Blick in die Historie - Bierzeltfeste haben in der Gemeinde ein lange Tradition / Engagierte Vereinsmitglieder halfen beim Auf- und Abbau / Hygiene-Bedingungen wurden nicht ganz so streng genommen Preis beim „Wurst-Schnappen“ war eine Servela

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Ulrich Kobelke
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Bei großen Festabend zum 100-jährigen Bestehen der TSG am 16. Juni 1990 war das Zelt voll besetzt. © Gemeindearchiv

Plankstadt. Wenn wir heute von Bierzelten oder Festzelten sprechen, fällt uns wahrscheinlich sofort das Oktoberfest in München, der Cannstatter Wasen, das Ketscher Backfischfest oder der Schriesheimer Mathaisemarkt ein. Das war in früheren Zeiten ganz anders: Wenn ein Verein im Ort ein Jubiläum feierte, gehörten ein Festbankett, ein Festzug, ein großes Festzelt und mehrtägige Feiern mit buntem Programm meist von Freitag- bis Montagabend einfach dazu.

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In Plankstadt werden sich viele noch an die 1200-Jahr-Feier der Gemeinde im Jahr 1971 erinnern oder auch an Feuerwehr-, Sportverein- oder Gesangvereinsjubiläen. Zu solchen Gelegenheiten war neben einem Vergnügungspark für die jüngere Generation meist auch ein großes Festzelt am verlängerten Waldpfad aufgebaut, vorzugsweise auf dem heutigen Bolzplatz.

Die meisten dieser Feste haben am Freitagabend mit einem Festbankett im Zelt begonnen. Dabei wurden offizielle Reden gehalten, unvermeidliche Ehrungen vorgenommen und Gratulationswünsche der anwesenden Politprominenz aus Gemeinde und Kreis sowie befreundeter und benachbarter Vereine überbracht.

Zur musikalischen Unterhaltung trugen die Feuerwehrkapelle, der Musikverein und in späteren Jahren der Fanfarenzug bei. Handelte es sich um Feste der Gesangvereine, war die Darbietung des entsprechenden Liedgutes vom Jubelverein und anderer anwesender Sangesfreunde – auch im freundschaftlichen Wettstreit – angesagt. Bei Festen von Sportvereinen gab es turnerische oder tänzerische Darbietungen auf der Festzeltbühne. Dieses Programm wurde überwiegend an den Samstag- und Sonntagabenden geboten. Die Musikkapellen des Ortes waren stets gefragt und quasi im Dauereinsatz, falls nicht zusätzlich befreundete Kapellen aus der Umgebung einsprangen.

Musikalischer Weckruf

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Der Sonntagmorgen begann zumeist mit einem musikalischen Weckruf durch die Feuerwehrkapelle oder dem gastgebenden Verein. Dazu sammelten sich die Akteure ab 6 Uhr an Straßenecken in der Gemeinde und erfreuten die Bewohner mit ihren Darbietungen. Man stelle sich das in heutiger Zeit vor: Eine Blaskapelle würde frühmorgens an verschiedenen Stellen im Ort aufspielen, wo schon wegen der Kirchenglocken die Gerichte bemüht werden. Oft stand ein Kirchgang auf dem Programm, der meist freiwillig war.

Nach dem Frühschoppen im Festzelt und dem Mittagessen stellte sich der Festzug auf, der häufig vom Reiterverein angeführt wurde. Die Häuser am Festzugweg waren mit Laub („das G’sträuch“) geschmückt, das am Vortag von den Festvereinsmitgliedern aus dem Wald geholt und verteilt wurde. Fahnen und „G’sträuch“ schmückten die Häuser: Die meisten Hausbesitzer verfügten über eine eigene Fahne, häufig in den Nationalfarben oder aber auch in den Kirchenfarben Gelb-Weiß, Blau-Weiß oder Rot-Weiß. Jeder hängte die Fahne raus, die er hatte.

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Den schmucken Reitern – früher machte Plankstadt mit seinem Reiterverein dem überlieferten Spruch „Mer hewwe Gail“ noch alle Ehre – mit schwarzen Stiefeln, weißen Hosen, roten Jacken und schwarzen Mützen sowie der dunkelroten Standarte folgten die teilnehmenden Vereine und die Musikkapellen. Damit man wusste, wer marschierte, gab es die „Täfelesbuben“, die eine Tafel mit Zugnummer und dem Namen des betreffenden Vereins vorantrugen. Die Jungen wurden aus der Ortsjugend rekrutiert und bekamen dafür ein kleines Taschengeld oder im Festzelt einen Imbiss spendiert. Dieser Dienst war sehr begehrt. Es konnte schon mal zu Streitereien kommen, wer nun eine Tafel tragen durfte.

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Am Schluss des Festzuges marschierte der Jubelverein mit all seinen Honoratioren und den Ehrendamen. Selbstverständlich führten alle Vereine auch ihre prächtig bestickten Vereinsfahnen mit. Nach dem Festzug, der immer am Festplatz endete, trafen sich alle im Zelt; die Vereine erfreuten die Besucher oft mit ihren Darbietungen. Dies setzte sich dann am Abend fort.

Am Montagabend war in der Regel ein Unterhaltungsprogramm geboten, bei dem auch auswärtige Künstler – je nach Finanzlage des Vereins – engagiert wurden. Im Programm war dann zu lesen: „Bunter Abend mit bekannten Künstlern aus Funk und Fernsehen“. Absolute Promis konnten dabei wegen der Gagen natürlich meist nicht aufgeboten werden; eine Ausnahme bildete der „Bunte Abend“ bei der 1200-Jahr-Feier, bei dem unter anderem Roberto Blanco, Heino oder das Medium-Terzett auftraten. Bei einem anderen Vereinsjubiläum, das allerdings nicht im Zelt, sondern schon in der Mehrzweckhalle stattfand, trat das Schlagerduo Cindy und Bert auf.

Kinderbelustigung am Montag

Am Montagnachmittag war Kinderbelustigung angesagt. Und die war ohne „Wurst-Schnappen“ nicht denkbar. Es ist oft nicht mehr erinnerlich, was sonst noch an allerlei lustigen Programmpunkten angeboten wurde, an das „Wurst-Schnappen“ erinnern sich noch viele, war es doch nicht nur eine Belustigung für die Jugend – dem Sieger winkte als Preis eine Servela. Die Spielregel war einfach: Ein Vereinsmitglied stand auf der Bühne und hatte eine Wurst an eine Art Angel gebunden.

Diese schwenkte er über der vielköpfigen Menge von Kindern und Jugendlichen hin und her. Die wogende Menge musste nun versuchen, die Wurst zu ergattern, indem sie durch sportliche Sprünge nur mit dem Mund nach der Wurst schnappte. Klar, dass hochgewachsene oder sportliche Teilnehmer sich da einen Vorteil versprachen.

Aber der Mann mit der Angel verstand es, die Wurst immer wieder im letzten Augenblick vom Mund eines vermeintlichen Siegers wegzuziehen und durch Schwenken die Position der Wurst zu wechseln. Irgendwann aber ergatterte jemand das gute Stück – schließlich sollten ja alle bei Laune gehalten werden – und das Spiel konnte von vorne beginnen. Da es nur um eine Servela ging, konnte die Belustigung auch öfter wiederholt werden und es gab immer welche, die sich um die Wurst stritten und rissen, denn es war auch klar: Sehr zimperlich durfte man in der wogenden Menge vor der Bühne nicht sein, schließlich waren alle Konkurrenten!

Eine weitere Attraktion gab es im Hof des katholischen Jugendheims bei Festen wie dem jährlichen Basar oder beim Pfarrfest an Fronleichnam: Dort war ein hoher Kletterbaum aufgestellt, der glatt geschält war und der bis zur Spitze erklommen werden musste, wo dann eine kleine Glocke als Beweis, dass man oben war, angeschlagen wurde. Auch hier winkte dem erfolgreichen Jungmann eine kleine Belohnung, möglicherweise eine Servela-Wurst.

Ob man heute noch mit derartigen Spielen Kinder und Jugendliche locken könnte, mag mal dahingestellt und der Fantasie des Lesers vorbehalten bleiben. Jedenfalls waren gerade in den ersten Jahren nach dem Krieg die Aktionen für Kinder und Jugendliche anderer Natur als heutzutage. Und genügsam hatte man auch zu sein, denn Geld war bei den meisten Familien knapp – der „Kerwekreuzer“ der Großeltern oder von Onkel und Tante hatte da noch einen ganz anderen Stellenwert.

Der Großvater des Verfassers berichtete noch von einer Familie, bei der der Vater mit seinen Kindern an die Ecke Friedrichstraße/Luisenstraße kam und den Kindern von dort aus die „Reitschul“ auf dem Messplatz am Rathaus zeigte – der optische Eindruck der Kerwe von Weitem musste genügen, hingehen und die Fahrgeschäfte zu nutzen, war offenbar finanziell nicht drin. Doch zurück zu den Festen mit Festzelt: Neben der allgemeinen logistischen Vorbereitung eines solchen Festes bei Vorstand und Festausschuss waren vor allem die ehrenamtlichen Helfer gefragt, die sich sowohl um den Aufbau des Zelts als auch um den reibungslosen Ablauf des gesamten Festbetriebs bis hin zu den Aufräum- und Abbauarbeiten kümmerten. Für viele Vereinsmitglieder war diese Mitarbeit Ehrensache und viele Stunden der früher knapp bemessenen Freizeit wurden hier wie auch bei anderen Gelegenheiten im Jahr für den Verein geopfert – bis hin zu extra Urlaubstagen.

Diese engagierten Menschen sind entweder längst verstorben oder haben ein Alter erreicht, bei dem diese Hilfen für „ihren“ Verein kaum noch möglich sind. Die jüngeren Generationen, soweit in den Vereinen überhaupt vorhanden, haben heute eine andere Denkweise, was Freizeitverhalten und Einsatzbereitschaft anbelangt.

Unüberschaubares Angebot

Aber auch die Bevölkerung ist nicht mehr ohne Weiteres in die Festzelte zu locken. Besonders, wenn sie keine direkte Beziehung zum feiernden Verein haben. Das Angebot für alle ist praktisch unüberschaubar geworden und die übrige Familie ist auch nicht mehr immer bereit, ihre Freizeit dem Vereinsleben unterzuordnen.

Werfen wir daher einmal einen Blick auf die Attraktionen, die den Menschen bei größeren Bierzeltfesten gemacht wurde. Wie der Name schon sagt, war das Bierzelt der Ort, in dem man sich traf, um in gemütlicher Runde, oft von Blasmusik unterhalten, ein paar feuchtfröhliche Stunden im Kreise Gleichgesinnter bei einigen Krügen Bier zu verbringen. Um auch etwas im Magen zu haben, gab es üblicherweise Servela und Weck, allenfalls noch belegte Brötchen mit Hering- oder Lachsersatz. Damit endete zumindest in der Zeit nach dem Krieg das kulinarische Angebot.

An Getränken gab es neben Bier direkt vom Fass noch eine oder zwei Sorten Wein und alkoholfreie Getränke wie Bluna, Libella, Fanta, Mineralwasser, Coca Cola, Pepsi Cola (die beiden letzteren sicher erst nach dem Krieg aus den USA zu uns gekommen und oft verpönt wegen vermeintlicher Gesundheitsschädlichkeit) oder wie sie alle hießen. Papp- oder Plastikbecher waren noch nicht erfunden, der Bierkrug, das Glas und der Strohhalm waren üblich.

Wer erinnert sich nicht an die damalige Reinigung der Bierkrüge? In einer Brenk (Zinkwanne) mit kaltem Wasser wurden die Krüge kurz ausgeschwenkt und aus dem Fass neu gefüllt, später kamen einfache Bierkrug-Waschgeräte mit feststehenden Bürsten hinzu. Es gab keinen Wirtschaftskontrolldienst, der heute peinlich genau auf die Einhaltung vieler Regeln und Vorschriften pocht und dadurch den Vereinen die Durchführung ähnlicher Feste wie früher nahezu unmöglich macht – natürlich auch zu Recht, wenn man sich an manche unappetitlichen Geschichten aus früheren Festzeltbetrieben erinnert. Aber – und auch das ist eine Binsenweisheit: Krankheiten aus Mangel an hygienischen Maßnahmen sind eigentlich nicht erinnerlich und gestorben ist daran erst recht niemand.

Apropos Hygiene: Wo viel getrunken wird, muss auch die Entsorgung bedacht sein: Meist war hinter dem Festzelt ein kleiner Bereich mit Laubzweigen abgesteckt, dahinter verbarg sich vor einem senkrecht aufgestellten Blech eine aus einem Stück Dachkandel gefertigte Rinne in gefälliger Höhe, die schräg irgendwo in einem ausgehobenen Loch oder, wenn es sich zufällig ergab, in einem Gully endete – das perfekte Pissoir.

Es war schon ein gewaltiger Fortschritt, als am heutigen Festplatz für diesen Zweck die Toilettenanlage errichtet wurde. Für größere Geschäfte oder für die weiblichen Besucher gab es höchstens ein Bretterhäuschen mit Herz, das mit fortschreitender Festdauer auch oft nicht mehr in ausreichender Weise den gängigen Sauberkeitsvorstellungen standhalten konnte. Unnötig zu sagen, dass viele männliche Festzeltbesucher, besonders bei Dunkelheit, ihre Notdurft überall rings um das Festzelt verrichteten.

Nachtwache für die Vorräte

Über die Festzeit wurden das Festzelt und die darin gelagerten Vorräte von den eingeteilten Nachtwachen gut bewacht, auch dafür stellten sich ehrenamtliche Helfer zur Verfügung. Am Morgen gab es dafür dann auch ein Frühstück als Belohnung.

Landauf, landab waren Bierzeltfeste auch immer ein Ort für Auseinandersetzungen, besonders natürlich dann, wenn infolge hohen Alkoholgenusses die eigenen Kräfte überschätzt wurden. Auch das war normal und aktenkundig ist darüber in Plankstadt nichts geworden.

Wellen bis zur Zeitung mit den vier großen Buchstaben schlug allerdings 1996 beim 100-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Plankstadt eine zum Glück nur verbale Auseinandersetzung zwischen einem Bürgermeister aus einem Nachbarort und einem Plankstädter Gemeinderat. Als die Musikkapelle im Festzelt gekonnt den Großen Zapfenstreich zu Gehör brachte, empörte sich der Bürgermeister-Gast, dass der betreffende Gemeinderat sich nicht zur Nationalhymne erhob und kräftig mitsang. Der konterte und unterstellte dem Schultheiß einen allzu starken Bierzuspruch – die Zeitungen griffen diese Kontroverse natürlich gerne auf und auch die Boulevard-Zeitung berichtete darüber.