Wohnraumangebot

Fokus auf innerörtliche Entwicklung

Bautätigkeit geht wegen Lieferengpässen, Verknappung bei Baustoffen sowie Kapazitätsproblemen der Wirtschaft weiter zurück

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jd
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Auf dem abgeräumten Eckgrundstück in der Speyerer Straße 39 kommt der Rohbau von zwei Doppelhäusern voran. © Gemeinde

Reilingen. Die Erweiterung des Wohnraumangebots ist eine der drängendsten wirtschaftspolitischen Herausforderungen, betont die Gemeinde Reilingen in einer Pressemitteilung. „Jedoch sind die Bedingungen alles andere als förderlich, um für positive Impulse zu sorgen. Steigende Kosten für Baustoffe, Personal und Energie lassen die Finanzierungskosten stark anziehen. In Verbindung mit hohen Inflationsraten sind die Kapitalmarktzinsen und damit auch die Baukredite erheblich angestiegen. Schon seit Längerem bestehen extreme Lieferengpässe und eine Verknappung bei Baustoffen, Kapazitätsprobleme innerhalb der Bauwirtschaft und ein Mangel an Bauflächen.“

Die ökonomische Entwicklung sorge dafür, dass die Bautätigkeit zurückgehe. „Es zeigt sich immer deutlicher, dass sich der Anspruch der Ampelkoalition, pro Jahr 400 000 Wohnungen, davon 100 000 preiswerte Sozialwohnungen zu errichten, gegenwärtig nicht verwirklichen lässt. Branchenkenner gehen davon aus, dass es im vergangenen Jahr allenfalls 280 000 und in diesem Jahr 245 000 Wohnungen sein werden.“

2021 wurden in Deutschland 293 393 Wohnungen fertiggestellt. Dies entspricht gegenüber dem Niveau von 2020 einem Rückgang um 4,2 Prozent, ist aber dennoch der zweithöchste Wert der vergangenen 20 Jahre. Genehmigt wurden dagegen 380 736 Wohnungen.

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In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres 2022 waren es 297 453 Wohnungen, die baurechtlich genehmigt wurden, somit 4,7 Prozent oder 14 564 weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Auch die statistischen Bauwerte in Baden-Württemberg fallen negativ aus. Die Baugenehmigungen addieren sich von Januar bis November 2022 auf 28 655 Gebäude und Baumaßnahmen mit 45 584 Wohnungen, 9 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Abschlusszahlen 2022 stehen auf Landes- wie auch Bundesebene noch aus.

Erschwerte Bedingungen

Weiter angewachsen ist die Kluft zwischen Baugenehmigungs- und Baufertigstellungszahlen. Nach zuletzt im Herbst veröffentlichten statistischen Werten hat sich der Bauüberhang, also die genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen auf mittlerweile knapp 846 500 erhöht. Im Wesentlichen werden dafür lange Bauzeiten und ein strukturell steigender Anteil am Geschosswohnungsbau verantwortlich gemacht. Zudem machen ein unverändert hoher Auslastungsgrad bei bundesweit wie international erhöhter Nachfrage im Baubereich sowie diverse Lieferengpässe zu schaffen.

Auch auf kommunaler Ebene wirken sich die erschwerten Bedingungen hemmend auf das Baugeschehen aus. Die Gesamtzahl der in Reilingen 2022 von privater Seite auf den Weg gebrachten baurechtlichen Verfahren ging zurück. Registriert sind nur noch 34 (Vorjahr 44) gestellte Anträge auf Baugenehmigung, Bauvoranfragen und Befreiungen. 23 (Vorjahr 33) Verfahren wurden abgeschlossen. Ein Bauherr erhielt einen abschlägigen Bescheid.

Die fortgeschriebenen statistischen Werte aus dem Zensus 2011 weisen für Reilingen Ende 2021 ei-nen Bestand von 2228 (Vorjahr 2208) Wohngebäuden mit 3607 (Vorjahr 3565) Wohnungen aus. Das entspricht einer Steigerung von 1,2 Prozent oder 42 Wohneinheiten. Die rechnerische Belegungsdichte liegt seit dem Jahr 2007 unverändert bei 2,2 Einwohnern je Wohnung.

Sechs Jahre nach der Erschließung von neuem Bauland in den Bereichen „Herten II“ und „Am Rathaus“ sind in den Baugebieten kaum noch unbebaute Grundstücke auszumachen, teilt die Gemeinde weiter mit. Für mittlerweile 159 (Vorjahr 148) von 189 Baugrundstücken ist das baurechtliche Verfahren längst abgeschlossen. Daher verlagert sich das Baugeschehen zunehmend in den gewachsenen Ortskern, mit klarer Tendenz hin zu einer effektiveren Nutzung der ohnehin knappen Geländeressourcen. So werden von Bauträgern und Wohnungsbauunternehmen auf mehreren Grundstücken Neubauvorhaben realisiert. In der Speyerer Straße 39, Hockenheimer Straße 78 oder Alten Friedhofstraße 26 sind die Rohbauarbeiten weitgehend abgeschlossen und der Innenausbau in Angriff genommen. Die vier zweigeschossigen Einfamilienhäuser auf dem ehemaligen Lutherhausgelände in der Alten Friedhofstraße sind bezugsfertig. Noch bevorstehen die gravierenden baulichen Eingriffe auf dem Grundstück Hauptstraße 157, wo ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus treten soll.

Perspektivische Planungen

Bei der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft verfestigen sich die Überlegungen, neben einer bevorstehenden Erweiterung des Rewe-Marktes ein weiteres Wohnungsbauprojekt anzugehen. Dazu werden erste perspektivische Planungen für das in Betracht kommende Areal in der Graf-Zeppelin-Straße 18/20 und in zweiter Reihe in der Hockenheimer Straße 59 entwickelt.

„Für uns ist die innerörtliche Nachverdichtung mehr als nur Mittel zum Zweck“, betont Bürgermeister Stefan Weisbrod. Dabei gelte es, die städtebauliche Qualität der gewachsenen, urbanen Räume zu nutzen, Bewohner anzusiedeln, Aufenthaltsqualität anzuheben und wohnklimatischen Verhältnisse zu optimieren. „Brachliegenden Freiräume in unserem Gemeinwesen bieten uns die Chance, einen Verjüngungsprozess in Gang zu setzen und unsere Gemeinde zukunftsfähig zu machen“, so Weisbrod. Eine effiziente Nutzung innerörtlicher Flächen zeuge von einem verantwortungsbewussten Umgang der begrenzten Ressourcen und schone zugleich den Außenbereich. jd