Trauertreff - Irene Keffel hat der Austausch in der Gruppe mit Leidensgenossen geholfen / Die 74-Jährige baut sich nun einen neuen Alltag auf – mit vielen Erinnerungen „Da bekomme ich Gänsehaut“

Von 
Janina Hardung
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Gemeinsam trauern: Irene Keffel (2. v. l.) spricht mit den Leiterinnen des Trauertreffs, Ingrid Gottfried und Marita Ruggaber, und Redakteurin Janina Hardung (l.) darüber, wie ihr der Austausch dort weitergeholfen hat. © Zelt

Es ist ein Schock. Plötzlich ist alles anders. Im Haus ist es leise. Etwas fehlt, jemand fehlt. 48 Jahre war Irene Keffel mit ihrem Mann verheiratet – vor drei Jahren ist er von ihr gegangen. „In der Anfangszeit war alles unwirklich. Ich hatte aber gar keine Zeit nachzudenken, weil ich so viele Dinge erledigen musste. Erst nach der Beerdigung habe ich es langsam begriffen“, erzählt die 74-Jährige.

Die Phasen der Trauer

Nicht-Wahrhaben-Wollen: Der Tod eines Menschen schockiert immer. Betroffene sind verzweifelt, hilf- und ratlos. Das Geschehene wird noch nicht erfasst.

Aufbrechende Emotionen: Gefühle bahnen sich nun ihren Weg. Leid, Schmerz, Wut, Zorn, Freude, Traurigkeit und Angst können an die Oberfläche kommen.

Suchen und Sich-Trennen: Auf jeden Verlust reagieren wir mit Suchen. Zum einen der reale Mensch, das gemeinsame Leben, gemeinsame Orte mit Erinnerungswert. Auch in den Gesichtern Unbekannter wird nach den geliebten Gesichtszügen gesucht. Gewohnheiten des Verstorbenen werden übernommen.

Neuer Selbst- und Weltbezug: Langsam erkennt der Betroffene, dass das Leben weitergeht. Es kommt die Zeit, in der man wieder neue Pläne schmieden kann. Die Einstellung des Trauernden zum Leben hat sich meist verändert. Der Verstorbene bleibt ein Teil dieses Lebens und lebt weiter in den Erinnerungen.

Nächstes Treffen ist am Freitag, 17. Januar, im Hebelhaus, Hildastraße 4a. Bei Fragen sind Ingrid Gottfried und Marita Ruggaber unter Telefon 06205/53 09 oder 06203/9 54 87 00 erreichbar. nina

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In der Zeitung habe sie von dem Trauertreff der Hospizgemeinschaft Schwetzingen gelesen. „Ich bin ohne Erwartungen dorthin, wollte es mir einfach mal anhören – und ich habe mich sofort verstanden gefühlt.“

Als die Oftersheimerin etwa ein Vierteljahr nach dem Tod ihres Mannes ins Hebelhaus kam, da habe es viel Raum zum Austausch gegeben. „Es gab eine Vorstellungsrunde und für jeden Verstorbenen haben wir eine Kerze angezündet. Und jeder erzählt, was er möchte. Da habe ich direkt gemerkt – ich bin nicht alleine.“

Geschichte über zwei Bäume

„Alles, was gesprochen wird, bleibt in diesem Raum“, erklärt die Leiterin des Trauertreffs Ingrid Gottfried. „Jeder geht anders mit der Trauer um, aber es gibt verschiedene Phasen und die werden alle – unterschiedlich lang und in verschiedener Reihenfolge – durchlebt“, ergänzt Marita Ruggaber, die sich die Leitung seit 2007 mit der Initiatorin Ingrid Gottfried teilt. Der Trauertreff feiert in diesem Jahr bereits 15-jähriges Bestehen. Sie arbeiten ehrenamtlich, nehmen aber gerne Spenden für die Raummiete an.

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„Die Betroffenen bei uns sind in unterschiedlichen Phasen. So können Neuankömmlinge auch direkt sehen: ,In einem Jahr, da verändert sich die Trauer und es wird besser‘“, erklärt Ruggaber die Dynamik in der Gruppe. Auch die Themen, die alle vier Wochen in der Gruppe wechseln, habe der Witwe geholfen. Beispielsweise die Geschichte über zwei Bäume, deren Äste sich über die Jahre ineinander verwoben haben. Dann wurde ein Baum gefällt. Und die Äste fühlen sich hilflos. War doch der andere Baum eine Stütze. Aber nach und nach, da wachsen dem Baum neue Äste, er hat mehr Platz, bekommt mehr Sonne und kann sich ausbreiten.

Im Lebensgarten abgeschlossen

„Da bekomme ich schon wieder Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Das sind so Geschichten, die mir im Kopf bleiben“, sagt Keffel. Nach dem Besuch des Karlsruher Lebensgartens habe die Oftersheimerin mit dem Trauertreff abgeschlossen. „Das hatte ich mir vorher schon so überlegt – und es war ein guter Abschluss.“ Jetzt blickt sie in die Zukunft: „Ich lebe nun sehr achtsam und genieße jeden Augenblick, weil ich die Zukunft sowieso nicht ändern kann.“ Ihr verstorbener Mann ist trotzdem immer bei ihr. „Ich will gar nicht, dass die Trauer ganz geht, das ist ok genau so, wie es ist. Manchmal spreche ich auch noch mit meinem Mann. Wenn ich etwas esse, was ihm auch immer sehr gut geschmeckt hat zum Beispiel. 48 Jahre Ehe, das kann man nicht einfach in drei Jahren vergessen – und das will ich auch gar nicht.“

Redaktion Redakteurin für Print und Online in Schwetzingen.