Das Leben nach Corona

Von 
Christian Hoffmann
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Angleridylle. Zukünftig nur noch planbar? © pixabay

Region. Was wäre, wenn jeder unserer Schritte, jede unserer Handlungen überwacht würde ? Was wäre, wenn wir nichts mehr wagen und unser Leben genau planen, um bloß kein Risiko einzugehen? Bestimmen wir dann noch selbst oder lassen wir uns leiten ? Die fiktive Geschichte von Tim und seinem Vater Olaf versucht, dem nachzugehen – basierend auf einem Papier des Zukunftsinstituts Frankfurt.

Szenario 3: Systemcrash

Nationalismus nimmt zu.

Abhängigkeit von internationalen Warenströmen bleibt jedoch bestehen.

Big Data erlebt eine Hochzeit – je unsicherer die Zeiten umso mehr Analyse wird verlangt.

Entwicklung künstlicher Intelligenz wird forciert, nicht zuletzt für die Simulation von Krisenszenarien und deren Steuerung.

Staaten nutzen die Technologie zur Überwachung: Predictive Analytics (vorbeugende Analyse) wird zur datenbasierten Vorausberechnung menschlichen Verhaltens genutzt.

Die individuelle Datenfreiheit wird immer stärker eingeschränkt.

Datenschutz ist größtenteils abgeschafft, sowohl im internationalen Austausch als auch im Umgang mit der eigenen Bevölkerung.

Gesundheitsdaten werden zur Staatsangelegenheit; die Bevölkerung macht mit und lässt die Daten in staatliche Datenbanken einspeisen.

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„Weißt du mein Junge, früher bin ich einfach gelaufen, geschwommen, Fahrrad gefahren und habe geangelt, ohne ganz genau zu wissen, wohin der Weg führt, wie lange es dauert und wie groß die Erfolgschancen sind.“ – „Wie meinst du das? Einfach laufen, schwimmen und angeln? Das macht doch niemand einfach so.“ – Tim war sichtlich verdutzt über die Worte seines Vaters.

Die Angel, die er zum ersten Mal in seinem Leben benutzte, hielt er längst nicht mehr in seinen beiden Händen, die, obwohl er bereits 14 Jahre alt war, noch immer jene eines Kindes zu sein schienen. Stattdessen scannte er mit seinem Handy den See unter ihnen nach Fischen ab. Es war das erste Mal, dass sie – Vater und Sohn – zusammen angeln waren. Wenn es nach Vater Olaf gegangen wäre, hätten die beiden schon viel früher einen solchen Ausflug gemacht. Nach der Krise – Tim war damals erst sechs Jahre alt – änderte sich jedoch Vieles.

Das von tausenden Fahrten zerschlissene Ruderboot, in dem sie vor Stunden Platz genommen hatten, schaukelte fast unmerklich inmitten des Wammsees hin und her. „Papa“, fragte Tim seinen ungewöhnlich breitschultrigen Vater erneut, um sich von dem leichten Schaukeln, das ihn beunruhigte, abzulenken: „Wie meinst du das, einfach so etwas zu tun?“ Auf ein frivoles Schmunzeln folgte die Bewegung der Lippen. „Leg dein Handy weg, dann erzähle ich es dir.“ Just, als Olaf anfangen wollte zu sprechen und ihm mehr vom Leben vor der Krise, einem Leben, das sein Sohn nicht kennen konnte, zu erzählen, verstummte er. Die Schnur seiner Angel zuckte: Ein Fisch hatte angebissen – endlich!

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Das Virus, das völlig überraschend kam, brachte die Welt so sehr ins Taumeln, das sie sich nicht mehr erholte. Vertrauen wurde seitdem vor allem nationalen Interessen geschenkt. Internationale oder sogar globale Beziehungen wurden seitdem eher kritisch beäugt. Zudem schlich sich eine Art permanente Unsicherheit in das Leben der Menschen ein. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie machte jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen – von Grenzschließungen bis zur Ressourcenverteidigung. Das verlorengegangene Vertrauen in eine solidarische internationale Kooperation verhinderte seitdem nachhaltig eine dauerhafte politische Stabilität. Nervosität, Unsicherheit und eine permanente unterschwellige Angst vor der Zukunft herrschten vor. Anstatt sich auf seine eigenen Instinkte zu verlassen, schenkten die Menschen immer mehr der Technik ihr Vertrauen. Man machte sich nicht mehr schmutzig, ging kein Risiko ein und war auf eine möglichst gute Prävention in allen Lebenslagen bedacht. Dies führte zum Fortschreiten der Entfremdung des Menschen von sich selbst. Big Data wurde, wie es die Bezeichnung schon verheißt, zu „dem großen neuen Ding“. Von nun an wurde alles überwacht, gefilmt, transkribiert und gespeichert – zur Sicherheit. Dies sollte eine neue Infektionswelle undenkbar machen.

Da die Maßnahmen international erfolgten, erlitten außerstaatliche Handelsbeziehungen kurzweilig eine Delle. Dennoch wurde in erster Linie Kontakt zu den nächsten Nachbarn gesucht, interkontinentale Warenströme versiegten entweder ganz oder tröpfelten nur noch durch einen schmalen Bach anstatt wie zuvor durch einen breiten Fluss zu fließen.

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Vor allem für Kinder, die vor der Krise früh in die digitale Welt eingeführt wurden, änderte sich einiges. Sie waren immer online, verließen sich nur noch auf Zahlen und Daten. Sie erfuhren die Welt nicht mehr selbst, sondern ließen sich erklären, wie sie war. Dies war auch bei Tim so, dem die Welt schon zuvor unsicher und gefährlich erschien. Dass er damit Recht hatte, merkte er bei dem Ausflug, zu dem er nur dem Vater zuliebe eingewilligt hatte.

Wo ist der Fisch?

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Ist eine Zukunft wie diese, so dramatisch sie auch klingen mag, denkbar? Laut dem Zukunftsinstitut, mit Sitz in Frankfurt, ja. In einer Studie haben die Wissenschaftler vier Szenarien einer Welt nach der Corona-Krise entworfen. Anhand fiktiver Protagonisten, die sich innerhalb des jeweiligen Szenarios bewegen, wollen wir jeden dieser Schauplätze grob nachzeichnen, um aufzuzeigen, was die Prognosen für uns und das Leben miteinander bedeuten würden.

Das kleine graubraune Ruderboot wackelte unruhig hin und her. Vater und Sohn hielt es nicht mehr auf den Plätzen. Angetrunkenen Jugendlichen gleich versuchten sie sich, auf den Beinen zu halten. Tims Vater kurbelte und kurbelte, um den Fang einzuholen. Nur der sich im Wasser windende Fisch, der ein Gegengewicht bildete, verhinderte, dass er rücklings in den See fiel. „Siehst du, Junge, das geht auch alles ohne Smartphone“, belehrte er seinen Sohn mit freudiger Stimme. Anders als seine Anrede es vermuten ließe, bebte sein Gesicht vor Anstrengung. Das Schauspiel zog sich minutenlang hin. Auf ein Ziehen und Zerren folgte die Entspannung beim Leinelassen. „Gleich habe ich ihn, gleich habe ich ihn“, wiederholte er gebetsmühlenartig. Dann zog er die Rute mit einem festen Ruck an sich heran. Tim beobachtete das Schauspiel so erstaunt, dass er sogar sein Handy links liegenließ. Das Ziehen und Zerren – der Kampf Mann gegen Fisch – beeindruckte ihn und ließ ihn für einen kurzen Moment jegliches Gefühl von Angst verlieren. „Du schaffst das“, flüsterte er erst leise, dann immer lauter werdend: „Zieh, Papa, zieh!“ Der Kampf schien nicht enden zu wollen. Euphorie breitete sich in jeder Faser von Tims Körper aus. Olaf zog und zog und zog und dann, ganz plötzlich, war er nicht mehr zu sehen. Nur ein großes Platschen verriet Tim, wohin sein Vater verschwunden war. Er war in den See gefallen. Die Angel, an der er eben noch mit all seiner Kraft gezerrt hatte, flog hinterher.

Überrascht blickte Olaf an sich herab und im Wasser umher. Kleine Bläschen, die aus seiner Nase entwichen, stiegen zur Oberfläche hinauf. Er beschloss einen Moment zu warten, nicht sofort wieder aufzusteigen, um die Kälte am ganzen Körper zu spüren. Als er sich auf seinen Körper besann, fühlte er die Angel, die er mit noch immer festem Druck in seiner linken Hand hielt. „Der Fisch, wo ist der Fisch?“ Er holte die Schnur mit den Händen ein. In der grünlichen Gicht, die der See um ihn herum bildete, konnte er kaum etwas erkennen. Er zog immer weiter, Stück für Stück kam das Ende der Schnur näher. Erst als sie kurz vor seinem Gesicht war, erkannte er den Haken: Der Fisch war entschwunden.

Der Frosch im heißen Wasser

Das Lagerfeuer erhellte die Nacht in einer kleinen Bucht des Wammsees. Olaf hatte es selbst entzündet, eine Kunst, die nur noch wenige Menschen beherrschten. Für eine ganze Weile starrten die erfolglosen Angler wie gebannt in den Schein des Feuers. Dann begann Vater Olaf, die Augen weiter auf den orange-roten Feuerball gerichtet zu erzählen: „Irgendwann haben wir begonnen, unsere Daten preiszugeben, zu unserem Vorteil natürlich. Erst trugen einige, dann beinahe alle Menschen kleine Abhörgeräte mit sich. In unseren Häusern und Wohnungen stellten wir sogar größere, viel genauere Geräte auf, die unser Leben analysierten und verbesserten. Manche lehnten diese Entwicklung ab, andere kauften alles Neue ohne Zwang von außen, um sich und somit auch ihr Leben zu verbessern. Dass diese Verbesserung vor allem eine Lenkung von außen bedeutete, bei der man Entscheidungen nicht mehr selbst traf, merkte kaum jemand. Dennoch hatte man, bevor du geboren wurdest, zumindest die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Bis die Krise kam. Seitdem vertrauen wir nur noch auf uns und die Daten, die uns über andere informieren.“ „Und wer sind wir?“, wollte Tim wissen. „Nun ja. Heute sind wir vor allem Deutsche. Früher“, fügte Olaf an, „waren wir Europäer oder wollten es zumindest sein. Heute ist es normal, dass du alles über deinen Körper weißt. Per Push-Nachricht wirst du darüber informiert, wie das Wetter ist, wann du am besten Laufen gehen solltest und wie viel Wasser du noch trinken musst, um deinen täglichen Bedarf zu decken. Schau mich an. Ich trinke seit Jahren keinen Alkohol mehr. Das ist gut so, natürlich. Aber mache ich es, weil ich es will oder mein Handy mir das sagt? Verstehst du, was ich meine, Tim?“

Er verstand es nicht, wie auch. Er kannte es nicht anders, wurde stets über seine Vitalwerte aufgeklärt, war fit, lernte fleißig und war immer höflich. Während er mit einem langen Stock in der Asche des bald verglimmenden Feuers umherstocherte, überlegte Olaf, wie er seinem Sohn die doch so dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen erklären sollte. In die Stille der Nacht hinein kam ihm eine Idee: „Der Frosch, Tim“, fing er an. „Es gibt da so eine Geschichte. Ob sie stimmt, weiß ich nicht. Das ist aber auch gar nicht so wichtig. Angeblich hat ein Mann am Rande eines Sees, gleich diesem hier, einen Frosch eingesammelt und ihn in sein Haus gebracht. Dort setzte er Wasser auf und schmiss den Frosch in den kochenden Topf. Leicht verletzt, aber lebendig sprang der Frosch aus dem Topf. Er ist mit dem Leben gerade noch davongekommen. Eines anderen Tags sammelte er erneut einen Frosch ein. Diesmal gab er ihn jedoch in kaltes Wasser, das er erst im Anschluss erhitzte. Der Frosch war nicht in der Lage die Temperaturänderung wahrzunehmen und starb. „Wir sind der Frosch?“, fragte Tim. „Wir sind der Frosch!“, bestätigte sein Vater und nickte ihm zu. Tim begann zu verstehen.

Am nächsten Morgen versuchten Vater und Sohn ihr Glück erneut. Motiviert wie nie zuvor ließ auch Tim seine Angelsehne ins Wasser gleiten – mit Erfolg. Ein Fisch nach dem anderen biss an. Leichte Böen, die zu immer stärkeren Winden wurden und das kleine Boot in stete Schwankbewegungen versetzten, störten die beiden wenig. Nach einigen Stunden hatten Vater und Sohn weitaus mehr Fische gefangen, als sie hätten essen können. Erst als er seine Angel ein letztes Mal einholte, sah er das Strahlen in den Augen seines Vaters. Er hatte ihn noch nie so glücklich gesehen. In einem Moment der Spontanität griff Tim in seine Hosentasche, holte weit nach hinten aus und schleuderte sein Handy es in einem hohen Bogen in den See. „Was hast du getan?“, flüsterte Olaf, den Blick auf die Stelle im See gerichtet, an der das Handy gelandet war. Vor Erstaunen konnte er nicht lauter reden. „Du brauchst es doch für die Schule, für deine Hobbys, zum Leben.“ Tim grinste über beide Ohren und entgegnete ihm: „Aber Papa, ich will doch selbst entscheiden. Ich bin aus dem Topf gesprungen.“

„Begib dich an einen sicheren Ort“

„Wie kann das sein? Er hatte doch sein Handy dabei?“ Als die Polizei eintraf, fanden sie den See in völliger Ruhe vor. Das Wasser lag wie ein Teppich inmitten des Grüns der Bäume. Hätten nicht die Reste eines Zelts am Uferrand gelegen, niemand hätte bemerkt, dass sich hier kürzlich Menschen aufgehalten hatten. „Komisch“, murmelte einer der Beamten, der gerade erst eingetroffen war, seinem Kollegen zu. „Warum fährt man bei solch einem Wetter an den See?“ „Wir werden sehen, was die Daten hergeben. Die Taucher sind bereits bei der Arbeit“, antwortete er. Just in diesem Moment lugte ein Kopf aus dem Wasser hervor – einer der Taucher. Er winkte aufgeregt Richtung Ufer.

Wenig später lasen die Beamten den Fund, das Handy von Tim, aus. „Wie kann das sein?“, fragte der später eingetroffene Polizist, während er auf die beiden blassen Leichen, die ein anderer Taucher mittlerweile ans Ufer geholt hatte, blickte. „Ich verstehe das nicht. Er hatte doch sein Handy dabei. Schau her und lies“, hielt er seinem Kollegen das Tablet hin. Dieser las: „Sonntag, 25. Juni 2028, 8 Uhr: ‚Tim, ein Unwetter ist auf dem Weg zu dir. Begib dich sofort an einen sicheren Ort. Du bist hier nicht sicher.‘

Schreiben Sie ein Szenario?

Klingt diese Welt der Zukunft noch so utopisch oder eher dystopisch, ist sie laut dem Frankfurter Zukunftsinstitut eine der vier möglichen Szenarien, die das Leben nach der Krise darstellen könnten. Es gibt noch ein weiteres Szenario. Da dies, wie die anderen, reine Fiktion ist, wollen wir den Stift an Sie übergeben. Was meinen Sie? Wird sich die Gesellschaft tatsächlich dramatisch verändern? Und wenn ja, wie? Schreiben Sie die Zukunft auf – gerne bis Donnerstag, 4. Juli, an sz-redaktion@schwetzinger-zeitung.de, Betreff: „Das Leben nach Corona“ schicken. Wie das vierte Szenario laut Zukunftsinstitut aussehen kann, haben wir in unserer Ausgabe vom 8. Juni beschrieben.

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