Geschichte und Geschichten - Halserkrankung mit schweren Folgen überliefert / Aderlass, Brech- und Abführmittel halfen als bekannte Behandlungen nicht / Überlieferung des ersten Schlossplatzfestes Eine Grippeepidemie zu Carl Theodors Zeiten

Von 
Dr. Ralf Wagner
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Im Jahr 1775 war Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz schwer erkrankt, es bestand großer Anlass zur Sorge, da beim Tod des kinderlosen pfälzischen Kurfürsten ein Erbfolgekrieg entstehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch drei Linien, die Ansprüche auf das pfälzische Erbe erheben könnten. Es wurden daher Bittgottesdienste aller Konfessionen angeordnet, selbst die Mennoniten, die Wiedertäufer und die jüdische Gemeinde der Kurpfalz beteten für die Genesung des beliebten und in religiösen Dingen aufgeschlossenen Herrschers. Was ein Erbfolgekrieg bedeutete, war den Kurpfälzern noch im kollektiven Gedächtnis.

Ein Porträt von Kurfürst Carl Theodor. © Staatliche Schlösser & Gärten
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Der pfälzisch-orleansche Krieg um das Erbe der berühmten Liselotte von der Pfalz mit seinen verheerenden Verlusten an Menschenleben und Gebäuden war damals allseits noch in Erinnerung. Auch die ihrem Ehemann entfremdete Kurfürstin Elisabeth Auguste kam von ihrem Sommersitz Schloss Oggersheim nach Schwetzingen und übernachtete dort, was sie seit dem Tod des Erbprinzen 1761 und ihrer Übersiedlung nach Oggersheim 1768 vermied. In den Gesandtschaftsberichten des sächsischen Botschafters Andreas Graf von Riaucour wird diese Tatsache besonders hervorgehoben, um den Ernst der Lage zu unterstreichen. Graf Andreas Riaucour war seit 1748 kursächsischer Geschäftsträger in Mannheim, 1752 wurde er Geheimrat und außerordentlicher sächsischer Gesandter. 1754 heiratet er die Tochter des kurpfälzischen Konferenzministers Heinrich Ernst Wilhelm Freiherr von Wrede und wurde vom Kaiser in den Reichsgrafenstand erhoben. 1768 ernannte ihn Kurfürst Carl Theodor zum Mitglied des Löwenordens, eines kurpfälzischen Verdienstordens. 1778 folgte er dem Hof nach München.

Riaucour berichtet von einer „mal au gorge“, einer Halserkrankung, sicher verbunden mit Husten und Fieber, also ähnlich einer sehr schweren Grippeepidemie mit Todesfolge. Die Behandlungsmethoden des 18. Jahrhunderts waren dabei nicht sehr erfolg- und hilfreich, denn es gab nur drei gängige Methoden: der allzeit angewendete Aderlass, Brechmittel und Abführmittel. Bei einem geschwächten Gesundheitszustand mit grippalen Symptomen konnten diese Behandlungsmethoden selbst zum Tode führen. Leider gehen die Berichte nicht näher auf die Krankheit ein, außer dass sie viele Todesopfer forderte. Carl Theodor überwand die Erkrankung, die damals viele Menschenleben forderte und aus Anlass der Genesung wurde in Schwetzingen das größte barocke Fest des 18. Jahrhunderts gefeiert. Der sächsische Gesandtschaftssekretär Zapf und sein Chef, der sächsische Botschafter Andreas Graf von Riaucour, berichten nach Dresden unter dem Datum des 24. Juni 1775: „On donnera demain ici und fête dans le jardin de la cour devant le Temple d’Apollon, ou l’on a fait ajuster le Theatre qui s’y trouve en verdure, pour y représenter un Dramme en musique, nommé : L’Arcadia Conservata ; allegorique à la convalescence d’Electeur, dont la composition est du Poet de la cour d’ici, Verazzi ; j’ai l’honneur d’en joindre un exemplaire de ma lettre. La piece finie, la Cour Soupera dans la salle des bains à une table de 14 Couverts, et independament de celle là, il y en sauvas encore deux autres chacune de 50 personnes. Cette partie du jardin sera illuminée et la fête d’oint finir par un Bal et un feu d’artificie.“

Öffentlicher Ball

Auch der pfälzische Minister Freiherr von Beckers berichtet in seinem Tagebuch, das sich im bayerischen Hauptstaatsarchiv in München befindet, darüber: „Junij 1775 d. 25 Sontag 3ter nach Pfingst. [...] hern. [ach] der gantze Hoff in den hofgarten, allwo Eine operette: L’arcadia conservata sur le theatre de verdure bey dem apollotempel exhibieret wurde. Hern. [ach] grand Souper in dem großen Speißsaal: nach welchem in das bad haus die schöne illumination mit dem gantzen hoff ansahe; von dar Mad. Electrice et la princeß nacher Oggersheim zurück; hern.[ach] ware noch ball Publique auff diesen theatre“. Außer der Oper L’arcadia conservata gab es ein großes Souper im Speisesaal des Südlichen Zirkelgebäudes, während der Kurfürst mit 13 ausgewählten Gästen, darunter Freiherr von Beckers, im Badhaus speiste. Der Garten um das Badhaus wurde anschließend festlich illuminiert. Kritisch vermerkt wird jedoch, dass die Kurfürstin noch vor dem Ball mit ihrer Freundin, einer Prinzessin von Sachsen, nach Oggersheim zurückkehrte. Der Ball war öffentlich, wobei berichtet wird, dass „la Noblesse“ im Theater tanzte und das Volk „dans le parterre“. Man kann annehmen, dass der Hofstaat auf der Sonnenterasse tanzte und das Volk auf dem Rasenparterre hinter dem Apollokanal. Denkbar ist auch die Variante, dass der Adel tatsächlich im von den Stühlen befreiten Heckentheater tanzte und das Volk auf dem von den Kübelpflanzen freigemachten Orangerieparterre, was aber einen sehr großen Aufwand voraussetzte. Die Festlichkeit wurde mit einem Höhenfeuerwerk abgeschlossen.

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Aus den sächsischen Gesandtschaftsberichten geht ebenfalls hervor, daß es sich um ein großes Volksfest handelte: „La fête qu’on a donnée ici dimanche dernier, da la quelle j’ai déjà lû l’honneur de faire mention dans montrés respectue rapport du 24.d.p. étroit très magnifique dans touttes ses parties et durait bien avant dans la nuit sous les acclamations continuelles du peuple, au quel on a voit permis de danser dans le parterre, tandis que la Noblesse prenait le même Divertisement sur le Theatre, où l’on avoit donné au paravant le spectacle. Il y avoit une […] de monde étonnate, et on à compté au delà de 200 Voitures, qui a cette acassion étoient venûes ici de Mannheim, Heydelberg, Spirè et Worms. S.A.S.E en ont parûes très contents, et le lendemain, Mrsg, L’Electeur regaloit le Comte de Portia, Intendant des plaisirs, d’une tabatiere d’or emaillée et estimée à 60 Louis“. Es wird nach Dresden berichtet, dass mehr als 200 Kutschen aus Mannheim, Heidelberg, Speyer und Worms nach Schwetzingen kamen. Die Menge der nach Schwetzingen gereisten Gäste war so groß, dass die dortigen Gasthäuser die Massen nicht fassen konnten und die Menschen auf den Treppen vor den Häusern saßen und auf den Straßen aßen und tranken. Dies ist der erste quellenmäßige Beleg für das erste Schlossplatzfest in Schwetzingen. Das Fest und die gebotenen Vergnügungen seien „trés magnifique“ und für jedermann frei zugänglich gewesen. Man kann sich vorstellen, dass die höfische Gesellschaft sich nicht in der Staatsrobe, sondern in ländlicher Kleidung präsentierte. Man darf das Fest in Arkadien aber nicht zu einer Kostümveranstaltung in Sinne der sogenannten „Wirtschaften“ früherer Tage herabwürdigen, wo man sich als einfache Bauern verkleidete. Die Thematik des Festes hat sich über die Dimensionen der seichten Schäferidylle und Hirtenpoesie hinweggehoben in die Sphäre geistig-intellektueller Wahrnehmung. Das Fest kann als Zeichen der Vernunft im Sinne der Aufklärung gedeutet werden.

Carl Theodor war von dem Fest so begeistert, dass er am nächsten Tag dem Grafen von Portia, „Intendant des plaisirs“ eine goldene Tabatiere im geschätzten Wert von 60 Louis d’or überreichte. Aus Anlass der Rekonvaleszenz des Kurfürsten wurden auch noch in den nächsten Tagen kleinere Feiern in Heidelberg und Mannheim veranstaltet. Keine übertraf jedoch das Fest in Schwetzingen, das zu den größten und aufwendigsten in der Kurpfalz des 18. Jahrhunderts zu zählen ist. Man maß dem Fest und seinem Sinngehalt, der Errettung Arkadiens, so großen Wert bei, dass das italienische Libretto der Oper nach Dresden gesendet wurde. Es liegt noch heute als kleines Begleitbuch in den sächsischen Gesandtschaftsberichten. Die Noten dieser Oper, eine Gemeinschaftsproduktion von Niccollo Jomelli, dem württembergischen Hofkomponisten, und Ignaz Holzbauer, kurpfälzischer Hofkomponist, wurden von Bärbel Pelker, der ehemaligen Mitarbeiterin der Forschungsstelle der südwestdeutschen Hofmusik im Palais Hirsch, in der Bibliothèque National in Paris entdeckt. Das deutsche Libretto, das sich in der Universitätsbibliothek Heidelberg befindet, gibt genau Auskunft über die Aufführungsweise: „Das errettete Arkadien, verfasst von Mathias Verazzi, geheimen Secretarius, und Hofpoeten Seiner Kuhrfürstlichen Durchleucht von der Pfalz, übersetzt von Johann Baptist Verazzi, dessen Sohne, Das errette Arkadien, Eine theatralische Abhandlung in Musik, Welche am Kuhrpfälzischen Hofe auf der Schaubühne von natürlichen Grüne beim Apollotempel im Schwetzinger Garten wird aufgeführet werden. Der Schauplatz ist in dem geheiligten Lorber=Wäldern Arkadiens, um den Tempel des Apollo, der auf der Spitze des Berges Palatinus über der Höhle des Orakels erbauet ist“. Die Darsteller gehörten zu den besten Kräften des kurpfälzischen Opernensembles. Friedrich Walter fasste die Handlung der Oper kurz zusammen: „Die Handlung dieses Einakters, als dessen Schauplatz ein heiliger Hain vor einem Apollotempel angegeben ist, betrifft die Befreiung des aus der Virgilschen Äneis bekannten Arkaderkönigs Euander, der in Latium eingewandert ist und infolge der Bitten des Volkes und der Priester durch Apoll und Minerva aus den Händen seines Feindes Mecentius befreit wird“. Das Stück ist genau auf die Situation des Schwetzinger Gartentheaters hin geschrieben worden und der Beweggrund sowie das gewählte Thema stimmen überein. Da der Kurfürst seine Krankheit überwunden hat, besteht kein Anlass mehr zur Sorge vor einem Erbfolgekrieg. Die Kurpfalz ist gerettet, sie wird als neues Arkadien apostrophiert. Das Grundthema des Schwetzinger Gartens, ein irdisches Arkadien zu sein, eine weitere Metapher für das Goldene Zeitalter, wird nun auf das gesamte Land übertragen. Der Sinngehalt dieser Aussage ist dem Fürsten sehr bewusst, deswegen gewährt er auch seinem Volk Zutritt zu diesem einzigartigen Fest.

Tagebuch im Krieg vernichtet

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Bisher war nicht bekannt, dass die Oper ein zweites Mal in Schwetzingen aufgeführt wurde. Im Journal des kurpfälzischen Hoffouriers Nicolas Hazard ist unter dem Datum des 28. Juni 1775 eine weitere Inszenierung eingetragen: „Le Mesmes Jour S.A.S. L’Electrice Et La Princesses Et Leurs Suite son venus a Schwetzingen L’ont a donne un Spectacles de Verture“. Nicolas Hazard führt das sogenannte Hofcammerfourtagebuch, in dem alle Tagesereignisse aufgeführt wurden. Diese wichtige Quelle ist leider im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden und nur in Teilen durch Sekundärlitheratur überliefert.

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Das Fest „L’arcadia conservata“ in Schwetzingen hat so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass die kurpfälzische Porzellanmanufaktur in Frankenthal sogar eine Figurengruppe dazu geschaffen hat.

„Auch ich in Arcadien!“ (Et in arcadia ego) lautet das Vorwort zu Johann Wolfgang von Goethes „Italienische Reise“. Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz schuf sich in seiner Schwetzinger Sommerresidenz ebenfalls ein irdisches Arkadien. Durch das thematische Fest des geretteten Arkadiens wird das mythologische Gartenprogramm sogar auf die Gesamtheit der Kurpfalz übertragen und durch die Öffentlichkeit des Festes wird auch das gesamte Volk miteinbezogen, ein einmaliger Vorgang in der Epoche des Absolutismus. Damit drückt sich die veränderte Wertvorstellung im Zeitalter der Aufklärung aus. Der Schwetzinger Garten ist ein wahrer Garten der Vernunft, der Sonnenglanz Apolls am Apollo-Hain spiegelt das Licht der Aufklärung wieder, Schwetzingen wird zum Synonym für Arkadien.