurze Nachtruhe, wenn man von der nach den Aufregungen überhaupt sprechen konnte, vor sich. Beim Verlassen der Keller richteten sich die Blicke Richtung Mannheim. Der Nachthimmel war feuerrot, es brannte, Bomben explodierten, und die Schrecken saßen in den Gliedern. An den folgenden Tagen kamen verzweifelte, wohnungslose Mannheimer mit nur wenig noch geretteten Habseligkeiten auf der Suche nach Obdach bei Verwandten in unseren Ort. Manche Oftersheimer erlebten einen Angriff berufsbedingt in Mannheim, einige fanden dabei auch den Tod.

Relativ glimpflich davongekommen

Unsere Gemeinde kam dennoch alles in allem gesehen glimpflich davon. Tote, Verletzte und Gebäudeschäden waren aber auch zu beklagen. 1943 fielen Bomben-Blindgänger auf Äcker, man registrierte Bombentrichter von acht Meter Durchmesser, 1944 explodierten Flak-Blindgänger sogar in Höfen, wie bei Else Geiger, die schwer verletzt wurde und deren Tochter dabei ums Leben kam. Sprengbomben fielen in den Gemeindewald, dann begannen Tieffliegerangriffe, die einer Menschenjagd gleichkamen. Auf dem Weg zur Schule, bei der Arbeit auf den Äckern, überall musste man um sein Leben bangen.“

Die Erinnerungen von Siegwald Kehder machen besonders in diesen Tagen nachdenklich. Sicher sind die Beschränkungen, mit denen wir derzeit leben müssen, alles andere als angenehm. Aber eines sollten wir uns aber auch vor Augen führen: Die Zeit geht vorüber. Und bis dahin müssen wir keine Angst haben, dass unsere Wohnung zerbombt ist . . . az