Stadtgeschichte - Das Wappen am Portal der ehemaligen Marstallkaserne ist ein eindrucksvolles Relikt aus der kurfürstlichen Zeit / Vermutlich schon um 1750/51 dort eingesetzt / Künstler unbekannt „Das größte und schönste seiner Art“

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Andreas Lin
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Oft gehen wir tagtäglich an Gebäuden der Stadt vorüber, ohne auf ihre Schönheit und Reize zu achten. Dazu zählen auch die alten Häuser, die nicht nur äußerlich wertvoll sind, sondern vor allem historisch – sie vermitteln uns eine alte Zeit. Eines dieser Kleinode ist das Wappen am Portal der ehemaligen Marstallkaserne an der Carl-Theodor-Straße, die einst 1927 zum Schwetzinger Kaufhaus umgebaut wurde und heute mehrere Geschäfte beherbergt.

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Die folgenden Zeilen beruhen weitgehend auf einem Bericht des Schwetzinger Heimatforscher August Koob aus den 1950er Jahren.

Der repräsentable Bau hatte vor dem Umbau im Jahre 1927 mit Ausnahme der vier Pavillons nur kahle Außenwände aufzuweisen. Es erfüllte eben lediglich seinen Zweck als Marstallkaserne. Als einziger Schmuck an der vorderen Hausfront galt das kurpfälzische Wappen, das sowohl außen wie auch innen (Hofseite) über dem Portal angebracht ist. Es ist anzunehmen, dass es schon beim Bau der Vorderfront um das Jahr 1750/51 mit eingesetzt wurde.

„Wer es entworfen oder gefertigt hat, ist bis heute nicht bekanntgeworden. Fest steht, dass es das größte und schönste seiner Art ist und jedem Vergleich mit ähnlichen Wappen im Mannheimer Schlossmuseum sowohl, wie auch denen im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg standhält“, schrieb Koob damals.

Mehrmals übertüncht

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Das Portal samt den beiden Wappen wurde von dem Umbau zum Kaufhaus nicht berührt. Neu gemacht wurde dagegen der Anstrich des Portals und die Bemalung der Wappen. Zuvor waren diese mehrfach einfarbig übertüncht und durch Ablagerung von Staub und Schmutz vieler Feinheiten verlustig gegangen. Erst durch die Bemalung Ende der 1920er Jahre hat dieses Kleinod an der alten Stelle und in voller Farbenpracht wieder erstehen können.

Es ist, wie alle Wappen, ein Abzeichen, das nach bestimmten Regeln und Gesetzen zusammengestellt ist. Alle Geschlechterschilde sind hier zu einem Wappen vereinigt, das für sich ein Ganzes bildet. „Wir Carl Theodor von Gottes Gnaden, Pfalzgraf bei Rhein, des Heiligen Römischen Reiches, Schatzmeister und Churfürst von Bayern, Jülich, Cleve und Berg, Fürst zu Mörs, Marquis op Zoom, Graf zu Veldentz, Sponheim der Marek und Ravensberg, Herr zu Ravensberg“ – so beginnen aus der Zeit der Erbauung des Marstalls und anderer Gebäude die kurfürstlichen Verordnungen und dergleichen und von diesen aufgeführten Geschlechtern sind auf zehn Schildfeldern die wichtigsten verzeichnet.

Das ist zu sehen

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Das Wappen ist einmal quergeteilt und viermal gespalten, im mittleren Feld ist außerdem ein Herzschild. Auf diesen Schilden ist, vom Beschauer aus gesehen, dargestellt in der oberen Reihe: 1. Pfalz: In Schwarz ein rot-gekrönter und bewehrter Löwe, 2. Bayern: Schild blau und Silber gerautet und geweckt. 3. Jülich: In Gold ein schwarzer Löwe. 4. Cleve: In Rot ein silbernes Schildchen mit davon ausgehenden goldenen Linienhaspel. 5. Berg: In Silber ein roter Löwe mit blauer Krone. 6. Mörs: In Gold ein schwarzer Querbalken. 7. Bergen op Zoom: In Gold drei silberne Kreuzchen, darunter ein grüner Dreiberg. 8. Veldenz: In Silber ein blauer Löwe. 9. Marek: In Gold ein in drei Reihen silbern-rot geschachtelter Balken. 10. Ravensburg: In Silber drei rote Sparren.

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Zu dem Wappen, das auf einer Kartusche sitzt, die in flotten Formen des Rokoko ausgeführt ist, gehören außerdem die Krone, es ist die Rangkrone des Kurfürsten. Der untere Teil, das Band in Hermelin, das Futter in Purpur, Bänder in Gold mit Perlenbesatz halten den Reichsapfel (Weltkugel mit Kreuz). Als zweites folgen die Prachtstücke. Hierzu zählen die Schildhalter.

Zwei prächtige und schön geformte Löwen in schreitender Haltung, den Kopf nach vorne gewendet, halten mit der vorderen Pranke den Schild. Außerdem die Orden, die um das Wappen herum gut eingefühlt sind. Der noch verbleibende Raum zwischen Wappen und Schildhalter wird in wirkungsvoller und reicher Weise aufgefüllt mit den verschiedensten Emblemen kriegerischer Art, die auf den Charakter des Gebäudes schließen lassen. Hierzu gehören Fahnen und Standarten. Waffen, Säbel, Stangenwaffen, Spontons, Hellebarden, Spieße, Keulen, Gewehre, Geschütze, Kugeln, Trommeln und Pauken.

Heraldische Gesetz maßgebend

„Bei der Erneuerung wurden Farbenreste entdeckt, so dass die Gewissheit besteht, dass das Wappen schon zuvor bemalt war. Es ist klar, dass mit der Bemalung nicht willkürlich, oder mit dem Farbempfinden des Einzelnen gehandelt werden kann. Hier sind die heraldischen Gesetze maßgebend, nach denen auch verfahren wurde“, erklärt Koob weiter und kritisierte abschließend: „Seit dem letzten Anstrich im Jahre 1929 ist das Wappen sehr verstaubt und verschmutzt. Es könnte ein sachgemäßes Abwaschen zur Freude der Beschauer gut vertragen.“ Diesem Anliegen wurde seitdem offensichtlich regelmäßig Sorge getragen.

Autor Stv. Redaktionsleiter + Lokalsportchef Schwetzinger Zeitung