Talk aus der Wollfabrik - Vereine funktionieren auch in der Krise / Verband schätzt Ausfälle von 500 000 Euro und mehr Fehlender Sport – fehlende Werte

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Stefan Kern
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Rüdiger Heiß (v. l.), Dr. Sabine Hamann, Stephanie Wirth und Peter Knapp plaudern mit Moderator Rolf Kienle (3. v. l.) in der Wollfabrik. © Lenhardt

In den vergangenen Wochen stand beim Thema Sport in Zeiten von Corona fast nur die Fußball-Bundesliga im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei gerät jedoch einiges darunter aus dem Blick. Es ist, als würde der Kapitän eines Schiffes nur die Spitze eines Eisberges beobachten und die Sechssiebtel unter dem Wasser übersehen. Und genau wie der Kapitän würde auch die Gesellschaft falsche Entscheidungen treffen, wenn als Grundlage dafür nur dieser kleine Ausschnitt dienen würde. Um das zu verhindern, weitete Moderator Rolf Kienle mit seinem jüngsten Talk aus der Wollfabrik das Thema Sport deutlich.

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Klar sei die Fußball-Bundesliga eine wichtige Sache. Da waren sich Stephanie Wirth, Geschäftsführerin der Sportregion Rhein-Neckar, Dr. Sabine Hamann, Vorsitzende des Sportkreises Mannheim im Badischen Sportbund Nord, Rüdiger Heiß, Vizepräsident und Spielausschussvorsitzender des Badischen Fußballverbands, sowie Peter Knapp, Präsident des Badischen Handball-Verbands und Vorstandsmitglied der HG Oftersheim/Schwetzingen einig. Aber der Leistungs- und Breitensport mit seinen positiven Auswirkungen auf Gemeinschaft, Gesundheit und Werte gehe da doch weit darüber hinaus. Sport, so am Ende des Talks, ist wichtig und unverzichtbar. Doch so klar die Analyse, so schwierig ist das derzeitige Terrain. Dabei ließ Hamann keinen Zweifel daran, dass die Vereine nach wie vor funktionierten. Die ehrenamtlichen Netzwerke scheinen sehr stabil zu sein. Überall sei Solidarität spürbar, so die Vorsitzendes Sportkreises Mannheim. Trotz allem stünden die Vereine unter Druck. Schätzungen des Verbandes gehen von Ausfällen von sicher 500 000 Euro und mehr aus. Doch bis dato sei kein Verein tatsächlich akut existenziell gefährdet.

Wunsch nach mehr Koordination

Weniger zuversichtlich ist Wirth, die sich Sorgen um die Veranstalter des Dämmermarathon macht – immerhin das größte Sportereignis der Region. Wenn es im Herbst wieder losgehe, kämen sie vielleicht mit einem blauen Auge davon, „wenn nicht, dann nicht“. Aber auch sie attestiert dem Sportlermilieu eine erstaunliche Gelassenheit. „Niemand steckt hier verzweifelt den Kopf in den Sand.“

Verbunden sehen sich die beiden Frauen übrigens gerade im Kontext der Erklärarbeit zu den Verordnungen und Bestimmungen rund um Corona. Ein Gebiet, in dem nicht alles so klar ist, wie es scheint. So ist es beispielsweise erlaubt, innerhalb von Sportarealen zu fünft gemeinsam zu trainieren. Außerhalb ist es aber verboten – dem Jogging nicht gerade zuträglich.

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Ziemlich nah an die Verzweiflung gerät Wirth bei den derzeitigen Blüten des Föderalismus. So ist in Rheinland-Pfalz das Rudern auf dem Rhein erlaubt. Baden-Württemberg verbietet das. Was tun mit der Trainingsgemeinschaft Mannheim-Ludwigshafen. Es ist keine Frage, dass die beiden sich etwas mehr Koordination wünschten. Es würde auch der Akzeptanz guttun.

Eine Sicht, die auch Knapp teilte. Sichtlich erleichtert war er, dass in seinem Handballverband alle an einem Strang gezogen haben. So wurde beispielsweise beschlossen, dass es in dieser abgebrochenen Saison nur Aufstiege, aber keine Abstiege geben wird. Natürlich sei das aber freiwillig möglich. Wenn Sponsoren abspringen, bliebe manchen Vereinen keine andere Wahl. Schwierig sei derzeit übrigens nicht nur stillstehende Spielbetrieb. Denn auch das Training sei gerade kaum möglich. „Lauftraining geht natürlich, aber ohne Ball trägt das im Handball nicht weit.“ Aber genau wie im Handball herrsche auch im Fußball, so Heiß, allgemein Verständnis für die Einschränkungen. Noch sei die Saison nicht abgebrochen, aber die Zeichen zeigten schon dahin. Ähnlich wie im Handball gelte dann die Regel: Es muss niemand absteigen. Zu gerne wüsste man, wann der Spielbetrieb wieder starten kann. Doch dazu könne seriös keine Aussage gemacht werden.

„Ringer brauchen längsten Atem“

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Schlimm sehe es in dieser Hinsicht für Kontaktsportler wie die Ringer aus. „Die brauchen sicher den längsten Atem.“ Knapp ist gar davon überzeugt, dass gelernt werden müsse, mit veränderten Realitäten, die das Virus geschaffen hat, umzugehen. „Wir werden schnell unglücklich, wenn wir glauben, dass alles bald wieder normal wird.“ Wie genau sich die Sportlandschaft aber ändert, sei derzeit kaum zu prognostizieren. Das habe schon etwas vom Fahren auf Sicht. Ganz sicher ist sich das Quartett bezüglich der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports: Er bleibt wichtig. Gemeinschaft und Gesundheit, aber auch Werte wie Solidarität oder Fairness seien unverbrüchlich mit dem Sport verbunden. Strukturelle Defizite im Sport würden sich damit unweigerlich negativ auf diese Bereiche auswirken. Und das sei einer Gesellschaft alles andere als zuträglich. Und so sei es auch eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe, die Vereine und das Sporttreiben wieder in Gang zu kriegen.

Freie Autorenschaft Stefan Kern ist ein freier Mitarbeiter der Schwetzinger Zeitung.