Naturphänomen - Dr. Rolf Henn hat die Entstehung einer Eisnadel in seinem Garten beobachtet Ein seltenes Gewächs gedeiht in Pflanzschale

Von 
Anette Zietsch
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Oftersheim. Man kennt die Zapfen im Allgemeinen von Tropfsteinhöhlen. Die einen (Stalagmiten) wachsen aus dem Boden, die anderen (Stalaktiten) hängen von der Decke. Eine Eselsbrücke – an die Buchstaben „m“ und „t“ in den beiden Begriffen angelehnt – heißt zum Beispiel: „Stalagmiten haben schon viel mitgemacht, sind daher müde und am Boden, während Stalaktiten tropfen und an der Decke hängen.“

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Und auch im Winter sieht man bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt häufig Eiszapfen, die von Dächern hängen. Doch gibt es auch das Gegenstück, das sich nach obenhin ausbildet? Oder wenig wissenschaftlich gesprochen: ein Stalaktit aus Eis?

Unser Leser Dr. Rolf Henn aus Oftersheim hat dieser Tage zufällig einen in seinem Garten entdeckt und uns die Bilder zugeschickt. Man nennt die Gebilde „Eisnadeln“ oder auf Englisch „Ice Spikes“.

„Ich bin ja selbst Wissenschaftler und ich lese auch regelmäßig die Publikation ,Bild der Wissenschaft’. Aber dieses Phänomen habe ich vorher noch nicht beobachtet“, erzählt der Chemiker im Gespräch mit unserer Zeitung. Und er berichtet weiter, dass er die kleine Skulptur unerwartet auf der Oberfläche einer Pflanzschale gesehen hat. „Die hatte ich vor geraumer Zeit als Wassertränke für unsere gefiederten Freunde aufgestellt. Sie wird regelmäßig aufgefüllt, jedoch nicht in den Tagen zuvor, weil es da geregnet hatte.“

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Seine Suche im Internet ergab, dass es sich bei einer Eisnadel um ein gar nicht mal so seltenes Phänomen handelt, das zudem wissenschaftlich im California Institute of Technology mit Hilfe von Eiswürfelbehältern erforscht wurde.

Danach, so teilt er uns weiter mit, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Es sollte sich zum einen um weitgehend mineralfreies Wasser handeln (das war bei Dr. Rolf Henn gegeben, da es sich im wesentlichen um Regenwasser gehandelt hat) und zum anderen sollte die Temperatur bei ungefähr minus sieben Grad Celsius liegen (in der Nacht, in der die Eisnadel in Oftersheim entstanden ist, zeigte das Thermometer deutlich unter null Grad Celsius).

Nur noch ein kleines Loch ist frei

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„Zur Entstehung wird angenommen, dass sich auf der Wasseroberfläche Eis bildet. Die Fläche friert von den Rändern her zu, bis nur noch ein kleines Loch frei ist. Durch weiteres Zufrieren auch in die Tiefe erhöht sich das Volumen (deshalb zerknallen Wasserflaschen im Gefrierschrank auch) und Wasser dringt durch das verbliebene Loch nach oben“, fasst der Chemiker seine Recherche-Ergebnisse zusammen. Es entstehe somit ein ringförmiger Wall um die verbliebene Öffnung. Das Wachstum des Walls werde gespeist durch das weiterhin nach oben drängende Wasser, so dass allmählich eine hohle Säule entstehe.

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„Da auch diese seitlich zufriert, wird der Durchmesser immer kleiner. Das Wachstum wird gegen Ende hin dadurch immer schneller. Der Prozess endet, sobald durch das Zufrieren der Röhre die Wasserzufuhr unterbunden wird oder die Spitze zufriert“, erläutert Dr. Rolf Henn.

Er ermuntert unsere Leser, es selbst zu probieren: „Wer Lust hat, sollte sich eine alte Pflanzschale suchen (die auch platzen darf, wenn sie zufriert), diese mit Regenwasser füllen und auf Frost warten. Nebenbei tut man den Vögeln im Garten auch etwas Gutes: Die brauchen nämlich auch im Winter etwas zu trinken.“

Redaktion Lokalredaktion, zuständig für Oftersheim und Eppelheim