Erst denken – dann teilen

Anette Zietsch über die Verbreitung falscher Facebook-Inhalte

Von 
Anette Zietsch
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Politik an vorderer Front ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Gefragt sind – insbesondere bei den Protagonisten im Wahlkampf – eher Nehmerqualitäten als Sensibilität. Das gilt nicht erst seit den legendären Rededuellen zwischen Herbert Wehner und Franz Josef Strauß, die ihre Rivalität weit weg von dem ausgetragen haben, was wir heute als „politisch korrekt“ bezeichnen. Aber sie haben sich wenigstens noch bei offenem Visier angeschrien.

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Subtiler wird’s bei den Strippenziehern im Hintergrund, die Skandale und Skandälchen ausgraben. Da kann’s schon mal unappetitlich werden. Doch auch ein Rufmord ist keine Erfindung der politischen Neuzeit.

Die sozialen Medien haben noch eine weitere Spezies hervorgebracht, die ich ziemlich unerträglich finde. Ich will mal ein konkretes Beispiel nennen, das mir jüngst übel aufgestoßen ist. Beim Scrollen durch mein Facebook-Profil startete ein Filmchen von „viralog1e“, wie es im Hinweis des Machwerks steht, das von einem Nutzer mit dem Kommentar „So hohl kann man doch nicht sein?“ verbreitet und von einem meiner sogenannten Facebook-Freunde mit den Worten „Sowas von krank“ kommentiert und weiter geteilt wurde.

In wenigen Sekunden flimmerte die Sequenz einer Unterhaltung über den Bildschirm, die plakativ überschrieben war mit „Annalena Baerbock – Klimaschutz geht vor Jobsicherung“. Gesprächspartner waren die stellvertretende ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten, die diese Frage – etwas ausführlicher – an die Grünen-Kanzlerkandidatin gestellt hat. Deren Antwort kam im Facebook-Video prompt: „Dafür setze ich mich ein!“

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Jedoch war selbst beim beiläufigen Scrollen offensichtlich, dass da etwas nicht stimmen konnte. Weil ich neugierig war, googelte ich mal die Überschrift – und sofort wurde mir das knapp 21 Minuten dauernde Interview „Was nun, Frau Baerbock“ angezeigt. War also gar nicht schwer. Ich ließ es laufen und bei Minute 4:10 beginnt der interessante Teil.

Baerbocks Antwort lautet im Original: „Nein. Das habe ich auch in den letzten Jahren nicht gesagt.“ Da war also nicht nur ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen worden und der hat eine völlig andere Bedeutung bekommen. Da wurde ganz bewusst gefälscht. Und das auch noch offensichtlich dilettantisch.

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Diese Art von böswilliger Diffamierung quer durch die Parteienlandschaft – insbesondere in den sozialen Medien, wo sich auch bequeme Zeitgenossen mit einem Klick und ohne zu überlegen Gehör verschaffen können – finde ich abstoßend. Und das ganz unabhängig von der Sympathie, die ich für einen Politiker oder eine Politikerin beziehungsweise für deren Ideen hege.

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Ich würde mir wünschen, dass die Social-Media-Nutzer verantwortungsbewusster handeln und erst nachdenken, bevor sie solche Beiträge teilen. Oder wenigstens den gesunden Menschenverstand walten lassen. Und nicht irgendeinen Mist posten, nur weil der Inhalt so schön ins Weltbild passt. Das sollte insbesondere für diejenigen gelten, die – wenn auch in der Vergangenheit – Mitglieder im Gemeinderat waren.

Der Wahlkampf hat gerade erst angefangen. Die Erfahrungen lassen allerdings befürchten, dass es bis zum September nicht besser wird – für keinen aus der ersten und zweiten Reihe der politischen Hauptdarsteller. Ich finde das äußerst alarmierend.

Redaktion Lokalredaktion, zuständig für Oftersheim und Eppelheim