Oftersheimer Straßennamen (4) - Grund für Umbenennungen waren Anfang des 20. Jahrhunderts amtliche Anordnungen / Später der Wechsel der politischen Verhältnisse Platz für Adolf Hitler – und dann Karl Marx

Von 
Anette Zietsch
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Der Alte Messplatz hat namenstechnisch betrachtet eine bewegte Vergangenheit: Erst lieh ihm die Kirchweih ihren Namen, dann Adolf Hitler und schließlich Karl Marx. Heute ist er bebaut, eine Straße erinnert an ihn. © az

Oftersheim. Kennen Sie die Schwetzinger Schdroß in Oftersheim? Oder die Wassagaß? Und wie sieht’s mit der Ketschergaß, der Sackgaß oder der Königsgaß aus? Wenn Sie glauben, sich in ihrem Ort auszukennen, aber trotzdem ins Grübeln und zu keinem Ergebnis kommen, dann hat das einen Grund: Tatsächlich sind diese Namen heute nur noch aus der Überlieferung bekannt, der Volksmund taufte sie einst so.

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Bei der Schwetzinger Schdroß (heute Mannheimer Straße) und der Ketschergaß (Hildastraße) liegt der Grund für die Benennungen auf der Hand: Es waren die kürzesten Strecken zu den benachbarten Kommunen. In die Wassagaß (heute Heidelberger Straße) schwappte das Hochwasser des Leimbach hinüber und überflutete Straße, Höfe und Keller. Die Bebauung in der Sackgaß (Friedrichstraße) endete an einem Acker und war außerdem durch eine Mauer abgeschlossen. Die Königsgaß (Leopoldstraße) schließlich bekam ihren Namen von den großformatigen Backsteinen (auch Königssteine genannt), die dort für den Bau der Häuser verwendet wurden. Und es gab noch weitere inoffizielle Namen: Für die Karlstraße war lange Zeit der Begriff „Dorfgartengäßl“ – nach den am Leimbach gelegenen Dorfgärten gängig. Krautgärten wurde die spätere Gartenstraße nach einem Gewann genannt und das Mühlegäßl führte zur Mahlmühle. Bevor die katholische Kirche Anfang des 20. Jahrhunderts auf ihrem Platz stand, war dort die Gänsweid – der Begriff spricht für sich. Und – Nachbarschaftsstreitigkeiten lassen auch schon in der Vergangenheit grüßen – in der Kriegsgaß lebten die Familien vermutlich nicht allzu friedlich nebeneinander.

Als Erklärung für alle Leser, die sich sprachtechnisch noch nicht assimiliert haben oder nur über Grundkenntnisse des hiesigen Dialekts verfügen, sei noch angemerkt: Gaß oder Gäßl – nach alter Schriftart mit einem „ß“ – steht für Gasse beziehungsweise kleine Gasse.

2443 Einwohner im Jahr 1900

Erst 1902 verfügte das Bezirksamt, dass die Straßen nun auch offizielle Namen bekamen, unter denen wir sie vielfach heute noch kennen – immerhin hatte Oftersheim im Jahr 1900 schon 2443 Einwohner und 363 Wohnhäuser mit 493 Wohnungen. Doch die Umsetzung brauchte einen langen Vorlauf: Schon 1778 verlangte das Oberamt Heidelberg eine entsprechende Kennzeichnung. In den Archiven gibt es leider keine Unterlagen mehr, nach welchen Kriterien die Namen Anfang des 20. Jahrhunderts zustande kamen. Vielfach kann man es sich aber erschließen.

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Umbenennungen waren zumeist begründet durch den Wandel der politischen Verhältnisse. Eines der offenkundigsten Beispiele ist der alte Kirchweihplatz, der 1934 zum Adolf-Hitler-Platz (beileibe nicht der einzige in Deutschland) und von 1945 bis 1950 als Karl-Marx-Platz in den Adressbüchern geführt, ehe er zum Alten Messplatz wurde.

Erfreulicher ist da schon der Grund, weshalb die Kinderschulstraße (altes Wort für Kindergarten) 1926 zur Peter-Gieser-Straße wurde: Mit einem Vermächtnis – ein Haus mit Acker und Wertpapieren – hatte der ehemalige Bürgermeister und Landwirt Peter Gieser den Grundstock für die erste Oftersheimer Kinderschule gelegt. Mit einer „eigenen“ Straße würdigte die Gemeinde posthum sein großzügiges Wirken.

Redaktion Lokalredaktion, zuständig für Oftersheim und Eppelheim