SWR Festspiele - Mit elf Konzerten und einem Vortrag huldigen die Festspiele im Oktober dem deutschen Komponisten nun doch noch – wenn wir gesund bleiben Ein spätes Geschenk für Beethoven

Von 
Jürgen Gruler
Lesedauer: 

„Wenn wir heute ein Konzertprogramm für die zweite Oktoberhälfte vorlegen, so tun wir das in der berechtigten Hoffnung, dass Veranstaltungen dann wieder möglich sind. Die letzten Monate waren für uns alle eine verstörende und belastende Zeit. Die Corona-Pandemie stellt uns vor bisher nicht gekannte Herausforderungen. Wir sind daher glücklich, dass wir ein Zeitfenster gefunden haben und zumindest einen Teil der ursprünglich für Mai geplanten Konzerte in Schwetzingen nachholen können“, schreibt Heike Hoffmann, die künstlerische Leiterin der Schwetzinger SWR Festspiele an die Freunde klassischer Musik. Jetzt stehen die Künstler und Ensembles fest, die vom 19. bis 29. Oktober im Schwetzinger Schloss auftreten.

Diese Collage zeigt alle Künstler, die für Oktober zugesagt haben und damit Ludwig van Beethoven (2. Reihe Mitte) ehren. © SWR
AdUnit urban-intext1

Allerdings heißt es auch: „Um uns bestmöglich auf die aktuelle Situation einstellen zu können, starten wir den Vorverkauf erst am 7. September. Um gegebenenfalls eine Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter zu ermöglichen, müssen die Kontaktdaten der Besucher erfasst werden. Das geschieht am besten beim Kauf der Tickets. Aus diesem Grund bieten wir diese nur über den SWR Classic Service an und bitten um Verständnis“, so Hoffmann: „Wer bereits für den Mai Tickets erworben hatte, erhält ab 24. August ein Vorkaufsrecht und wird dazu – soweit die Daten bekannt sind – persönlich kontaktiert.“

Los geht’s am Montag, 19. Oktober, um 19.30 Uhr im Rokokotheater mit dem Artemis Quartett. 2019 vollzog das Quartett just in Schwetzingen den Übergang in eine neue Ära: Gemeinsam konzertierten diejenigen, die bisher das Ensemble gebildet hatten, mit den beiden Neuen. Die neue Formation hat sich inzwischen etabliert. Ihr Schwetzinger Programm darf als Motto gelten, denn es besteht aus Werken, die in die Zukunft gewiesen haben: Den Rahmen bilden eines der experimentellen Werke Haydns, der das Streichquartett zum Ideal der Kammermusik schlechthin erhob, und Beethovens Abschlusswerk des Zyklus, der für seinen neuen Weg in der Kammermusik steht. In der Mitte gibt es eine Komposition, mit der Jörg Widmann nach 14-jähriger Quartettpause einen neuen Zyklus eröffnet, „in dem eine intensive Auseinandersetzung mit der Quartettkunst Beethovens stattfinden wird“.

Tags drauf folgt das Belcea Quartet im Mozartsaal. Es hat in den 25 Jahren seines Bestehens nichts von seinem Mut zum Wagnis und Experiment verloren. Beethovens B-Dur-Quartett op. 130 in der ursprünglichen Fassung mit der Großen Fuge als Abschluss zu spielen, bedeutet schon Herausforderung. Doch die Musiker um die Primaria Corina Belcea gehen einen Schritt weiter: Um die Struktur des Werkes „zu erweitern und offenzulegen“, fügen sie zwischen die Sätze des beethovenschen Werkes Quartettstücke ganz unterschiedlicher Provenienz ein. Es ist die Idee dieses Programms, dass die ergänzenden Stücke und ihre Komponisten nicht vorher genannt werden. Auch, um einem Ideal nahezukommen: dem ästhetischen Erleben ohne Voreingenommenheit.

Leckerbissen der Klavierkunst

AdUnit urban-intext2

Als Piano-Duo bringen Andreas Grau und Götz Schumacher seit drei Jahrzehnten konträre Ideale zusammen. Hindemiths Streben nach einfachen Formen, transparenter Satztechnik und Festigung der Tonalität trifft auf die Komplexität der Großen Fuge, in die Beethoven alle musikhistorische Erfahrung von der Renaissance bis zur Romantik bannen wollte und zugleich alle Konventionen sprengte. Den zweiten Teil spielen die Pianisten ausschließlich an zwei Klavieren. Sie gastieren am Mittwoch, 21. Oktober, im Schloss.

Das Schubert-Oktett am 22. Oktober mit Werken von Strawinsky, Debussy und Schubert und die Quatuor Ébène am 26. Oktober, die sich den äußeren Säulen von Beethovens Quartettschaffen widmet – den frühen und den letzten Werken – setzen weitere Höhepunkte.

AdUnit urban-intext3

Der erst 29-jährige Fabian Müller will am 27. Oktober zwei kompositorische Ideale in Kontrast zueinander setzen: Expansion und Reduktion. Expansiv ist Charles Ives’ Concord-Sonata, ein Pionierwerk der Moderne: Mit den Mitteln der Musik greift sie in die Gedankenwelt idealistischer Philosophie. Expansiv ist Beethovens Sonate f-Moll, der Tonart dunkler Leidenschaft, in Form und Emotionalität. Sie riskiert bisweilen den inneren Zusammenhang. Brahms dagegen reduziert: Seine Intermezzi entlocken einem knappen Urgedanken einen Mikrokosmos an Variationen und Deutungen.

AdUnit urban-intext4

Und natürlich der Schwerpunkt Beethoven: An vier Abenden (inklusive Vortrag von Mark Evan Bonds) geht’s um die Sinfonien Betthovens und seine Vorbilder. Es spielt die Akademie für Alte Musik aus Berlin. Sie macht erlebbar, worauf Beethoven aufbauen konnte. Dass die erste Sinfonie Verwandtschaft zu Mozart und zu französischer Revolutionsmusik zeigt, ist ebenso bekannt wie die starke Affinität der zweiten zum Musiktheater, vor allem zur „Zauberflöte“. Welch wichtige Inspiration von Carl Philipp Emanuel Bach nicht nur auf Haydn und Mozart, sondern auch auf Beethoven ausging, zeigt dieses Programm ebenfalls. Und Beethoven empfahl ja auch „jedem wahren Künstler nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium“. Übrigens: Bei Buchung aller vier Konzerte der Reihe „Beethovens Sinfonien und ihre Vorbilder“ am 24., 25., 28. und 29. Oktober gibt’s 20 Prozent Rabatt.

Info: Infos dazu auf www.schwetzinger-swr-festspiele.de

Chefredaktion Jürgen Gruler ist Chefredakteur der Schwetzinger Zeitung.