Landgericht - Zweiter Prozesstag zum Messerangriff im Ostpreußenring / Ehefrau des Angeklagten berichtet von Misshandlung „Ich habe mehrfach auf ihn eingestochen“

Von 
Volker Widdrat
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Vor der Strafkammer des Landgerichts Mannheim wurde am Donnerstag der Prozess gegen einen 21-jährigen Iraker fortgesetzt, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorwirft. Der Mann soll am 16. August 2020 im Ostpreußenring seinen 32-jährigen Schwager mit einem Klappmesser schwer verletzt haben (wir berichteten).

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Am zweiten Verhandlungstag hörte die Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Gerd Rackwitz einen Rechtsmediziner der Uni Heidelberg. Das Opfer habe bei dem Angriff im Treppenhaus und bei dem anschließenden Kampf vor der Eingangstür zahlreiche Verletzungen davongetragen. Die Stichwunden zeugten von einer „aktiven Messerführung“. Die Verletzungen auf der linken Körperseite und dem Rücken seien durch „scharfe Gewalt“ entstanden. Der 32-Jährige hatte in der Klinik intensivmedizinisch versorgt werden müssen. Wegen des schweren Blutverlustes hatte er bereits vor Ort zwei Bluttransfusionen bekommen. Bei einem Blutverlust von zweieinhalb Litern habe „konkrete Lebensgefahr bestanden“, meinte der Gutachter. Die Stiche seien „mit großer Wucht geführt worden.“ Dabei seien Lunge und eine Niere verletzt worden. Ohne die schnelle ärztliche Hilfe wäre der Mann gestorben.

Ein 55-jähriger Beamter der Spurensicherung erläuterte anhand von Bildern den Tatort am Rande der Nordstadt. Das Treppenhaus, die Wand draußen und der Boden vor dem Eingang seien mit Blutspritzern übersät gewesen. Das mutmaßliche Tatwerkzeug hatte auf einem Müllcontainer gelegen, davor eine blutverschmierte Zigarettenkippe. Der ganze Bereich habe von einem „dynamischen Tatgeschehen“ gezeugt.

Kontakt zur Familie verboten

„Ich möchte hier die Wahrheit sagen“, erklärte die Ehefrau des Opfers. Ihr Mann habe sie während der Ehe immer wieder geschlagen, auch als sie mit dem ersten von zwei Kindern schwanger gewesen sei. Er habe ihr das Handy weggenommen und sie habe keinen Kontakt zu ihrer Familie haben dürfen, ließ sie über einen Dolmetscher für Kurdisch mitteilen. Der 32-Jährige habe immer wieder betont, dass er das Recht habe, so über sie zu verfügen.

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Die 25-Jährige berichtete auch vom Tag vor der Tat. Das Paar war in einem jesidischen Kulturhaus in Köln gewesen, um dort in einem Gespräch mit mehreren Männern die Eheprobleme zu erörtern. Als sie am Tatabend Schreie im Treppenhaus gehört habe, sei sie nach unten gegangen. Dort habe sie ihren Mann und ihren Bruder kämpfen gesehen. Nach der Auseinandersetzung sei ihr Bruder noch einmal zu ihr in die Wohnung gekommen und habe gesagt: „Ich habe es so gemacht, dass er dich nie wieder schlägt.“ Die 25-Jährige wollte zunächst keine genauen Angaben machen. Erst auf Nachfrage gab sie zu, dass einige Zeit vor der Tat ein Scheidungsverfahren in die Wege geleitet worden war. Das Jugendamt habe sich wegen der Kinder ebenfalls eingeschaltet. Eine frühere Anzeige gegen ihren Mann hatte sie zurückgenommen.

Sie habe viel geweint: „Das ist das Schicksal von uns jesidischen Frauen, wir leiden immer.“ Bei der weiteren Vernehmung stellte sich heraus, dass auch die Familien der Ehepartner involviert gewesen sind. Den Vorwurf, dass sie ihrem Bruder beim Angriff geholfen und dadurch, dass sie ihren Mann festgehalten habe, sich womöglich strafbar gemacht habe, wies die Zeugin zurück.

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Ein 55-jähriger Kriminalbeamter berichtete von der Vernehmung des Angeklagten. Er habe nicht gewollt, dass sein Schwager umkommt, habe er gesagt. Wenn der 32-Jährige seine Schwester aber weiter geschlagen hätte, „wäre einer von uns beiden gestorben.“ In Deutschland sei Misshandlung nämlich verboten. Ein Ermittler beschrieb die Aussagen von Anwohnern im Ostpreußenring. Bei der Polizei waren damals innerhalb von zwei Minuten acht Notrufe eingegangen. Alle Zeugen hätten größtenteils übereinstimmende Angaben gemacht. Der Bluttat war ein Chat zwischen den Männern vorausgegangen. „Eigentlich in einem entspannten Ton“, so der Beamte. Zwei Stunden zuvor habe der Angeklagte noch mit seinem Handy ein Bild vom Messer gemacht.

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Verteidigerin Andrea Combé gab eine Erklärung für ihren Mandanten ab. Es habe seit Jahren Probleme in der Beziehung zwischen seiner Schwester und dem 32-Jährigen gegeben. Sein Schwager habe sie geschlagen und getreten. Die Situation sei unerträglich geworden. Die Frau habe in Angst gelebt. Nach dem Jesiden-Treffen habe er sich nicht mehr an die Schlichtungsvereinbarung halten wollen. Als ihm seine Schwester eine Nachricht geschickt habe, dass sie erneut misshandelt worden sei, sei er nach Schwetzingen gefahren. „Er kam mir im Flur entgegen und packte mich. Ich bekam Panik und versuchte an mein Messer zu kommen. Ich habe mehrfach auf ihn eingestochen, erst dann hat er losgelassen. Ich war schockiert, wie schwer ich ihn verletzt hatte. Das wollte ich nicht. Ich schäme mich dafür, dass ich meiner Familie und meinem Schwager so viel Leid angetan habe“, so der 21-Jährige.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte stand bei der Tat nicht unter Alkoholeinfluss. Die Beweisaufnahme ist geschlossen. Am Dienstag, 19. Januar, um 9 Uhr hört die Kammer die Schlussvorträge. Danach könnte das Urteil fallen.

Freie Autorenschaft Volker Widdrat ist freier Mitarbeiter.