Im Interview - Diplom-Psychologin und Systemische Therapeutin Heide Graze spricht in Pandemiezeiten über das Thema „Resilienz – die eigene Widerstandskraft stärken“ Heide Graze: Spätfolgen können wir nur erahnen

Von 
Maria Herlo
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Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine psychische Belastung dar. Wie auf unserem Symbolfoto hadern viele mit der Lage und reflektieren ihre Lebensperspektiven. © dpa

Die Pandemie hat das gewohnte Leben auf den Kopf gestellt. Die sozialen Aktivitäten wurden stark eingeschränkt. Experten befürchten, dass Ängste und Depressionen in diesem zweiten Lockdown besonders zunehmen werden. Um diese Tiefs im Leben gut zu überstehen, brauchen sowohl Erwachsene als auch Eltern und Kinder Widerstandskraft. Diese zu aktivieren möchte Diplom-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin Heide Graze in einem Online-Vortrag an der Volkshochschule (VHS) an diesem Mittwoch, 10. Februar, um 10 Uhr unter dem Titel „Resilienz - die eigene Widerstandskraft stärken“.

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Mit dem Kurs möchte die Referentin den Teilnehmern Wege aufzeigen, wie Erwachsene, Eltern und Kinder resilienter werden, wie man trotz schwieriger Lebenssituationen eigene Ressourcen beleben kann. Dabei schöpft Heide Graze aus ihrer langjährigen Erfahrung beim Kinderschutzbund Hockenheim und als Dozentin an der VHS Schwetzingen in den Bereichen Pädagogik und Gesundheit.

Frau Graze, die Aussicht, dass das Virus zur ständigen Bedrohung wird und Freiheiten massiv einschränkt, hat etwas Bedrückendes. Wen belastet diese fehlende Perspektive auf lange Sicht am meisten?

Heide Graze: Ich denke, wir sind alle auf vielfältige Weise durch diese Situation belastet und dennoch gibt es graduelle Unterschiede. Dies hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab, etwa von den personalen und finanziellen Ressourcen. Vor allem Familien mit kleinen und sehr kleinen Kindern haben allgemein mit immensen Belastungen zu kämpfen. Wie sich dies im Einzelnen auswirkt, erfahre ich exemplarisch durch meine Tätigkeit beziehungsweise wir hören und lesen es auch immer wieder in den Medien. Die Spätfolgen der Pandemie können wir nur erahnen und hoffen, dass es schon jetzt genügend flankierende Maßnahmen gibt und geben wird, um sie einzudämmen.

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Die Corona-Krise kann depressiv machen. Was können Menschen tun, um psychisch widerstandsfähiger zu werden?

Graze: Ich zitiere hier ernstzunehmende Wissenschaftler und Gesundheitsexperten wie zum Beispiel Karl Lauterbach. Laut ihnen kann man davon ausgehen, dass diese Krise uns noch eine ganze Weile begleiten wird und wir uns in einigen Bereichen völlig neu aus- und einrichten müssen. Gesamtgesellschaftlich wird ein hohes Maß an Bewältigungsstrategien abverlangt. Es wäre zynisch, mich landläufigen Aussagen anzuschließen, Krise in erster Linie als Chance zu betrachten. Aber dennoch macht sie uns vielleicht sensibel dafür, einiges zu überdenken, die Globalisierung, unser Leben, unsere Lebensperspektiven bis hin zur Sinnfrage neu zu reflektieren. Dies bleibt natürlich jedem Einzelnen überlassen und dennoch haben wir auch eine soziale Verantwortung.

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Wie können wir uns also stärken?

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Graze: Hier hat natürlich die Resilienz-Forschung einiges zu bieten und deshalb ist es wichtig, dieses Wissen einem möglichst großen Personenkreis zugänglich zu machen. Dies wäre meines Erachtens eine wichtige Aufgabe von Schulen und Kitas, auch unabhängig von der momentanen Krise. Die Resilienz-Psychologin Emmy Werner baut auf drei Schutzfaktoren in Bezug zu Kindern: individuelle, familiäre und soziale. In diesem Zusammenhang sind auch die Forschungsarbeiten von Rönnau-Böse und Fröhlich-Gildhoff von 2010 zu nennen. Diese Schutzfaktoren gelten etwas modifiziert auch für Erwachsene. Sie stärken unsere Gesundheit, fördern ein möglichst positives Familienklima und pflegen ein stabiles soziales Netzwerk. Ratsam ist zudem, sich zu erinnern, wie wir in der Vergangenheit eine Krise bewältigt, welche Ressourcen, welche persönlichen Quellen uns dabei unterstützt haben und wie wir aktuell darauf zurückgreifen können.

Im Kurs kombinieren Sie Theorie mit praktischen Ratschlägen. Vielleicht einige Beispiele?

Graze: Mein Vortrag am Mittwoch zielt darauf ab, Bewältigungsstrategien zu fördern: Dazu gehört vor allem, sich nicht völlig auf das Negative zu konzentrieren, sondern immer wieder auch die Freude einzuladen, zum Beispiel, indem ich mich abends frage, was war heute gut oder was hat mir in der Vergangenheit Freude gemacht, dies auch als Abendritual mit den Kindern oder ein gemeinsames Teeritual zum Tagesausklang. Rituale, wenn sie nicht sinnentleert sind, geben Sicherheit und strukturieren den Tag. Kinder in den Tagesablauf einbeziehen erhöhen ihre Selbstwirksamkeit und stärkt ebenfalls die Resilienz. Vor allem ist es auch wichtig, mit den Kindern über ihre Gefühlswelt zu sprechen, auch über die eigenen Gefühle und Ängste. Vielleicht ist es auch möglich, dass sich Elternpaare zudem immer wieder kurze Auszeiten zugestehen. Was mich sehr freut, ist, dass viele Familien den Wald und die Natur für sich (wieder)-entdeckt haben. Der Aufenthalt in der Natur stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern gibt auch neue/alte Spielanregungen.

Schulschließungen gehen nicht spurlos an den Kindern und Jugendlichen vorbei. Welche Auswirkungen hat das auf ihre Psyche?

Graze: Das Thema Kita- und Schulschließungen ist sehr heikel und ich sehe mich nicht in der Lage zu beurteilen, was diesbezüglich richtig und falsch ist. Sicher ist jedoch, dass bei allem Respekt für das Online-Schooling dies keine Alternative zum Präsenzunterricht ist. Die Vorteile des Präsenzunterrichtes, in dem eine Lehrkraft vor Ort zur Verfügung steht und die Kinder eine positive Beziehungserfahrung machen, unterstützt eklatant den Erfolg des Lernens, die soziale Komponente des Klassenverbandes, müssen nicht ausdrücklich hervorgehoben werden.

Was raten Sie Eltern bezüglich des zurzeit exzessiven Medienkonsums Ihres Nachwuchses?

Graze: Ich weiß sehr wohl um die extreme Zunahme des Medienkonsums und hoffe, dass sich dies wieder einigermaßen normalisiert und wir auch diesbezüglich in einer Ausnahmesituation sind. Ich weiß von Eltern, die durch diese ganze Homeoffice-Situation auch auf dieses Medium zurückgreifen und möchte hier nicht den moralischen Zeigefinger erheben. Ein sinnvoller Umgang mit Medien gehört ohnehin zum Basiswissen in der Erziehung. Dazu gibt es verschiedene Online-Portale mit nützlichen Empfehlungen.

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