Corona-Pandemie Ärztenetz könnte mit dem Impfen schon bald beginnen

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Jürgen Gruler
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Der 89-jährige Otto Fritze lässt sich gegen Corona impfen. Bald geht das wohl auch beim Hausarzt. © epd

Schwetzingen. Noch sind nicht so viele Covid-19-Impfdosen vorhanden, wie in den Impfzentren verimpft werden könnten. Doch das wird sich in den nächsten Wochen ändern. Um darauf vorbereitet zu sein, arbeitet die Kassenärztliche Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW) bereits daran, die Arztpraxen auf den Impfstart vorzubereiten. Das gab am Dienstag Dr. Johannes Fechner, stellvertretender KVBW-Vorstand, bekannt. „Auch wenn derzeit die Impfstoffe noch nicht in den Mengen geliefert werden, dass alle Impfzentren voll ausgelastet sind, gehen wir doch davon aus, dass sich im März die Lage ändern wird. Wir erwarten dann deutlich mehr Impfdosen der bereits zugelassenen Impfstoffe. Und auch die beiden Impfstoffe, die sich derzeit noch in der Prüfung befinden, werden dann wohl auf den Markt kommen“, so Fechner. „Möglicherweise werden wir dann schneller als erhofft in der komfortablen Situation sein, die vorhandenen Impfdosen nicht mehr allein in Impfzentren verabreichen zu können. Darauf sind wir vorbereitet, unsere niedergelassenen Ärzte in den Praxen stehen bereit.“

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Laut Fechner beraten auf Bundesebene die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und der Bundesverband des Pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO) derzeit ein Organisationsmodell, das die niedergelassenen Ärzte in die Impfkampagne miteinbezieht. „So werden wir in der Lage sein, auch diejenigen Impfstoffe in den Praxen zu verimpfen, die aufgrund ihrer geforderten niedrigen Lagertemperatur etwas schwieriger zu handhaben sind“, sagte Fechner – damit meint er den von Biontech-Pfizer. Fechner verspricht: „Derzeit reden wir in Baden-Württemberg mit allen Beteiligten, insbesondere mit den Landkreisen als Betreiber der Kreisimpfzentren. Sobald ausreichend Impfstoff geliefert wird, werden wir das Konzept schnell in die Tat umsetzen.“

Aber ist, was die Kassenärztliche Vereinigung verspricht, auch realistisch? Und sind die niedergelassenen Ärzte in ihren Praxen auf Corona-Impfungen vorbereitet. Wir haben beim Schwetzinger Ärztenetz nachgefragt. Vorstandsmitglied Dr. Christiane Siefert-Ajtai, die in der Kurfürstenstraße eine hausärztliche Praxis betreibt, gibt uns Auskünfte.

Macht es Sinn, die Hausärzte in die Impfbemühungen einzubeziehen?

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Siefert-Ajtai: Auf jeden Fall. Wir machen das ja jedes Jahr schon bei der Grippeschutzimpfung so, dass wir unsere Patienten rechtzeitig ansprechen und mit ihnen Impftermine vereinbaren. Das ist Routine. In diesem Fall wird sicherlich über die Zeitung ein Aufruf erfolgen, damit sich bestimmte Gruppen bei ihren Hausärzten melden können, die sie dann gegen Covid-19 impfen. Sicherlich wird bei Corona das Aufklärungsgespräch noch etwas ausführlicher erfolgen müssen, weil diese Impfung ja neu ist.

Welche Vorteile hat es, wenn die Hausärzte auch impfen dürfen?

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Siefert-Ajtai: Es wird sicherlich unkomplizierter. Wir Hausärzte haben ja immer auch Patienten, die nicht in die Praxis kommen können und die wir zu Hause besuchen. Dort können wir dann die Impfung beim Hausbesuch gleich miterledigen. Auch die Frage der zweiten Impfung ist für uns eine normale Sache, die wir heute bei der Immunisierung gegen Gürtelrose erfüllen. Bei der ersten Impfung wird einfach gleich der Termin für die zweite gemacht.

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Ein Argument für die Impfzentren war ja immer die schwierige Handhabung des Vakzins von Biontech-Pfizer, das stark gekühlt aufbewahrt werden muss. Kann das die Hausarztpraxis genauso gut gewährleisten?

Siefert-Ajtai: Während es bei der Grippeimpfung so ist, dass man ein bestimmtes Kontingent für die eigene Praxis bestellt, das dann nach und nach verimpft wird, muss hier natürlich genauer geplant und mit den Apothekern oder anderen Stellen, die für die Verteilung zuständig sind, eng zusammengearbeitet werden. Aber inzwischen ist ja klar geworden, dass auch der Biontech-Impfstoff einige Stunden bei Kühlschranktemperaturen aufbewahrt werden kann. Wenn dann die Termine gemacht und eingehalten werden, sollte das kein Problem sein.

Haben Sie schon Corona-Impfstoff benutzt?

Siefert-Ajtai: Da wir auch Covid-19-Abstriche machen, gehört unser Personal zur ersten Prioritätengruppe. Wir haben vor einigen Tagen Impfstoff von Astra Zeneca bekommen und unser Personal geimpft.

Gab’s Nebenwirkungen?

Siefert-Ajtai: Eine Mitarbeiterin hatte ziemlich Kopfschmerzen. Da hat eine Tablette geholfen. Sonst ist alles prima gelaufen. Ich finde es übrigens ganz schlecht, dass Menschen, die einen Termin im Impfzentrum bekommen, einfach nicht hingehen ohne abzusagen. Es sollte jeder froh darüber sein, wenn sich sein Schutz durch eine Impfung, gleich von welchen Hersteller, im Vergleich zu nicht Geimpften so enorm erhöht.

Das bestätigt auch Dr. Hans-Jürgen Scholz, der Vorsitzende des Schwetzinger Ärztenetzes, den wir am Dienstagnachmittag noch erreicht haben. Er erinnert an den Brief, den er zusammen mit zwei anderen Medizinern schon früh an Gesundheitsminister Jens Spahn geschickt hatte und in dem die Impfung in den Praxen eingefordert wurde. Er nennt als Beispiel die Impfung gegen die Schweinegrippe: „Da war es auch so, dass die Fläschchen mehrere Impfungen erlaubten und aufgebraucht werden mussten. Dazu ist es halt notwendig, dass man eine Nachrückerliste in der Praxis verfügbar hat, um reagieren zu können, wenn ein Patient zum Impftermin – aus welchem Grund auch immer – nicht erscheint. Dann bestellt man einen Nachrücker ein und muss nichts wegwerfen. So kommt man am schnellsten zu einer hohen Impfquote in der Bevölkerung“, sagt Dr. Hans-Jürgen Scholz.

Eine Grafik mit den aktuellen Corona-Zahlen gibt's hier

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Chefredaktion Jürgen Gruler ist Chefredakteur der Schwetzinger Zeitung.