Geschichte und Geschichten - Ein Blick auf historische Pandemien / Harte Strafen bei Regelverstößen Carl Theodor macht Grenzen dicht

Von 
Wolfgang Schröck-Schmidt
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Das Coronavirus, wie es uns in den vergangenen Wochen und Monaten begegnete, ist – geschichtlich betrachtet – nicht die einzige Pandemie. Auch die Altvordern plagten sich mit Pandemien.

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Gerade die Pfalz als historisches Durchgangsland wurde oft heimgesucht. Vor den zahlreichen Pestepidemien zu Beginn der Neuzeit flohen die Heidelberger Universitätsangehörigen regelmäßig nach Mosbach, Weinheim oder Alzey. Hier wurde manchmal über Jahre der Vorlesungsbetrieb fortgesetzt.

Die legendäre Pestflucht des Kurfürsten Friedrich IV. im Mai 1596 führte ihn bis nach Amberg. Wenig Interesse hatte er an den zurückgelassenen Untertanen und vermeldete in seinem Tagebuch seine Ritter- und Reiterspiele oft mit dem Kommentar „bin zum Ring gerennet“. Nach seiner Rückkehr aus der Oberpfalz durchzog er den Schwetzinger Hardtwald und logierte mehrfach im Schwetzinger Schloss. Als sein Tagebuch im 19. Jahrhundert ediert wurde, kursierte die berühmte Zeile „bin scheinst wieder voll gewäste“ in Studentenkreisen, die daraus ein berühmtes Trinklied kreierten: Wütend wälzt sich einst im Bette…“

Nicht nur die Pest oder die Blattern (Pocken), an denen Liselotte von der Pfalz lebensgefährlich erkrankte, auch die berüchtigten Durchfallerkrankungen wie die Cholera und die Ruhr grassierten oft in Kriegszeiten. Die Menschen starben an dem Durchfallfieber durch Austrocknung binnen weniger Tage. So erwischte es auch 1794 die Kurfürstin Elisabeth Auguste in Weinheim. Die Ruhr war von französischen Truppen, die Mannheim 1792 angriffen, eingeschleppt worden.

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Lange lebte man in den Friedenszeiten unter dem Kurfürsten Carl Theodor frei von größeren Epidemien am Schwetzinger Hof. Wie groß doch die Angst vor Seuchen gewesen sein muss, belegt ein Edikt des Kurfürsten aus dem Jahre 1770.

Erlass gegen die Pest

Sorgenvolle Momente müssen es gewesen sein, als der Kurfürst Carl Theodor die Sommerzeit in der Residenz in Schwetzingen am 11. Oktober 1770 beendete. Der ganze Hofstaat reiste zurück nach Mannheim. Am gleichen Tag erließ der Kurfürst ein umfangreiches Schreiben gegen die drohende Pest, die in Polen ausgebrochen war und ließ hiermit „fügen zu wissen: Um umfangreichen Schutz der Untertanen zu garantieren werden der Pest halber verbottener Wege für alle Fremde bey schwerster Leibes und Geldstraffe“ geschlossen. Die nicht befestigen Grenzen der Pfalz wurden mit Stecken markiert, an denen eine schwarze Pestfahne angebracht wurde.

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Wer ungeachtet dessen in die Pfalz einreist, wird, sofern er von Stand ist, mit 25 Reichstaler und wer von geringer Herkunft ist mit 25 Prügeln belegt und über die Hauptstraße zurückgeführt. An der Landesgrenze wird dem Übeltäter mit Nadeln in den rechten Oberarm ein Kreuz geritzt und mit Pulver ausgebrannt. Sollte jemand nochmals in der Pfalz aufgegriffen werden, droht ihm die Todesstrafe. Das mitgeführte Hab und Gut soll ungeachtet des Wertes sofort verbrannt werden.

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Man wusste, dass es der Epidemie kaum etwas entgegenzusetzen gab. So durfte nur noch derjenige einreisen, der sich mit einem Pass legitimieren konnte. Er hatte sich dann unmittelbar an der Grenze mitsamt seiner Ware für 42 Tage in Quarantäne zu geben. Die Wachen durften sich ihm nur bis 20 Schritte nähern. Bei Flucht aus der Quarantäne sollte sofort das Feuer eröffnet und die Gefangenen dem Strang zugeführt werden. Die Hofkammer erstellte einen umfangreichen Fragebogen nach Name und Fahrtroute sowie nach der Herkunft der mitgeführten Ware. Alles musste mit offiziellen Schreiben der zuletzt passierten Städte dokumentiert werden. Die Postillions, Hauterer und sonstige Fuhrleute sollten bei „schwerer Straff und Verantwortung unter Wegs keine Fremden ohnbekannte Leuthe“ in ihr Gefährt aufnehmen, auch galt ein generelles Bewirtungs- und Beherbergungsverbot in allen Ortschaften.

Beamte und Landesdiener hatten die umfangreichen Maßnahmen zu kontrollieren und gegebenfalls Rapport nach Mannheim zu geben.

Lustbarkeiten werden ausgesetzt

Glücklicherweise kam damals die Pest nicht bis in die Pfalz, aber die Fortführung der Schwetzinger Lustbarkeiten wurden nach Rückkehr in die Mannheimer Residenz ausgesetzt. Wer hätte gedacht, dass die Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie in historischer Zeit sich nur wenig von den heutigen unterscheiden: Quarantäne für Betroffene, Abschottung nach außen, Aufhebung der Reisefreiheit und Schließung der Herbergen.