Im Interview - Einsatzleiterin Maria Meyer über die Situation bei der Nachbarschaftshilfe / Stimmung bei Helfern und Betreuten ist unterschiedlich So sieht die Situation bei der Nachbarschaftshilfe aus

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Marco Montalbano
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Sozialpädagogin Maria Meyer leitet vom Homeoffice aus die Einsätze der ehrenamtlichen Helfer, sie geht aber auch regelmäßig zu den Betreuten. © Montalbano

Oftersheim. Pandemiezeit bedeutet, dass Kontakte vermieden werden. So fallen nicht nur Umarmungen weg, sondern auch Besuche. Dies trifft in besonderem Maße ältere Mitbürger hart, denn viele sind nicht nur auf Hilfe angewiesen, sondern auch einsam. Die inzwischen 58 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Nachbarschaftshilfe besuchen, helfen, schauen „nach dem Rechten“ und kümmern sich um die, denen es schlecht geht, vielleicht weil die Kinder weit weg wohnen, weil Demenz voranschreitet oder damit man, so ein Wunsch vieler, solange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben kann, wie es geht.

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Doch wie läuft eine Tätigkeit unter den aktuellen Bedingungen ab, die so viel mehr ist, als rein praktische Hilfe, sondern auch Trost und Nähe spendet? Wir trafen die Sozialpädagogin Maria Meyer zum Gespräch. Sie hat zunächst als Helferin bei der Nachbarschaftshilfe angefangen und koordiniert seit langer Zeit als Einsatzleitung die Betreuung.

Die Betreuung und Hilfestellung für ältere Mitbürger war schon immer wichtig, aber heute noch mehr. Wie läuft es aktuell bei der Nachbarschaftshilfe?

Maria Meyer: Die Pandemie geht ja schon eine ganze Weile. Zu Beginn war es etwas schwierig, aber jetzt läuft es gut. Ich habe mich sehr gefreut, als die erste Helferin sagte: „Wenn nicht jetzt, wann ist dann der Zeitpunkt um zu zeigen, was Nachbarschaftshilfe bedeutet?“ Nur zwei haben sich aus Krankheitsbedenken etwas zurückgezogen. Alle anderen sind da für unsere Leute. Das macht mich sehr stolz. Wir machen weiter, aber mit Vorsicht.

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Wie sieht das genau aus?

Meyer: Die Kontakte werden kurz gehalten, da kann man eben nicht drei Stunden gemeinsam Kaffee trinken. Ansprache muss aber unbedingt da sein. Telefonisch wird das mit zunehmendem Alter immer schwieriger, weil oft die Hälfte oder mehr nicht verstanden wird. Dann lieber ein Gespräch über den Balkon. Eine von uns betreute Dame sagte mir: „Lieber sterbe ich an Corona als an Vereinsamung“ und eine andere: „Ich habe Mannheim im Krieg brennen sehen, das war schlimmer.“ Eine weitere teilte mit: „Wenn Sie heute nicht gekommen wären, hätte ich kein Wort gesprochen.“ Die TSV-Einkaufsaktion für Senioren zum Beispiel war fantastisch. Aber auch wenn der Einkauf direkt vor der Tür steht, gibt es einige, die es nicht mehr schaffen, ihn selbst reinzuholen. Das machen dann wir. Das hatte sich übrigens toll ergänzt.

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Nehmen die Senioren das Virus auf die leichte Schulter?

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Meyer: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Menschen sind beziehungsweise waren unvernünftig, besonders während des ersten Lockdowns, andere haben Angst. Aber es findet auch eine Gewöhnung statt und es gibt Verständnis, dass zum Beispiel eine Umarmung gerade nicht möglich ist. Viele der von uns Betreuten sind auch schwermütig, aber wenn bald die Sonne öfter scheint, wird es leichter. Dann kann man auch mit dem Virus besser umgehen. Und viele von uns Betreute sind schon geimpft, ein Teil sogar schon zweimal. Die Bereitschaft zur Impfung ist hoch.

Wie ist die Stimmung unter den Helfern?

Meyer: Wir sind ja auch gesellig, machen Ausflüge, gehen mal essen und feiern unser Jahresabschlussfest. Das macht nicht nur Spaß, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. Das alles war im vergangenen Jahr leider nicht möglich, was uns traurig macht. Ich habe jetzt allen einen Brief geschrieben, dass wir das nachholen. Ich sehe positiv in die Zukunft. Der Mensch braucht immer Perspektiven. Ohne geht es nicht und ohne positive Einstellung braucht man eine Aufgabe wie diese gar nicht erst anzufangen. Oft betreuen wir Menschen bis zum Tod. Wenn wir dann zur Beerdigung gehen, ist das immer sehr bewegend. Es entsteht ja auch eine Bindung. Wenn der Mensch friedvoll und in Würde - und vor allem nicht einsam - gegangen ist, haben wir, so traurig das in dem Moment ist, vorher gute Betreuungsarbeit geleistet.

Wie gelingt es Ihnen und allen Helferinnen und Helfern, so positiv zu bleiben?

Meyer: Viele von uns schauen inzwischen nur noch einmal die Nachrichten am Tag, da es sonst zu deprimierend wäre. Man sollte immer sehen, was möglich ist und nicht, was alles nicht geht. Und dann rausgehen an die frische Luft, wann immer es geht und sich bewusst machen, dass alles wiederkommen wird, was wir jetzt nicht können. Das sollte man sich unbedingt als Perspektive vor Augen halten.

Eine Grafik mit den aktuellen Corona-Zahlen gibt's hier:

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Freie Autorenschaft Freier Journalist für die Region Rhein-Neckar. Davor Pressereferent bis zum Wechsel auf die „andere Seite“. Studium der Politikwissenschaft. In Vergangenheit lange als Texter für die Wirtschaft tätig. Mitglied der Autorengruppe Literatur Offensive Heidelberg.