Zeitzeuge - Der waschechte „Plänkschter“ Waldemar Huckele (95) erzählt, wie es einst in der Gemeinde zuging und woher er seinen Spitznamen „Sohn vom Kegel“ hat Wie der Wirt Gäste vom Pumpen abhielt

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Catharina Zelt
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Waldemar Huckele hat zum 95. Geburtstag ein Geschenk der Gemeinde bekommen. © Zeuner/Gemeinde

Plankstadt. Waldemar Huckele ist ein echter „Plänkschter“. Seit 95 Jahren lebt er in der Gemeinde und erinnert sich noch gut daran, wie es früher dort zuging. Im Mai 1925 ist er geboren und im Waldpfad aufgewachsen. 1932 wurde er eingeschult und besuchte von da an die Volksschule – die heutige Friedrichsschule. „So viele Einwohner wie heute hatte Plankstadt damals noch nicht“, weiß Huckele. Er sei gerne in die Schule gegangen.

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Später wechselte er nach Schwetzingen in die Oberrealschule für Jungen. Eine reine Jungenschule war es aber trotz des Namens nicht: „In meiner Klasse gab es schon Koedukation – rund ein Drittel der Schüler waren Mädchen.“

Als „Plänktscher“ in Schwetzingen auf die Schule zu gehen, war damals allerdings eher unüblich. Viele der Jungen und Mädchen ab 15 Jahren haben direkt eine Ausbildung gemacht – einige seien zur Bundesbahn gegangen, andere hätten bei einer Traktorenfirma begonnen. Auch die Mädchen haben teilweise einen Beruf gelernt, sind Schneiderin geworden, in die Industrie gegangen oder waren als Sekretärin tätig. „Da hieß es aber auch noch: ,Mädel, such dir einen Mann, dann brauchst du keine Sorgen zu haben’“, erklärt der 95-Jährige, dass die Menschen zu jener Zeit eben anders gedacht haben.

Mit 18 Jahren an die Front

1939 brach dann der Zweite Weltkrieg aus. „Mein älterer Bruder ist 1943 im Alter von gerade mal 33 Jahren im Krieg gefallen. Ich war noch keine 18 Jahre, als ich Soldat geworden bin“, erzählt Huckele. Beinahe vier Jahre war er in russischer Gefangenschaft, Ende 1948 kam er schließlich zurück nach Deutschland.

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„Meine Frau habe ich 1949 kennengelernt, fünf Jahre später haben wir geheiratet – natürlich auch in Plankstadt“, sagt er. Auch seine Ehefrau war eine echte „Plänktschterin“. Damals habe es noch keine Discos gegeben. Gerade die Jugend habe sich deshalb immer sehr gefreut, wenn Lokale Tanzveranstaltungen ausrichteten. Meistens wurde vor allem an Fasnacht und der Kirchweihe zum Tanzen eingeladen.

„Es gab früher noch etliche Lokale – den ,Hirsch’, den ,Adler’, die ,Rose’ und die ,Sonne’. Das waren zumindest die Lokale, die auch einen Tanzsaal hatten. Da hat man sich getroffen; da waren die Jugendlichen und auch die Alten. Wirtschaften gab es auch einige, zum Beispiel den ,Roten Schneider’. Wo heute die Volksbank in Plankstadt ist, da gab es den ,Löwen’. Ich war damals im Kirchenchor und nach dem Chor haben wir uns immer noch im ,Löwen’ getroffen. Da habe ich auch meine Frau kennengelernt“, erinnert er sich.

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„Heute gibt es kaum mehr Wirtschaften. Damals hat beinahe in jeder Straße ein Metzger oder Bäcker seine Waren verkauft und auch Tante-Emma-Läden gab es einige“, weiß Huckele. Der erste Supermarkt, der in Plankstadt eröffnet hat, war der Penny. Da habe der heute 95-Jährige sich schon gewundert. Man konnte plötzlich viele Bananen kaufen – „das haben wir genossen“. Vorher in den Tante-Emma-Läden habe es nur wenige Südfrüchte gegeben. „Im Gegensatz zu heute, wo man bis spät in die Nacht einkaufen kann, war damals – ganz streng, das hat die Polizei auch kontrolliert – um 18 oder 18.30 Uhr zu“, nennt er einen Unterschied. Sonntagmorgens habe seine Mutter ihn oft zum Bäcker geschickt. Huckele musste dafür an das Fenster der Bäckerei klopfen; offiziell geöffnet hatte der Backwarenverkäufer nicht. Streuselkuchen hat Huckele aber trotzdem bekommen. „Riwweleskuchen sagen wir Plänkschter dazu – weil die Streusel gerieben werden“, sagt er und lacht.

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Nach dem Krieg habe er ein Ingenieurstudium in Karlsruhe absolviert und sei danach als Bauingenieur tätig gewesen. Er engagierte sich im Bereich Krankenhausbau, baute und konzipierte verschiedene Krankenhäuser und Kliniken in Heidelberg. Zuerst arbeitete er bei der Orthopädischen Klinik als Ingenieur und kam später ins Neuenheimer Feld. Dort war er zunächst beim Bau der alten Kinderklinik und dann bei der Planung des Krebsforschungszentrums beteiligt.

1970 wechselte er vom Universitätsbauamt in Heidelberg zum Rechnungshof in Karlsruhe. Dort hat Huckele dann gearbeitet, bis er 1988 in Pension gegangen ist.

An vieles erinnert er sich noch gut – zum Beispiel an eine Fahrt nach Berlin zu DDR-Zeiten. „Das war interessant, mit dem Zug durch die DDR zu fahren und plötzlich in Ost-Berlin zu sein. Die Wiedervereinigung war für uns natürlich ein großes Erlebnis. Das kann man gar nicht erzählen, wie wir da Tage und Abende vor dem Fernseher oder dem Radio gesessen und die Nachrichten verfolgt haben. Das werde ich nie vergessen“, erzählt Huckele.

Heute hat er einen Sohn, zwei Töchter, acht Enkel und sogar vier Urenkel. Gerne erzählt er ihnen Geschichten und Anekdoten von früher – zum Beispiel von den Spitznamen, die die „Plänkschter“ sich früher gegenseitig gegeben haben.

„Da gab es den Auto Heider – das war der Erste, der damals in Plankstadt ein Auto hatte oder den Fuchse Bauer. Das war nicht der Herr Treiber oder der Herr Huckele, sondern jeder hatte einen eigenen Rufnamen“, beginnt Huckele zu erzählen. „Mein Vater war der Kegel. Da hat man mich gefragt, ob ich der Sohn vom Kegel bin. Mit dem Kegelspiel hat das aber nicht viel zu tun. Als mein Vater auf die Welt gekommen ist, kam Verwandtschaft von außerhalb zu Besuch. Eine Tante sagte dann zu meiner Mutter: ,Der sieht aus wie die Kägel.’ So ist der Name entstanden und aus Kägel im ,Plänkschterischen’ Kegel geworden. Ich und mein Bruder, wir waren dann die Söhne vom Kegel“, erklärt der 95-Jährige, wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist.

Witzige Szene mit der Polizei

Im Gespräch erzählt Huckele auch von einer witzigen Szene mit der Polizei: „Es gibt in Plankstadt eine Scipiostraße. Dort hat die Polizei mal einen aufgeschnappt. Er ist gestürzt – vielleicht war er auch betrunken. Der eine Polizist hat dann vorgeschlagen, den Mann in die Eisenbahnstraße zu tragen. Der andere wollte wissen warum, worauf der erste Polizist antwortete: ,Na, kannst du Scipiostraße schreiben?’ Dann haben sie ihn tatsächlich von der Scipiostraße in die Eisenbahnstraße getragen, weil die Polizeibeamten nicht wussten, wie man den Straßennamen schreibt.“

„Wo heute das Geschäft der Metzgerei Engelhardt im Waldpfad ist, war früher eine Gastwirtschaft drin. Der Wirt hat dort große Aquarellbilder an die Wand gemalt. Unter anderem malte er hinter seinen Tresen, wo er das Bier ausschenkte, einen Brunnen. Unter der Pumpe stand „loss ma des ä weg“ (Lass mal das sein) – das heißt, man soll bei ihm nicht pumpen, also kein Bier trinken, ohne vorher zu bezahlen. Wenn also jemand zu ihm kam und ein Bier wollte, hat er erst auf das Bild hingewiesen“, sagt der Plankstädter.

Und er hat noch viel mehr zu erzählen – von Pferden, die durchgebrannt sind und durch die Straßen preschen oder dem Murmelspiel „Klickerles“. Gerne erinnert Huckele sich daran, wie im Waldpfad alle abends nach der Arbeit Stühle und Bänke vors Haus gestellt und sich unterhalten haben. Ohne Fernsehen und Radio tauschten die Menschen ihre Nachrichten und den neusten Tratsch auf der Straße aus – und natürlich musste diskutiert werden, wer die besten Dampfnudeln macht. „Das war immer unterschiedlich – es ist eben mal so und so gelungen“, antwortet Huckele mit einem Schmunzeln auf die Frage, wer den kleinen Wettbewerb denn gewonnen hätte.

Volontariat Volontärin der Schwetzinger Zeitung