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SWR Festspiele

Bruno de Sá beweist in Schwetzingen Talent zur Täuschung

Der international gefeierte Countertenor Bruno de Sá und Flötistin Dorothee Oberlinger  präsentieren sich bei den SWR Festspielen auf hohem Niveau.

Von 
Hans-Günter Fischer
Lesedauer: 
Flötistin Dorothee Oberlinger überzeugt durch hohe Genauigkeit und große Virtuosität die Zuhörer. © SWR/Anna Jenetzky

Wer die Augen schließt und diese Stimme hört, sieht lange, blonde Frauenlocken vor sich. Wer die Augen öffnet, blickt auf dunkle Männerbartstoppeln. Die „Täuschung“ ist perfekt.

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Wer dieses Phänomen zum ersten Mal erlebt, dem kann die Kinnlade herunterfallen. Fasziniertes Kopfschütteln ist jedenfalls das Mindeste, wenn sich Bruno de Sá die Ehre gibt, und das bestätigt sich auch bei den SWR Festspielen im Schloss. Seine Stimme hört sich an, als habe man ihren Besitzer aus dem paradiesischen Arkadien eingeflogen – während er doch eigentlich „nur“ aus Brasilien stammt. Seit ein paar Jahren mischt de Sá die Welt der klassischen Gesangskunst auf, das lässt sich ohne Übertreibung sagen.

Als Berufsbezeichnung gibt er an, ein männlicher Sopran zu sein. Es dauerte, bis das in den Programmheften korrekt vermerkt war, derlei kannte man bis dahin nicht. De Sá gehört nicht zu der stetig wachsenden Berufsgruppe der Counter, denn er hat sich keine androgyne Kunststimme erarbeitet, sondern ein äußerst seltenes Naturgeschenk entdeckt.

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Die Stimme wirkt im Timbre in bis dato kaum gekanntem Ausmaß feminin und dringt problemlos bis in höchste Höhen vor – obwohl de Sá zugleich beteuert, dass er anders klinge als ein weiblicher Sopran. Aber bloß minimal. Und das, was „anders“ ist, drückt keinen Mangel aus. Im Ganzen ist es eine Art gesungene Geschlechtsumwandlung in einem Konzert im Mozartsaal des Schlosses, das um Rom als Kristallisationspunkt der Musik des frühen 18. Jahrhunderts kreist.

Feinste Arbeit des Ensembles

Man könnte noch berichten, dass de Sás Sopran dramatisch werden oder endlos lange Töne halten kann, wobei es obendrauf noch ein Crescendo gibt. Aber man muss endlich Dorothee Oberlinger mit ins Boot nehmen, mit ihrem ganzen Flöten-Arsenal, die es tatsächlich fertigbringt, mit diesem Sänger mitzuhalten. Und auch sie folgt der Ästhetik der Verblüffung, der triumphalen Täuschung, etwa in Bearbeitungen populärer Werke Händels und Marcellos, die bei ihr wie einzig wahre Originale anmuten.

Wer trillert irisierender und schneller: die Flötistin oder der Sopran? Wir werden es wohl nie erfahren, wollen aber noch erwähnen, dass auch das begleitende Ensemble 1700 feinste Arbeit abliefert. Evgeni Sviridov setzt an der ersten Geige inspirierende Impulse. An normalen Abenden wären sie eine eigene Betrachtung wert.

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