Eppelheim

Krisen sind auch Bewährungszeiten für den Glauben

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Die Corona-Pandemie hatte in den vergangenen zwölf Monaten weitreichende Auswirkungen auf das Leben auf der ganzen Welt. Sie brachte Krankheit, Leid und Tod, sorgte für Verunsicherung und Angst in der Bevölkerung. Die Menschen suchen in solchen Ausnahmesituationen vermehrt Halt und Zuspruch. Kann Glaube helfen, Krisen besser zu bewältigen? Welche Antworten findet man in der Bibel oder im Koran auf Herausforderungen wie die Corona-Pandemie?
© Sabine Geschwill

Eppelheim. Diese Fragen stellten wir Pfarrerin Cristina Blázquez von der evangelischen Kirchengemeinde, Gemeindevorsteher Steffen Ambiel von der neuapostolischen Kirche, Pastoralreferentin Judith Schmitt-Helfferich von der katholischen Stadtkirche und Wadjih Uddin Chaudry, Imam und Theologe der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde.

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Pfarrerin Cristina Blázquez: „Die Frage, ob der Glaube hilft, Krisen besser zu bewältigen, kann ich mit einem eindeutigen Ja beantworten. Ich spüre in der gegenwärtigen Krise, dass es den Menschen guttut, gemeinsam Gottesdienste zu feiern und uns dabei Gott zuzuwenden. Krisen gehören zum Leben - privat und gesellschaftlich - und bisher gab es aus jeder Krise einen Ausweg. In der Bibel findet man nicht unmittelbar Antworten auf Herausforderungen wie die Corona-Pandemie, sondern eher Hilfen und Erfahrungen, die zeigen, dass Gott die Menschen nicht im Stich lässt. Da fällt mir insbesondere die Geschichte aus dem ersten Teil der Bibel ein: die Rettung des Volkes Israel aus Unrecht und Unterdrückung in Ägypten. Ich verlasse mich in dieser Krise darauf, dass Gott da ist und uns beistehen wird. Aber Gott handelt manchmal anders, als wir es erwarten.

Was wir sicher gerne hätten, sind Rezepte für die unterschiedlichen Krisensituationen, in die wir geraten können. Dafür gibt es aber eine sehr grundsätzliche Haltung, zu der im christlichen Glauben aufgefordert wird: Das ist Demut. Demut ist das Anerkennen der eigenen Grenzen und Fehlbarkeit sowie das Wissen, nicht alles selbst machen zu können und zu müssen. Dass Menschen sich in dieser Krise aus eigener Initiative an uns Pfarrer wenden, kommt nach meiner Wahrnehmung nicht viel häufiger vor als zuvor, obwohl ein großer Hunger nach Zuspruch, Gesprächen und Zeichen der Verbundenheit zu spüren sind. Zuversicht ist hier ein wichtiges Wort, mehr noch als Hoffnung. Beten ist dabei ein gutes Mittel, mir zu vergegenwärtigen, dass ich in Gott ein Gegenüber habe, das mich versteht und mit mir durch diese Krise geht.

Gemeindevorsteher Steffen Ambiel: „Glaube gibt Perspektive über das Aktuelle hinaus und Hoffnung in die Allmacht Gottes und in eine ewige Zukunft bei Gott. Das relativiert vieles und gibt Kraft und Ausdauer. Als das Volk Israel vorm Roten Meer stand und hinter ihm die kampfbereite Armee des Pharaos, da schien die Situation absolut ausweglos. Gott hat daraufhin einen Weg gezeigt und geschaffen, der vorher nicht sichtbar war. Er hilft immer - spätestens rechtzeitig. Wir können uns im kindlichen Vertrauen in die liebende Hand Gottes fallen lassen wie König David: ‚Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.’ Harren meint hier ein in Gebet und Glauben aktives und zuversichtliches Warten auf die Hilfe Gottes.

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In dieser Krisenzeit gibt es zahlenmäßig nicht mehr Seelsorgeanfragen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir alle den Gottesdienst intensiver erleben. Viele Gemeindemitglieder nutzen auch dankbar das Angebot, die Gottesdienste über Livestream mitzufeiern. Um Menschen Mut zu machen, richten wir den Blick auf Erfahrungen aus biblischen Begebenheiten und persönlichem Erleben und verweisen auf die Unsterblichkeit der Seele. Die Liebe, Gnade sowie das Heilsangebot Gottes gehen über den Tod hinaus. ‚Christus - unsere Zukunft!’ ist nicht umsonst das Jahresmotto 2021 der Neuapostolischen Kirche International.“

Pastoralreferentin Judith Schmitt-Helfferich: „Ich glaube schon, dass es hilft, sich an Gott festzumachen - in Krisen, aber auch sonst. Krisen führen uns vor Augen, dass wir sterblich und verletzlich sind und nicht alles unter Kontrolle haben. Das wirft existenzielle Fragen auf, mit denen Menschen unterschiedlich umgehen. Die Bibel ist krisenerfahren. Man könnte sogar sagen, Krisen haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Bücher der Bibel geschrieben wurden. Daher bin ich überzeugt, dass man in den biblischen Texten auch Antworten auf unsere heutige Situation finden kann. So viele Stellen könnte man nennen: Noah eingeschlossen in der Arche, das Volk Israel während der 40 Jahre in der Wüste, Elija am Horeb bis hin zu den Jüngern nach dem Tod Jesu. Herausgreifen möchte ich die Propheten zur Zeit des babylonischen Exils, weil sie eine ganz zentrale Rolle in der Krisenbewältigung einnehmen: Sie denken nach vorn, verbreiten Visionen eines Neuanfangs und damit Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

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Krisen sind Bewährungszeiten für den Glauben. Aber keine Tests, die Gott sich ausdenkt, um uns zu prüfen, sondern als Zeiten, in denen es darauf ankommt, weiterhin auf der Suche nach Gott zu bleiben. Not lehrt nicht automatisch zu beten und macht Menschen nicht frommer. Ich denke, dass in diesen Zeiten Zeichen der Solidarität entscheidend sind, um Menschen spüren zu lassen, dass sie nicht allein, sondern mit anderen verbunden sind. Christlich gesehen ist das Kreuz das Zeichen der Solidarität. Jesus kennt unser menschliches Leid. Deshalb ist das Kreuz der richtige Ort, um Gott alles zu sagen: Alle Klage, alle Trauer, aber auch alle Hoffnung, die am Ende steht. Wenn Jesus an Ostern von den Toten auferweckt wird, dann wird das Kreuz zum Symbol der Rettung und der Erlösung.“

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Imam Wadjih Uddin Chaudry: „Ja, ganz klar, der Glaube hilft auf jeden Fall, Krisen besser zu bewältigen. Viele Völker wurden durch Glauben und Gebete gerettet. Der Glaube gibt Menschen Kraft. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er zu Gott finden und ihm nahe sein möchte. Man versucht in Krisen, irgendwo Halt zu finden. Viele wenden sich verstärkt der Religion zu. Es ist in solchen Situationen wichtig, für die Menschen da zu sein, ihnen zuzuhören, ihre Ängste anzuhören, ihnen Mut zu machen und ihnen die Hoffnung zu geben, dass nach jeder Nacht ein neuer Tag anbricht.

Wir als Religionsgemeinde glauben daran, dass Gott unsere Gebete erhört. Unsere Religion lehrt uns Gerechtigkeit, einander zu helfen und die Rechte unserer Mitmenschen zu achten. Wenn wir gemeinsam durch solche Krisen gehen, ist es für jeden Einzelnen viel leichter. Ich bin mir sicher, dass dies nicht die letzte Pandemie oder Herausforderung für uns war. Es gibt auch andere Krisen wie den Klimawandel, die wir noch bewältigen müssen. Das geht aber nur, wenn wir uns zusammensetzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Gott möchte uns mit Pandemien oder Krisen nicht bestrafen. Aber solche Situationen dienen dazu, dass wir wieder zurück zu unserem Schöpfer finden und als Volk zusammenhalten und gemeinsam Herausforderungen bewältigen. Wenn in einem Land die Pest oder ein Virus ausgebrochen ist, sollte keiner das Land verlassen. Umgekehrt sollte man auch nicht dieses Land betreten. Jeder sollte von vornherein darauf achten, durch sein Verhalten die Pandemie einzudämmen. Wenn sich jeder daran halten würde, hätten wir das Coronavirus schneller besiegt. Wenn wir alle mitanpacken und uns an die Beschlüsse des Staates halten, können wir schneller die Pandemie bewältigen und wieder Hoffnung in unseren Herzen spüren.“