Gemeindearchiv - Bücher, Akten und Kurioses sind bald in der Wilhelmstraße zu finden Gemeindearchiv Plankstadt zieht um

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Saskia Grössl
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Plankstadt. Derzeit zieht das Gemeindearchiv um – von den bisher genutzten Räumen im alten evangelischen Pfarrhaus in der Schwetzinger Straße 37 in das ehemalige Sparkassengebäude. Doch warum benötigt eine Gemeinde überhaupt ein Archiv und was ist darin untergebracht? Grundsätzlich könnte man das Archiv als Gedächtnis einer Gemeinde bezeichnen. Dort ist alles versammelt, was auf Dauer aufbewahrt werden soll. Die nüchterne Definition lautet: Ein Archiv ist eine Institution oder Organisationseinheit, in der Archivgut zeitlich unbegrenzt aufbewahrt, benutzbar gemacht und erhalten wird. Das Wort kommt vom lateinischen „archivum“, was Aktenschrank bedeutet und aus dem altgriechischen Wort für Amtsgebäude.

Gemeindearchivar Ulrich Kobelke zeigt die badische Aktenlochung mit Fadenheftung an der linken oberen Ecke der Papiere. © Grössl
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Es gibt öffentliche Archive, etwa von Kommunen, und private, zum Beispiel von Vereinen. Die Benutzung der Bestände eines öffentlichen Archivs für die Auswertung zu persönlichen, rechtlichen oder wissenschaftlichen Zwecken ist für jeden nach Genehmigung eines dafür gestellten Benutzerantrags möglich. Die Nutzung und Sichtung von öffentlichen und privaten Archiven gehört zu den grundlegenden beruflichen Aufgaben des Historikers. Aber daneben gehören auch freie Autoren, Publizisten, Journalisten und Amateurforscher (etwa Heimatforscher) zu den regelmäßigen Nutzern.

Durch die zahlreichen Personenstandsregister, Kirchenbücher und archivierten Einwohnermeldekarteien sind kommunale Archive eine beliebte Anlaufstelle für Genealogen oder Privatpersonen, die Informationen über ihre Vorfahren suchen. Auch zur Klärung von Erbstreitigkeiten wenden sich mit der Erbenermittlung beauftragte Rechtsanwälte oder Unternehmen an Archive, um beglaubigte Urkunden oder andere Dokumente zur Rechtssicherung ihrer Klienten zu erhalten.

Das Plankstadter Gemeindearchiv ist noch relativ jung. Es wurde von Kämmerer und Heimatforscher Eugen Pfaff eingeführt – und zwar ab den 1980er Jahren. Vorher gab es die Registratur, in der alte Akten aufbewahrt wurden, so wie es diese auch heute noch gibt. Akten, die nach gesetzlicher Vorgabe nicht mehr aufbewahrt werden müssen, werden vernichtet. Ist man aber der Ansicht, dass Akten für die Historie einer Gemeinde über alle vorgeschriebenen Aufbewahrungszeiträume hinaus wichtig sind, dann müssen diese aus der Registratur ins Archiv verbracht werden, um dort eben für unbestimmte Zeit oder „ewig“ zu verbleiben. In Plankstadt werden im Archiv also Akten verwahrt, die für die langfristige Aufbewahrung für würdig befunden wurden – was nicht heißt, dass sich diese Einschätzung auch mal im Laufe der Zeit ändern könnte und sie dann doch noch vernichtet werden.

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Die normalen Akten bestehen aus Aktenblättern zwischen Aktendeckeln, die dann unter bestimmten Nummern in Pappkartons gelagert werden. An dieser Stelle kommt das Herzstück des Archivs ins Spiel: das sogenannte Findbuch. Denn die Akten werden unter ihrer vergebenen Nummer dort eingetragen, damit man sie später unter einem ebenfalls zu vergebenden Stichwort wiederfindet. Ein „Stichwortpfad“ konnte dann zum Beispiel so lauten: „Straßen und Plätze“ – „Neuanlage von Straßen“ – „Scipiostraße“.

Badische Aktenlochung

Bei den Akten gab es in Baden übrigens eine besondere Aktenlochung. Am oberen linken Rand wurden zwei Löcher in die Papiere gestanzt und sie mit einem Faden feinsäuberlich samt Schleife zusammengebunden. Die Akten wurden dann liegend aufbewahrt.

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Neben den Einzelakten gibt es die Bücher, in die früher viel handschriftlich eingetragen wurde und die auch aufzubewahren sind Für die heutigen Nutzer ergibt sich die Schwierigkeit, dass die meisten die damals verwendete Schrift gar nicht mehr lesen können – also die deutsche Schrift oder die Sütterlin-Schrift. Und obwohl die Menschen früher meist eine bessere Handschrift hatten als wir heute, hatte doch wieder jeder seine handschriftlichen Besonderheiten, die es zu erkennen gilt. Zu Büchern wurden bis zur Einführung der papierlosen Verwaltung auch die Protokolle der Gemeinderatssitzungen gebunden, denn es ist klar, dass diese unbegrenzt lange aufzubewahren sind. Dies gilt auch für die Rechnungsbücher, die Standesbücher (Geburten, Eheschließungen, Sterbefälle) und die Grundbücher, die über alle Grundstücke und deren Veränderungen auf der Gemarkung der Gemeinde Auskunft geben. Bei Wahlen werden alle Unterlagen bis zu den Stimmzetteln des einzelnen Wählers bis zur nächsten Wahl dieser Art aufbewahrt. Neben diesen ganzen vorgeschriebenen Aufbewahrungen gehören ins Archiv auch Veröffentlichungen über die Gemeinde, von Bürgerinnen und Bürgern oder auch regional relevante Literatur.

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Die Bücher in ihren Regalen muten altertümlich an. Das älteste Buch des Plankstadter Gemeindearchivs ist ein Lagerbuch aus dem Jahr 1743. Darin ist die Lage der einzelnen Grundstücke beschrieben, die zur Gemarkung Plankstadt gehören. Meist ist auch noch der Besitzer verzeichnet.

Aber nicht nur „staubtrockene“ Schriften finden sich im Archiv. Tatsächlich kann es auch einmal kurioser werden. So gibt es auch eine Nasenringzange, um Bullen den Nasenring einzuziehen, ohne den sie häufig nicht zu bändigen waren. Da wird deutlich, welche Rolle die Land- und Viehwirtschaft für Plankstadt eingenommen hat.

Der Gemeindearchivar Ulrich Kobelke hält es wie sein Vorgänger Eugen Pfaff, der mal gesagt haben soll: „In ä Arschiv därf ned blouß ebbes nei – do muss ab unn zu oa ebbes rauskumme.“ Deshalb verfasst er Texte über die Lebensweise von früher, die über die reinen historischen Fakten hinausgehen. „Denn was nicht in Akten steht, muss man aufschreiben, sonst geht es verloren“, erklärt Kobelke. Er möchte, dass diese Dinge nicht in Vergessenheit geraten. Dabei hilft sicherlich auch die Digitalisierung der Schriftstücke und vor allem der alten Fotos, bei der ihn sein designierter Nachfolger Andreas Moosbrugger unterstützt. Die Arbeit geht weiter, wenn die Archivstücke mit viel Vorsicht in ihr neues Domizil in der Wilhelmstraße umgezogen sind.

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Redaktion Redakteurin, zuständig für Plankstadt