Amtsgericht - Stinkefinger verlängert für den inhaftierten Viktor G. die Zeit im Gefängnis / Bilder und Videosequenzen als Beweis für Beleidigung in 13 Fällen Sieben Monate für Wiederholungstäter

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Volker Widdrat
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Das Grundstück Hoher Weg 1 beschäftigt die Gerichte. Am Haus sind Kameras angebracht, die die Beleidigungen durch den Angeklagten aufgezeichnet haben. © Volker Widdrat

Oftersheim. Das Landgericht Mannheim verurteilte Viktor G. im Mai vergangenen Jahres wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls, Hausfriedensbruchs, Nötigung, Beleidigung und Bedrohung zu zehn Monaten Gefängnis. Die Strafkammer verwarf damit die Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts Schwetzingen, das wegen 28 Straftaten eine Haft von elf Monaten vorgesehen hatte (wir berichteten mehrfach).

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Jetzt wurde in dem seit Jahren dauernden Streit um die Nutzung des Grundstücks Hoher Weg 1, für das Grundstücksbesitzer Ralf K. und dessen Mieter Rolf P. sowie der 63-jährige G., Vorsitzender des Heimkehrer-Vereins, unterschiedliche Auffassungen haben, ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Viktor G., der seit drei Monaten im Gefängnis sitzt, musste sich vor dem Amtsgericht Schwetzingen wegen Beleidigung in 14 Fällen verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte dem 63-Jährigen vorgeworfenen, im Sommer vergangenen Jahres, etwa zwei Monate nach seiner Verurteilung, wiederholt an dem Grundstück in Oftersheim vorbeigefahren zu sein und dabei Rolf P. mit dem ausgestreckten Mittelfinger beleidigt zu haben. Von P. angefertigte Videoaufzeichnungen hätten das bestätigt.

Angeklagter schweigt

Viktor G. sagte in der Verhandlung selbst nichts zu den Tatvorwürfen. Verteidiger Steffen Lindberg gab für ihn eine Erklärung ab. Es sei zutreffend, dass es mit P. seit langem Streit gebe. Sein Mandant, der sich ungerecht behandelt fühle, empfinde die Haft als beschwerlich. Er leide an einem Blasentumor, eine Behandlung werde ihm aber verweigert.

Rolf P. sagte als Zeuge aus. Der Angeklagte habe ihm fast täglich nachgestellt. „Erst seit März habe ich meine Ruhe, weil er wohl im Gefängnis sitzt.“ Insgesamt könne er 308 Straftatbestände gegen Viktor G. auflisten, darunter etwa 250 Mal das Zeigen des Stinkefingers. Er habe jeden Tag die Videoaufnahmen gesichtet und Strafanträge bei der Polizei gestellt. „Ich fühle mich beleidigt und bedroht. Manchmal ist G. zwei- oder dreimal vorbeigefahren, das war sein Tageswerk“, meinte der 62-Jährige. Der ausgestreckte Mittelfinger sei aber nicht immer genau von der Kamera zu erkennen gewesen.

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Das Gericht stellte wegen eines Datumsfehlers eine Tatziffer ein, so dass noch 13 Anklagepunkte übrig blieben. Bei der Betrachtung von Bildern und Videosequenzen wurde festgestellt, dass Viktor G. meistens gut zu erkennen gewesen ist. Ein Polizeibeamter des Reviers Schwetzingen, der seit Längerem als Hauptsachbearbeiter mit den Vorfällen auf dem Grundstück Hoher Weg 1 vertraut ist, konnte dem Gericht nicht erklären, warum Viktor G. immer wieder so handelt. Alle Anzeigen seien an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden.

Der 63-Jährige bestritt alle Vorwürfe. Er habe niemanden beleidigt. Im Gegenteil – er selbst sei immer wieder belästigt und angegriffen worden. Die Bilder und die Filme seien manipuliert.

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Das Bundeszentralregister für Viktor G. weist sieben Eintragungen aus, meistens wegen Beleidigung, aber auch wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Nötigung und Sachbeschädigung. G. hat zudem Vorstrafen wegen Beleidigungen eines Rechtspflegers sowie einer Richterin, die er als „dummdreist“ und „Volksverhetzerin“ bezeichnet hat. Die letzten beiden Richter, die sich mit seinem Fall befasst haben, will er angezeigt haben. Ein psychiatrischer Gutachter hatte dem 63-Jährigen bescheinigt, eine „Kampfhaltung gegen die Justiz“ einzunehmen. G. sei ein „kompromissloser Prinzipienreiter“ geworden und zeige immer öfter eine „isolierte Einzelkämpferposition“.

Nur die Spitze des Eisbergs

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Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sah den Sachverhalt der Beleidigung durch die Beweisaufnahme bestätigt. Die angeklagten Taten seien nur die Spitze eines Eisbergs, der Beschuldigte sei unbelehrbar und zeige eine „extrem hohe Rückfallgeschwindigkeit“. Der Ankläger forderte zehn Monate Gefängnis.

„In einem Strafprozess müssen konkrete Vorwürfe nachgewiesen werden“, führte dagegen Verteidiger Steffen Lindberg aus. Das sei in diesem Verfahren nicht der Fall gewesen. Der Zeuge P. habe das Handeln von G. oft nicht mit eigenen Augen gesehen: „Deshalb ist es nicht möglich, einfach zu sagen, es muss der Mittelfinger gewesen sein.“ Es könne schon sein, dass sein Mandant seine Missachtung zum Ausdruck bringen wollte, ein „strafrechtlich relevantes Beleidigen“ in objektiver Hinsicht sei das aber nicht gewesen, forderte Lindberg einen Freispruch.

Richterin Sarah Neuschl schickte G. für sieben Monate ins Gefängnis. Die Angaben des Zeugen P. seien glaubhaft gewesen, er habe G. öfters auch persönlich bei den Taten gesehen. „Sie wurden schon oft verurteilt und stehen in Ihrem Leben auf der Strafverfolgungsskala ganz oben“, sagte die Vorsitzende.

Sie könne nicht verstehen, warum er immer an dem Grundstück vorbeifahre. „Ihr Verhalten mündet stets in Urteile, Sie tragen immer die Folgen für Ihr Handeln“, appellierte Richterin Neuschl an Viktor G., er solle sein „Lebensproblem“ in den Griff kriegen.