Aussiedlerhöfe - Drei bäuerliche Betriebe verlassen vor 50 Jahren den Ortsverband Bäuerliche Betriebe verlassen vor 50 Jahren Reilinger Ortsverband

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jd
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Das Wohnhaus der Hofstelle Baumann um das Jahr 1972. Auf der Bank vor dem Wohnhaus ruhen sich die Großeltern Lenchen und Ludwig Baumann aus. © Gemeinde

Reilingen. Der „Herrenbuckel“, mit knapp 117 Metern höchste Erhebung in der Gemeinde, ist nicht nur eine ehemals römisch beeinflusste Lokalität. Der kleine Hügel ist einer von drei Standorten im Außenbereich von Reilingen, an dem sich landwirtschaftliche Betriebe angesiedelt haben. Vor einem halben Jahrhundert waren die bäuerlich geprägten Familien Karl Schell, Ernst Baumann und Günter Krämer die Ersten, die das Wagnis eingingen.

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Sie lösten ihre landwirtschaftlichen Höfe aus dem Ortsverband und verlagerten sie in den Außenbereich. Nur dort sahen sie noch die Möglichkeit, ihre Betriebe zukunftsfähig auszubauen. Seither kennzeichnet die bäuerliche Besiedelungsstelle die Landschaft im Osten der Gemarkung.

Im Besitz der Herren zu Wersau

In der Ortschronik ist nachzulesen, dass der Gewannname „Herrenbuckel“ seit 1885 historisch belegt ist. Über den Ursprung dieser Bezeichnung gibt es nur Annahmen. Möglicherweise ist der Name auf Felder zurückzuführen, die sich ehemals vorwiegend im Besitz der Herren zu „Wersau“ befanden. Denkbar ist aber auch, dass ein nahe vorbei führender Römerweg („Hofweg“/“Röther Weg“) Pate stand und die Begrifflichkeit „Herren“ von „hehr“ (Bedeutung: erhaben, öffentlich, hart oder gepflastert) abgeleitet wurde. Für letztere Ansicht spricht auch der Fund von Resten römischer Grabstellen.

Die Ende der 1960er Jahre möglich gewordene Bebauung des in der Gemeindehistorie nicht unbedeutenden Areals stand in engem Kontext zu einem geplanten Bau der Bundesautobahn A 6 sowie einer dadurch notwendig werdenden Brücke über die Autobahn für die B 39. Die damalige Bundesstraße – seit 2004 die Landesstraße 723 in Richtung Walldorf – sollte zudem künftig einen veränderten Trassenverlauf nehmen.

Von Flurbereinigung profitiert

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Die deshalb notwendig gewordene Flurbereinigung sorgte für eine Korrektur der Gemarkungsgrenze zwischen Walldorf und Reilingen. Dabei wurde der Ackerverlauf im südöstlichen Teil des „Herrenbuckel“, vor der Flurbereinigung im Jahr 1968 noch das „Krumme Gewann“ genannt, der veränderten Gemarkungsgrenze angepasst. Zuvor wechselten die Äcker dreimal die Richtung ihres Verlaufs.

Drei Reilinger landwirtschaftliche Betriebe profitierten von dieser Neuordnung und erhielten die Erlaubnis, ihre Betriebe in der Hauptstraße 16 (Baumann), Hauptstraße 86 (Schell) und Hockenheimer Straße 27 (Krämer) aus dem mit viel Verkehr belasteten Ortsbereich zu verlagern. Sie konnten im Gewann „Herrenbuckel“, zusammengefasst in einem Weiler, eine neue Existenz gründen. Die Aussiedlungsgenehmigung wurde am 7. Februar 1969 durch das Landesamt für Flurbereinigung und Siedlung Baden-Württemberg in Ludwigsburg erteilt. Damit galten der Einteilungsplan, die Baupläne und der vorläufige Finanzierungsplan als genehmigt.

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Das Siedlungsgebiet umfasste etwa 180 Hektar. Die Gestehungskosten wurden damals für die aussiedlungsbereiten Familien Käte und Ernst Baumann, Anna und Karl Schell sowie Sofie und Günter Krämer auf jeweils bis zu 400 000 Deutsche Mark veranschlagt. Verwirklicht werden sollten sogenannte Mehrdachhöfe nach Typenplänen der Badischen Landsiedlung GmbH, einem vom Land, Landkreisen und Städten gegründeten, gemeinnützigen Siedlungsunternehmen. Davon wich lediglich Ernst Baumann ab, der seine Hofpläne von seinem Verwandten, dem Reilinger Architekten F.H. Bender erstellen ließ. Schon Anfang 1970 konnten die mit viel Eigenleistung errichteten Wohn- und Wirtschaftsgebäude fertiggestellt und bezogen werden.

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Von den damaligen Familienvorständen sind heute noch einige am Leben. Inzwischen 90 beziehungsweise 92 Jahre alt wohnen die Eheleute Sofie und Günter Krämer als „Altenteiler“ immer noch auf ihrem Anwesen, unterstützt von Tochter Rita.

Leistungsträger der Gemeinde

Auf bemerkenswerte 88 Lebensjahre kann die verwitwete Käte Baumann, Tochter des früheren Bürgermeisters Fritz Mannherz, zurückblicken. Sie ist im Ort keine Unbekannte. Rund 20 Jahre engagierte sie sich im Gemeinderat und stand über drei Jahrzehnte dem Landfrauenverein vor. Den landwirtschaftlichen Betrieb mit Pferdepension führt aktuell Tochter Ute Geiger, Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft, weiter. Und auch die nächste Generation bereitet sich schon darauf vor, die Familientradition am Herrenbuckel fortzusetzen. Die jüngste Tochter Viktoria konnte im Vorjahr ihre Ausbildung als „Landwirtin“ erfolgreich abschließen.

Der Bauernhof der verstorbenen Eheleute Anna und Karl Schell wird von Landwirtschaftsmeister Peter Schell und seiner Ehefrau Ruth, Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft, geführt. Sie haben den Betrieb im Verlauf der Jahre um eine Edelbrandbrennerei sowie eine Besenwirtschaft mit Ferienwohnungen erweitert. Sohn Jürgen bewirtschaftet als Landwirtschaftsmeister die Ackerflächen. Die Töchter Judith und Anke mit Familie engagieren sich in der Besenwirtschaft.

Peter Schell ist Vorsitzender des Bauernverbandes und bis heute ein politischer Aktivposten in der Gemeinde. Als mit 72 Jahren ältestes Mitglied des Gemeinderates setzt er sich seit mehr als vier Jahrzehnten für die Interessen seiner Heimatgemeinde ein.