Evangelische Kirchengemeinde - Pfarrerin Sibylle Rolf freut sich, wenn wir uns wieder umarmen dürfen „Ruhezeiten stärken und nähren uns“

Von 
Gastbeitrag von Pfarrerin Sibylle Rolf
Lesedauer: 

Oftersheim. Der Monat Januar ist vorbei. Amerika hat einen neuen Präsidenten. Die Welt wird geimpft, wenn auch nicht im erhofften Tempo. Schulen und Kindergärten haben noch nicht geöffnet, mit Bangen schauen wir auf die Varianten des Coronavirus und ihre Verbreitung.

AdUnit urban-intext1

Ich merke, wie meine Haut an manchen Tagen dünn ist. Nach so einer langen Zeit geht mir manchmal die Kraft aus – und die grauen und trüben Tage tragen nicht unbedingt zum Wohlbefinden bei. Dann geht mir die Situation „unter die Haut“, wie man so sagt. Ich fühle mich verletzlich und angreifbar, obwohl doch so vieles in meinem Leben auch wirklich gut ist. Aber die letzten Monate hinterlassen eben ihre Spuren, bei uns allen.

Ich empfinde das als eine merkwürdige Spannung: Ich sehne mich nach Kontakt, nach Umarmung und Berührung. Ich spüre, wie gut es mir tut, die wenigen Menschen aus meiner Familie zu umarmen, die ich jetzt gerade noch umarme. Körperkontakt ist wohltuend und heilend, gibt Kraft und Mut. Und gleichzeitig vermeide ich Kontakt und Nähe, halte Abstand, besuche fast niemanden mehr (und wenn, dann in gut gelüfteten Räumen, mit Maske und Abstand und sehr kurzer Dauer). Ich gebe niemandem die Hand und nehme erst recht niemanden in den Arm. Am sichersten fühle ich mich an der frischen Luft, da ist auch ein Spaziergang mit einer Freundin möglich – aber eben mit Abstand.

Angst vor Nähe überwinden

Welche Auswirkungen wird das auf Dauer für unser Leben haben? Können wir die Angst vor Nähe schnell wieder überwinden? Oder wird die Vorsicht bleiben? Ich glaube: Berührungen werden uns wieder unendlich guttun. Wir werden mit „Haut und Haar“ spüren und genießen, dass wir wieder zusammen sein dürfen. Unsere Dünnhäutigkeit werden wir miteinander teilen dürfen und an manchen Stellen spüren, dass die Haut wieder „dicker“ wird. Und manches darf auch weiterhin unter die Haut gehen. Es können ja auch schöne Gefühle und Empfindungen sein, die uns tief berühren.

AdUnit urban-intext2

Hat Gott eigentlich eine Haut, unter die ihm etwas gehen kann? Und wie ist es eigentlich, wenn wir unsere Haut bewusst und absichtlich (etwa durch ein Tattoo) verändern? Unsere Schwetzinger Kollegin Dr. Franziska Beetschen hätte im Rahmen der regionalen Predigtreihe in Oftersheim predigen sollen. Sie hat ihre Predigt digital geschickt, so dass Sie sie nachlesen oder anschauen können auf www.ekioftersheim.de.

Unsere Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Kein Wunder, dass manchmal etwas „darunter“ geht. Hilde Domin hat in einem Gedicht von der Herzhaut geschrieben. Für mich einer ihrer schönsten Texte: „Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen. Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.“ Das geht tief. Aber es ist im Leben eben nicht zu vermeiden. Dabei aber immer mehr zu uns selbst entlassen werden durch alle Fluten und Tiefen hindurch – für mich ein Hoffnungsbild in diesen Tagen – auch wenn wir uns eben manchmal durchnässt fühlen bis auf die Herzhaut.

AdUnit urban-intext3

Von Mose wird erzählt, dass seine Haut glänzte, nachdem er Gott begegnet ist (2 Mose 34,29f.). Im wahrsten Sinne eine Ausstrahlung haben durch das Vertrauen auf Gott und die Begegnung mit Gott – das finde ich ein schönes Bild. Bei Gott spielt es ja keine Rolle, ob meine Haut gerade dünn ist oder nicht: Seine Nähe, Barmherzigkeit und Liebe tun mir gut wie eine nährende und stärkende Umarmung. Und vielleicht beginnt an manchen Stellen nach der Begegnung mit Gott ja auch meine Haut zu glänzen und zu strahlen – oder auch Ihre und Eure Haut...

AdUnit urban-intext4

Ruhezeiten, Stillezeiten, Begegnungszeiten mit Gott zu suchen – mir tut das in diesen Tagen und Wochen gut. Es stärkt und nährt. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie sich solche Zeiten auch erschließen und schaffen können. Vielleicht beim Nachvollziehen eines Gottesdienstes in gedruckter Form. Oder auf YouTube. Oder vor einer Kerze zu Hause. Oder...

Entwicklungen abwarten

Bis einschließlich zum 14. Februar sind unsere Gottesdienste in Präsenz ausgesetzt. Wir wünschen uns sehr, dass wir mit dem Beginn der Passionszeit am 21. Februar wieder Gottesdienste in Kirche und/oder Gemeindehaus feiern dürfen, natürlich mit dem entsprechenden Hygienekonzept. Wir werden die Entwicklung der Infektionszahlen abwarten und dann entscheiden und es Sie und Euch wissen lassen. Bis dahin sind unsere Gottesdienste auf der Website und bei YouTube unter „Evangelisch in Oftersheim“ anzusehen.

Dass Ihnen in dieser Woche nicht nur bedrückende, sondern auch ermutigende Dinge „unter die Haut“ gehen, das wünsche ich Ihnen von Herzen. Bleiben Sie dabei gesund und vor allem behütet.

Info: https://ekioftersheim.de/regionale-predigtreihe-2021-hand-und-fuss-biblische-koerperwelt-leider-nur-digital